Sichtwechsel

Kontroversen im Ringen um gewaltfreie Medien kaum zugelassen

„Sichtwechsel e. V.“ ist ein Verein, der sich seit 1995 mit dem Problem der medialen Gewalt von Bildschirmmedien im Kinder- und Jugendzimmer befasst und die gewalthaltige Bilder- und Spieleflut einzudämmen sucht, die auf die Heranwachsenden einstürmt. Das allein scheint ein Kampf gegen Windmühlenflügel, wenn man der Einschätzung zustimmt, dass die Jugend heute nicht mehr nur „mit Medien“, sondern „in Medien“ aufwächst. Im Oktober 2009 veranstaltete „Sichtwechsel“ neuerlich eine Tagung in Berlin, die sich speziell der Mediatisierung von Kindheit widmete.


Inhaltlich wurden Fragen von Werteerziehung und Sinnfindung in der Kindheit, die Wirkung audiovisueller Medien auf die Charakterbildung von Heranwachsenden, die Macht (bewegter) Bilder und der Einfluss von Social-Network-Communities auf Jugendliche erfasst. Bedenkenswertes enthielt das Einführungsreferat von Prof. Barbara v. Meibom, die u.a. anregte, über den durch Medienkonsum forcierten „permanenten Mangel an Nähe und Kontakt“ bei Kindern nachzudenken, der es ihnen später womöglich erschwere, „friedfertig und aktiv“ Verantwortung für diese Gesellschaft zu übernehmen. Als der Kunstpädagoge Prof. Jochen Krautz seine These, dass die Game-Industrie und das Militär eng verknüpft sind, mit Video-Vergleichsbildern von Luftangriffen der US-Army in Afghanistan und verblüffend ähnlichen Sequenzen aus dem Computerspiel „Call of Duty“ demonstrierte, hätte man die sprichwörtliche Stecknadel zu Boden fallen hören können. Viel Beachtung gab es auch für den Medienpsychologen Dr. Rudolf H. Weiß, der seine mit zwei Koautoren 2008 publizierten Ergebnisse einer Längsschnittstudie unter 13-Jährigen vorstellte. Alarmierende Resultate: Mehr als die Hälfte der befragten knapp 14-jährigen Jungen bekundeten Erfahrung mit dem weit verbreiteten, aber nicht für Jugendliche zugelassenen Computerspiel „Grand Theft Auto IV“ (GTA). Das „Killerspiel“ dürfte den Herstellern über eine Milliarde Dollar eingespielt haben. Ein nicht geringer Teil der Pubertierenden (etwa 13 Prozent der Gymnasiasten) erklärte, sich die erst ab 18 freigegebene Software selbst im Geschäft gekauft zu haben; ein ebenfalls beachtlicher Prozentsatz bekam sie ausgerechnet von der Mutter. Fazit: Der Konsum von Mediengewalt bewirke die spätere Gewalttätigkeit von Schülern stärker als andere Risikofaktoren wie Clique, Schule, Elternhaus oder Persönlichkeit. Ausführlicher: „Je häufiger Schüler während der Kindheit, also im Grundschulalter, Horror- und Gewaltfilme anschauen und je mehr sie sich mit gewalthaltigen elektronischen Spielen … in der beginnenden Adoleszenz beschäftigen, um so höher sind ihre Gewalttätigkeit in der Schule und ihre Gewaltkriminalität im Alter von 14 Jahren.“ Weiß sprach davon, dass die Studie vielfach ignoriert oder die festgestellte Kausalität – nicht nur in der „Gamer-Szene“ -geleugnet werde. Eine gängige Argumentation: Auch exzessive Spieler würden nur in tragischen, doch äußerst seltenen Ausnahmefällen gewalttätig.

Forderung nach Verboten

Nun sollte Widerspruch in solchen Fragen nicht grundsätzlich verwundern. Umso weniger, als Stellungnahmen des Vereins meist in prinzipielle Verbotsforderungen münden. „Ohne Verbote geht es nicht“, bekräftigte Regisseurin und „Sichtwechsel“-Sprecherin Leonija Wuss. Und die Resolution der diesjährigen Tagung verlangt explizit: „Sendungen, Filme, Videos, PC-Spiele, die nachweislich die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigen, dürfen aus ethischen Gründen weder produziert noch eingekauft oder ausgestrahlt werden.“ Adressaten solcher Forderungen – von „politischen und pädagogischen Gegnern“ spricht Weiß – sind zum einen die Politik und staatliche Instanzen, selbst die Bundeszentrale für politische Bildung. Ihnen gegenüber wird moniert, dass das Jugendschutzgesetz auch nach der Novellierung 2008 einem uneffektiven „Papiertiger“ gleichkomme – speziell, da die Ausführungsbestimmungen nicht entsprechend verschärft wurden. Zum anderen werden die Industrie, Film- und Fernsehproduzenten harsch kritisiert, die wirksamen Jugendschutz Marktgesetzen opferten und ihn „durch die freiwillige Selbstkontrolle“ gezielt unterliefen.
Der Tagungs-Appell an die Medien, sich stärker auf ihre Aufgabe zu konzentrieren, eine „Kultur des Friedens (UNESCO)“ zu fördern und sich die medialen Gefahren „für die Sinnfindung der Heranwachsenden“ vor Augen zu führen, trifft nach den Ereignissen von Winnenden, Ansbach und München-Solln sicher in breiten Teilen der Gesellschaft auf weiter sensibilisierte Ohren. – Doch wer, wie „Sichtwechsel“, will, dass nicht „die Verantwortung letztlich auf Eltern und Schulen abgeschoben wird“ und stattdessen „effektive politische Maßnahmen ergriffen werden“, der muss sich wohl für eine längere Wegstrecke rüsten, kräftigen Gegenwind aushalten und umso mehr nach Verbündeten suchen.
Mehrfach wurde auf der Tagung gegen „toxische“ Medieninhalte polemisiert sowie eine Haftung nach dem „Verursacherprinzip“ gefordert. Direkte, offensive und sachbetonte Auseinandersetzung blieb jedoch aus. Nicht nur Dr. Sabine Schiffer, Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen, beklagte einen „von interessierter Seite inszenierten Wissenschaftsstreit“, der Wirkmechanismen vom Gewaltmedien-Konsum „verschleiern“ solle. Opponenten eines derartigen Streits suchte man auf der Veranstaltung jedoch vergeblich. Ergebnisse ähnlich gelagerter Studien – etwa umfassende und aktuelle des anerkannten Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, das eben Auswertungen umfangreicher Schülerbefragungen zur Computerspielabhängigkeit vorgelegt hat (www.kfn.de, Forschungsberichte 107 und 108, 2009) – wurden auf der Tagung nicht erörtert. Noch irritierender: Der Jugendschutzbeauftragte von Sat.1, der aus dem Plenum Widerspruch zu vorgebrachten Thesen anmeldete, konnte sich nur mit Mühe Redezeit und Gehör verschaffen. Auch die beiden Fachfrauen Christiane v. Wahlert, Geschäftsführerin der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft, sowie Inge Mohr, Jugendschutzbeauftragte des RBB, hatten keinen leichten Stand, als auf dem Podium – gemeinsam? – über „Wege zu einem optimalen Medienangebot im Hinblick auf die Heranwachsenden“ debattiert werden sollte. Mohr löste mehr als Verblüffung aus, als sie von ihrem „guten Gewissen“ bei der Erfüllung des gesetzlich fundierten Auftrages sprach. Wahlert, die ein „Vollzugsproblem des Staates“ bei der Einhaltung von Verboten einräumte und erklärte, dass „Medienverwahrlosung per Gesetz nicht beizukommen“ sei, lieferte den Organisatoren quasi eine Steilvorlage zu lösungsorientierter Debatte. Genutzt wurde sie nicht. Das Gros der Teilnehmer schien vordergründig auf Selbstbestätigung aus. Da bleibt im löblichen und notwendigen Ringen um gewaltfreiere Medien nur eines zu wünschen: ein Sichtwechsel.

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