Preis für „Neue Wut“

Dokumentarfilme über Sozialproteste finden eine neue Öffentlichkeit

Mehr als zwei Jahrzehnte hat Martin Keßler als politischer Dokumentarfilmer für ARD, ZDF, Arte und WDR gearbeitet – bis er mit seiner kritischen Filmserie „Neue Wut“ offenbar für die immer mehr zum Bunten neigenden öffentlich-rechtlichen Sender zu anspruchsvoll geworden war. Keßler gab jedoch nicht auf und erreichte mit seinen Filmen über Sozialproteste eine neue Öffentlichkeit: Über das Internet, CD-Verkauf und Kinovorführungen, mit Unterstützung von Stiftungen, Gewerkschaften sowie einer interessierten Fangemeinde in sozialen Bewegungen. Dafür verlieh ihm der Verein Business-Crime-Control (BCC) im November in Frankfurt einen Preis.

Der BCC beschäftigt sich seit 1991 mit krimineller Ökonomie und ihren schädlichen Auswirkungen auf den Sozialstaat. Was aber hat eigentlich eine kritische Sozialberichterstattung über Hartz IV, Bildungsproteste und Globalisierungskritik mit Wirtschaftskriminalität zu tun? Viel, wenn man Keßlers spannender Gesellschaftsanalyse folgt! Bereits vor zehn Jahren hatte der renommierte Filmemacher im WDR in der „Story“ unter dem Titel „Das Milliardengrab“ über aufgeblähte Scheingeschäfte mit Bodenbelägen von Sportstadien am Beispiel der Firma Balsam berichtet. Und wie diese trotz besseren Wissens von Bankvorständen Riesenkredite einfuhr, beispielsweise von der Deutschen Bank. Wo indes Geld auf der anderen Seite sehr ertragreich wieder eingespart wird, machte Keßler bereits 1998 deutlich: Mit seinem Film „Billigjobs für Millionen“ im ZDF. Als man nach der Jahrtausendwende in öffentlich-rechtlichen Sendern solch entlarvende Sichtweisen auf die zunehmend weiter klaffende Schere zwischen Reich und Arm weniger zu schätzen wusste, wählte Martin Keßler einen eigenwilligen neuen Weg. Mit seinen Filmen „Neue Wut“ zum Thema Agenda 2010, „Kick it like Frankreich – der Aufstand der Studenten“ und „Das war der Gipfel“ über die Bewegung der Globalisierungskritiker in Heiligendamm tourte er durch die Kinos der Republik und hatte stets volle Häuser.
Keßler ist auch heute noch ein Journalist, der die Chronik der politischen Geschehnisse aus der Perspektive der unteren Gesellschaftsschichten erzählt. Mit seiner filmischen Arbeit will er verdeutlichen, „wie die Abzocke von reichen Eliten dem Sozialstaat schadet“. Den Blick für Alternativen und gesellschaftliche Utopien hält er offen, indem er soziale Gegenbewegungen begleitet. Durch seine Filme führen glaubwürdige und unabhängige Gesprächspartner und kluge Köpfe wie zum Beispiel der bekannte Sozialethiker Friedhelm Hengsbach, der französische Umweltrebell José Bové oder die indische Bürgerrechtlerin Vadana Shiva . Fern von Quotenfixierung und politischer Gleichschaltung ist Keßler einfach weiter seinen Weg gegangen – unter anderem unterstützt von ver.di, IG Metall oder IG BAU, Attac, der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt, der Otto-Brenner-, Rosa-Luxemburg- und Heinrich-Böll-Stiftung. Aber auch durch Medienpartnerschaften mit der taz oder der Jungen Welt. Für diese Leistung hat ihm der Verein BCC unter Vorsitz des Frankfurter Politikwissenschaftlers Hans See den mit 3.000 Euro dotierten Preis verliehen.
Der Preis ist nicht nur eine deutliche Ermutigung gewesen, sondern auch nützlich. Denn reich wird Keßler mit seinem Engagement nicht. In den Filmen steckt viel unbezahlte Arbeit von ihm, seiner Cutterin Eva Voosen und seinem Ton-Mann Ricardo Pereira. Obendrein muss er feststellen, dass sich ausgerechnet jetzt in Krisenzeiten immer mehr Unterstützer zurückziehen. Ob bei Gewerkschaften oder Stiftungen: „Man widmet sich gern wieder seinen Kerngeschäften und kehrt bisweilen zu schlichten Werbekampagnen zurück.“ Für unabhängige Filmemacher wie ihn ist dann kaum mehr Geld übrig. Deshalb überlegt Keßler, wieder auf das Fernsehen zuzugehen. Auf Dauer könne das Ausweichen auf Sponsoring für politische Dokumentarfilmer keine Lösung sein: Öffentlich-rechtliche Gelder müssen wieder für unabhängiges Filmschaffen her. Zunächst aber hatte Keßler aus der Not eine Tugend gemacht und nochmals auf eine neue Form gesetzt: die „Krisen-Splitter“ auf youtube. Eigentlich weil das Geld für einen großen Dokumentarfilm über die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise nicht reichte. Doch diese kleinen Filmausschnitte sind auch von Vorteil. Sie können aktueller sein.
Bei den Castor-Transporten, Stuttgart 21 und den Oldenburger Hartz IV-Protesten „Krach schlagen, statt Kohldampf schieben“ war er nicht – „weil einer allein das gar nicht schaffen kann.“ Keßler beschäftigt sich zurzeit grundsätzlicher mit der neuen Bürgerwut. Er sieht perspektivisch auf diese Entwicklung und macht sich Gedanken, wo der soziale Protest hindriftet. Seit die Legitimationskrise von parlamentarischer Arbeit aufgrund viel zitierter Hinterzimmer- und zunehmender Klientelpolitik breite Gesellschaftsschichten erfasst hat, beobachtet Kessler „ein Auseinanderfallen des sozialen Protestes“. Während Angehörige der Mittelschicht, die zunehmend den eigenen sozialen Abstieg fürchten, noch über gute Vernetzung und kommunikative Fähigkeiten verfügen, ziehe sich die Protestbewegung der wirklich Armen, die schon nichts mehr zu verlieren haben, immer weiter zurück. Diese Entwicklung eröffne Rechtspopulisten eine Chance, an Boden zu gewinnen. Derart vorausschauende politische Einschätzungen wären im öffentlich-rechtlichen Fernsehen am richtigen Platz.
Die AG Dokumentarfilm kritisiert auch deshalb heftig, dass Polittalker Frank Plasberg den letzten Platz für Dokus in der Primetime der ARD, montags um 21 Uhr, verdrängt: Zwischen all den lärmenden Talkern wie Günther Jauch, Anne Will, Maybrit Illner, die Politprominenz Eigen-PR betreiben lassen, müsse weiterhin der gute alte Dokumentarfilm seinen Platz finden – zur besten Sendezeit, nicht versteckt in Nischenprogrammen.

 

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