Respektvoll ohne Voyeurismus

ver.di-Preis ging an Paul Watson aus Großbritannien

Der Geehrte war sichtlich überrascht, als er bei der festlichen Abschlusszeremonie plötzlich seinen Namen hörte. Der Engländer hatte vergessen, sich die Kopfhörer für die Simultanübersetzung zu besorgen und war umso begeisterter, als er realisierte, dass der Beifall ihm gebührte. Paul Watson aus Großbritannien erhält für seinen Film „Rain In My Heart“ den mit 1.500 Euro dotierten Preis von ver.di (Bereich Kunst und Medien).

Die siebenköpfige Jury war sich diesmal schnell einig gewesen und es ist ihr wie in vielen Jahren zuvor gelungen, einen Film zu prämieren, der beim Festival für Aufsehen und Diskussion gesorgt hatte, auch bei anderen Jurys als Preisträger zur Diskussion stand, aber letztendlich keine der begehrten „Tauben“ bekam. Im Mittelpunkt des Films „Rain In My Heart“ stehen vier Menschen am Ende ihrer „Alkoholikerkarrieren“. „Man kann die Probleme nicht lösen – aber man muss zeigen, dass es sie gibt“, so Filmemacher Paul Watson. Mehr als 70 medizinische Einrichtungen verwehrten ihm den Zugang, als er sein Filmprojekt realisieren wollte – nur eine öffnete ihre Türen. Dort traf er Wanda, Mark, Tony und Nigel, vier Menschen, deren Leben von der Droge Alkohol bestimmt war. Watson sei für sie während der Dreharbeiten zur Vertrauensperson geworden, heißt es in der Jury-Begründung. „Respektvoll – ohne Voyeurismus – begleitete er diese Menschen mit seiner Kamera – in hoffnungsvollen Situationen ebenso wie bei deprimierenden Tiefschlägen, beim Ringen zwischen Leben und Tod. Er wahrte dabei das rechte Maß zwischen Nähe und Distanz. Schonungslos und dennoch sensibel erinnert er uns an von der Gesellschaft vergessene, am Abgrund lebende Mitmenschen. Dafür danken wir ihm.“

„Es ist ein Albtraum, Menschen beim Saufen, Leiden und Sterben zu filmen. Sich immer wieder zu fragen, ob man ihnen in irgendeiner Form helfen kann und doch zu wissen, dass es aussichtslos ist“, gestand Watson. Auch berichtete der in der Grafschaft Kent lebende 65jährige von seinen nächsten Projekten – einem Film über ein an Alzheimer erkranktes Ehepaar sowie über die Beerdigungskultur in Irland. Watson ist seit rund 40 Jahren Dokumentarfilmer, in erster Linie für den Fernsehsender BBC, wurde Ende der 1960er Jahre für seine Dokuserie „A Year in My Life“ mehrfach ausgezeichnet und 1974 mit der 12teiligen Serie „The Family“ international bekannt. Seither entwickelt er das Format Docu Soap in kontrovers diskutierten und mehrfach preisgekrönten Arbeiten weiter.

22 Filme in der Bewertung

Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Bereichsleiter Kunst und Kultur beim ver.di-Bundesvorstand, übereichte dem Engländer den Preis und nutzte die Gelegenheit, die DOK Leipzig als unverzichtbares internationales Festival zu würdigen und an Förderer, Sponsoren und Unterstützer zu appellieren, alles für den Erhalt und den Ausbau des Festivals zu tun. „Bereits zum 16. Mal vergab unsere Organisation einen Preis zur Leipziger DOK. Wir werden uns dafür einsetzen, dass diese gute Tradition weiter gepflegt wird und wir 2011 den ver.di-Preis zum 20. Mal vergeben können“, so das abschließende Statement der Jury, die im Jubiläumsjahrgang an fünf Tagen 22 Filme im Internationalen Wettbewerb zu sichten und zu bewerten hatte.

 

AG DOK verlieh erstmals „Das Dicke Fell“

Die AG DOK vergab in Leipzig erstmals den mit 5.000 Euro dotierten Preis an eine deutsche Fernsehredaktion, die sich in besonderer Weise um die Unterstützung und den Erhalt des programmfüllenden Dokumentarfilms im Fernsehen verdient gemacht hat.
Das erste „Dicke Fell“ ging an die Dokumentarfilm-Redakteurinnen und -Redakteure von ZDF/3sat. In der Begründung sagte AG-DOK-Vorsitzender Thomas Frickel: „Es braucht schon ein dickes Fell, um über Jahre hinweg ein Genre zu vertreten, das in den Führungsetagen der meisten Sender gar nicht so richtig gewollt ist. Gemeint ist hier nicht die auf allen Kanälen wohlfeile und leichtgängige Dokumentation, die inzwischen ja überall als Quotenbringer zum Hochglanzformat herausgeputzt und verhätschelt wird, (…) sondern den Dokumentarfilm als Autorenfilm – um das Kino-Format.“

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Vor genau einem Jahr hat die Europäische Union eine Richtlinie zum Schutz von Personen, die Verstöße gegen das Unionsrecht melden, die sogenannte Whistleblowing-Richtlinie, verabschiedet. Die Umsetzung in nationales Recht kommt in Deutschland nicht voran. Statt Rechtssicherheit für Hinweisgeber*innen zu schaffen und damit auch investigativen Journalismus zu stärken, streiten die zuständigen Ministerien darüber, ob sie die Richtlinie überhaupt national anwenden oder auf EU-Recht beschränken sollen.
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