„Thrilling and Moving“

Wo steht der Dokumentarfilm? Diskussionen auf dem 5. Baden-Badener Dokumentarfilm-Workshop

Die Lage des Dokumentarfilms ist nicht schlecht, aber auch nicht gut. Man findet reichlich Dokumentationen, Naturfilme, Reiseberichte, Wissenschaftsreports, Dokus. Der klassische Dokumentarfilm aber geht in dieser Fülle unter.

So lautet die Diagnose, die die Filmkritikerin Doris Metz auf dem 5. Baden-Badener Dokumentarfilmworkshop abgab. Überall Grenzüberschreitungen. Zunehmend mehr Dokumentationen bedienen sich inszenatorischer Methoden. Authentische Stoffe werden wie Spielfilme inszeniert, z.B. „Der Busenfreund“, ein in Baden-Baden diskutierter Film des österreichischen Autors Ulrich Seidel. Entgrenzung auch in Fernsehfilmen, die ihren Stoff aus der Zeitungsschlagzeile beziehen. Soll man von einer Entgrenzung des Genres sprechen oder lieber von einer Entgrenzung des Authentischen? Sichtbar wird nach Ansicht von Doris Metz, daß viele Dokus austauschbar sind, ästhetisch wie inhaltlich. „Hochglanzware“ statt individueller Handschrift. Als erfolgreich gilt, wie im Schweizer Fernsehen, alles was „thrilling and moving“ sei. Ungewöhnliche, sperrige, gar leise Dokumentarfilme aber geraten in die „Mainstream-Falle“. Es sinkt die Geduld sowohl der Macher wie der Zuschauer mit dem, was nicht im Mainstream schwimmt.

Aus der Perspektive des Weltmarkts ritt Lutz Hachmeister von der Cologne Conference eine Attacke gegen zuviel Heimeligkeit. Der sozial engagierte deutsche Dokumentarfilm, so eine These, werde auf dem internationalen Markt nicht wahrgenommen und sei auch nicht wettbewerbsfähig. Am Erfolg der amerikanischen „Discovery“-Kanäle könne man jedoch große Chancen für das Genre ablesen. Als Gründe für das boomende „documentary business“ nannte Hachmeister: niedrigere Produktionskosten, ein wachsendes „Bedürfnis nach Welterklärung“ und eine Themen-Krise auch des fiktionalen Fernsehens. Allerdings produziere die Globalisierung auch ästhetische Normen. Internationale Programmware ist 52 Minuten lang (der Rest auf die volle Stunde mit Werbung zu füllen) und setzt vor allem auf hohe Emotionalität. Im internationalen Vergleich ist nach Hachmeisters Ansicht der deutsche Dokumentarfilm „radikal unterfinanziert“. Zwischen Rucksack-Produzenten und den großflächigen Produzenten wie etwa dem ZDF fehle eine „mittlere Ebene“ von Produzenten.

Die Klage, speziell die ARD tue nichts für die Dokumentaristen, und ihre PR-Arbeiter interessierten sich nicht für das Genre, war allgemein. „Unsere Präsentation auf dem internationalen Markt ist unter aller Kanone“, befand Ebbo Demant. Beim Südwestfunk, wo er als ARD-weit letzter Filmemacher eine Dokumentarfilm-Redaktion führt, werden seit zwei Jahren Dokumentarfilme budgetiert. Auch die senderinternen Kosten werden registriert, um den wirklichen Wert eines Films zu ermitteln. Diese Entwicklung wird vermutlich weitergehen. Kann sein, sie stimuliert die Produktion von Dokumentarfilmen. Andererseits führt sie zu zu Auftragsproduktion und Auslagerung. Outsourcing gilt inzwischen offenbar als Chance für größere Wendigkeit. Werner Dütsch (WDR): „Es wäre besser, die Produktionsapparate ganz verschwinden zu lassen und in Geld zu verwandeln“.

Auf die Diskussions-Vorgaben von Metz und Hachmeister reagierten die Teilnehmer des Workshops, darunter viele prominente Dokumentaristen, unerwartet defensiv und mit Abwehrreflexen. Gewiß vernachlässigt Hachmeister, daß Dokumentarfilme mit konkreten Personen, mit ortsansässigen Geschichten und überschaubaren Regionen zu tun haben. Fakt ist wohl auch, daß in Europa kleine Produzenten und Autoren die nationalen Fernsehmärkte beliefern und das weiterhin tun werden.

Aber sich vor Ekel schütteln angesichts der auch ästhetisch ausgklügelten Marketingstrategie etwa der Knopp’schen TV-Geschichtsschreibung hilft nicht weiter. Nach Stoffen, die „thrilling and moving“ versprechen, wird längst in allen TV-Anstalten gesucht. Es scheint, als ignorierten viele Dokumentaristen die Lage. Den klassischen Dokumentarfilm gibt es nur selten im Kino. Es gibt ihn fast nur noch im Fernsehen. Da aber ist er keineswegs unabhängig vom Medium selbst. Genre und Medium sind miteinander verheiratet, in guten wie in schlechten Tagen.

In Baden-Baden konnte man indes den Eindruck bekommen, als wollten die Filmemacher lieber weiterhin glauben, sie bestimmten den randvollen Bilderhimmel, seine Regeln und Gesetze. Mit Vehemenz wurden Diskussionen um Authentizität abgewehrt. Als habe es keine Golfkriegs-Berichterstattung, keinen Michael Born und nicht Dutzende Beispiele für die Fiktionalisierung der Berichterstattung gegeben.

Gewiß ist dokumentarische Beobachtung immer auch Inszenierung. Sie zeigt niemals das unmittelbar Authentische, sondern die technische, optische und subjektive Wahl des Autors. Das hat sich herumgesprochen. Aber nicht der Gegensatz authentisch versus inszeniert steht zur Debatte, und schon gar nicht ein normativer Streit darüber, was Dokumentarfilme dürfen und was nicht. Sehr wohl zu diskutieren wäre aber, was der Verlust an Glaubwürdigkeit des Mediums Fernsehen für Dokumentaristen bedeutet. Müssen sie nicht auch mit Zuschauern rechnen, die Fernsehen gucken, aber ihm immer weniger glauben? Die sich vielmehr in der Virtualität eingerichtet haben, wonach ohnehin alles inzeniert (neudeutsch: gefaket) ist? Wenn man den Bildern nicht mehr trauen darf – welche Dramaturgien, welche Strategien können dann die Übereinkunft mit dem Zuschauer sichern?

 

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