Überzeugend „auf den letzten Metern“?

Der Dreikampf ums Kanzleramt am 12. September 2021 im Ersten. Die Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) der Kanzlerkandidat der SPD Olaf Scholz (li.) und der Kanzlerkandidat der CDU (re.) Foto: ARD/ZDF

Erstmals wurde in diesem Bundestagswahlkampf das Format der „Kanzler-Trielle“ im Fernsehen zur Meinungsbildung über die Bewerber*innen eingesetzt. Im Rahmen eines Web-Talks der Friedrich-Naumann-Stiftung diskutierten drei Kommunikations- und Politikwissenschaftler*innen, welchen Einfluss diese Trielle auf Wahlkampf und die Wahlentscheidung der Bürger*innen haben, auch im Unterschied zu den bisher gewohnten TV-Duellen zwischen Amtsinhaber*innen und Herausforderern.

Was weiß die politikwissenschaftliche Forschung über die Wirkungsweise von solchen medialen Großereignissen? Neben den präsentierten Informationen über die Kandidat*innen kann das Format verschiedene Funktionen erfüllen: die Mobilisierung der jeweiligen Anhängerschaft, die finale Überzeugungsarbeit „auf den letzten Metern“, die Verstärkung der Medienberichterstattung zu den eigenen Gunsten.

Kristina Weissenbach, Politikwissenschaftlerin an der University of Washington in Seattle (USA), zugleich Co-Sprecherin der Standing Group on Political Parties des European Consortium for Political Research, forscht seit langem zu Stellenwert und Wirkung von TV-Debatten in Bundestags- und Europawahlkämpfen. Ihr Hauptinteresse gilt unter anderem der Frage, inwieweit solche Duelle/Trielle potenziell demokratie- und partizipationsfördernde Wirkungen haben. Die Ergebnisse von – nicht repräsentativen – Vorher-Nachher-Befragungen unter Studierenden bei den beiden bisherigen Triellen bei RTL und ARD/ZDF ergaben interessante Einblicke.

Erstmals in der Geschichte dieses noch recht jungen TV-Formats existiert (wegen des Rückzugs von Angela Merkel) kein Amtsinhaberbonus. Die Mehrheit der Befragten attestiert einen solchen Bonus am ehesten Olaf Scholz, der mit Begriffen wie Kontinuität und Bodenständigkeit assoziiert wird. Armin Laschet und auch Annalena Baerbock rufen dagegen assoziativ eher den Begriff Wandel hervor. Was die Beurteilung der Kandidat*innen angeht, so wurden nach beiden Triellen Scholz und Baerbock als „tatkräftiger“ und „sympathischer“ bewertet. Das Attribut „überzeugend“ wurde im Ranking eher Scholz, weniger Baerbock, am wenigsten Laschet zugestanden – interessanterweise jedoch ohne relevanten Einfluss auf die Wahlpräferenzen.

Unter thematischen Aspekten gaben die Befragten an, nur geringe Erkenntnisgewinne in Bezug auf die Position der Kandidaten erhalten zu haben. Die Moderatorenteams, so die Kritik, sollten sich besser in Bezug auf die Themen absprechen und gegebenenfalls komplementär Problemkomplexe – z.B. Europa, Pflege, etc. – erörtern. Speziell beim zweiten Triell wurde die Sendung als „enttäuschend“, „durcheinander“ und „zu unruhig“ qualifiziert – ein Umstand, der vor allem der Moderation angelastet wurde. Auch hier schnitt in der Bewertung Kandidat Scholz am besten ab: ihm wurde das Attribut „gelassen“ zugeschrieben, während Laschet als „aufdringlich“ und „detailversessen“ bewertet wurde, Baerbock hingegen als „vermittelnd“ und „ausgleichend“. Was allerdings auch mit dem Setting – ihrer Position zwischen den männlichen Wettbewerbern – zusammenhängen könnte.

Können TV-Duelle Wahlen entscheidend beeinflussen? Zumindest in der Geschichte der Präsidentschaftswahlen in den USA gibt es dafür Beispiele, findet Klaus Kamps, Politikwissenschaftler an der Heinrich-Heine-Uni Düsseldorf: etwa den knappen Sieg von John F. Kennedy über Richard Nixon 1960. Auf deutsche Verhältnisse sei dies jedoch kaum übertragbar, da hier Parteien und nicht Kandidaten direkt gewählt würden. Kamps These: Nicht die TV-Debatten beeinflussten potenzielle Wähler*innen, „die größte Wirkung erzielt das Reden über die Trielle selbst.“ Für die Meinungsbildung der Zuschauer*innen, so ergänzte Weissenbach, sei darüber hinaus relevanter, was ihnen in den sozialen Medien von der eigenen Peergroup zugespielt werde.

Nur wenn ein Kandidat einen gravierenden Fehler mache, könne das Auswirkungen auf die Wahlentscheidungen einzelner haben. Auch das „überraschende Auftreten“ einer Kandidatin, das Abweichen vom Gewohnten, falle in diese Kategorie. Die Attacken von Laschet auf Scholz im zweiten Triell hätten diesen aus der Reserve gelockt und beim Publikum die Reaktion „Er ist ja doch ein Mensch“ (und nicht der bekannte „Scholzomat“) hervorgerufen. Ansonsten sehe jeder Zuschauer, jede Zuschauerin ein „anderes Triell, je nach Parteienpräferenz“.

Kamps hält das Format an vielen Stellen für verbesserungsfähig. Ähnlich wie Weissenbach plädierte er dafür, anstelle eines politischen Rundumschlags bei künftigen Triellen eher „themenzentriert“ vorzugehen. Vertiefung statt hektischem Abfragen allzu vieler Politikfelder. Er outete sich als „Fan von Townhall-Meetings“, also Kandidatencheck durch Bürgerforen. Etwas, was parallel von den Sendern (z.B. in der „ARD-Wahlarena“) auch in diesem Wahlkampf vereinzelt versucht wird.

Moderator Patrick Horst, Politologe an der Uni Bonn, wünscht sich bei den Triellen ein dezenteres Auftreten der Sender selbst. Schließlich gehe es nicht in erster Linie um die Reputation der Moderator*innen. Ein einziger Moderator reiche völlig aus; so ließen sich „Hahnenkämpfe“ wie beim zweiten Triell zwischen Köhr und Illner vermeiden.

Kamps monierte die „Horserace“-Berichterstattung der Sender. Alles werde auf Kampf zugespitzt, alles müsse gemessen werden. Viele inhaltliche Aspekte würden dagegen „hinter dem ganzen Rauch“ runterfallen. Seine skeptische Frage: „Ist das wirklich etwas, was die Demokratie braucht?“

 

nach oben

weiterlesen

Istanbul: Meşale Tolu endlich freigesprochen

Freispruch für Meşale Tolu: Nach vier Jahren und mehr als acht Monaten endet damit ein mehr als zweifelhaftes, politisch motiviertes Verfahren der türkischen Justiz gegen die deutsche Journalistin und Übersetzerin. Tolu hatte in Istanbul unter anderen für die linksgerichtete Nachrichtenagentur Etha gearbeitet hatte, war im April 2017 inhaftiert und später wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation sowie Terrorpropaganda angeklagt worden.
mehr »

Filmtipp: „Die Wannseekonferenz“

Matti Geschonneck hat zum 80. Jahrestag aus dem als „Wannsee-Konferenz“ in die Geschichte eingegangenen Treffen führender Vertreter des NS-Regimes zur „Endlösung der Judenfrage“ ein erschreckend faszinierendes Kammerspieldrama gemacht. Dank des famosen Spiels der Mitwirkenden ist es auf morbide Weise faszinierend, wie die Männer die logistischen Herausforderungen besprechen und sich über juristische Details ereifern. Das Verbrechen selbst ist da schon beschlossene Sache.
mehr »

Bedenken bei neuem Medienstaatsvertrag

Am 19. November hat die Rundfunkkommission der Länder einen „Diskussionsentwurf zu Auftrag und Strukturoptimierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ vorgelegt. Bis 14. Januar lief die öffentliche Konsultationsphase. Grundsätzlich begrüßen der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di den Entwurf zum neuen Medienstaatsvertrag und das Vorhaben, der digitalen Transformation der Anstalten einen rechtlichen Rahmen zu geben. Allerdings haben ver.di und der DGB neben einzelnen Ergänzungen bei anderen Vorschlägen verfassungsrechtliche Bedenken. 
mehr »

Lebenslange Haft für Staatsfolter in Syrien

Das Oberlandesgericht Koblenz hat heute Anwar R., in den Jahren 2011 und 2012 Chefvernehmer der berüchtigten Al-Khatib-Abteilung 251 des syrischen Geheimdienstes in Damaskus, zu lebenslanger Haft verurteilt. Das erste deutsche Verfahren nach dem Weltrechtsprinzip, in dem es um Verbrechen des Assad-Regimes in Syrien ging, dürfte als Meilenstein in die Rechtsgeschichte eingehen. Doch hinsichtlich Presseberichterstattung und Dokumentation bleibt begründete Kritik. 
mehr »