Verhäckselung und Verzeitfunkung

RBB auf dem Weg zu schärferem Programmprofil nicht ohne kritische Stimmen

Ein knappes Jahr nach dem Zusammengehen von ORB und SFB gewinnt der Fusionssender Rundfunk Berlin-Brandenburg allmählich ein schärferes programmliches Profil. Die Zwischenbilanz ist eher durchwachsen: das neue RBB-Kulturradio stößt auf nahezu einhellige Ablehnung; ob das unlängst gestartete Dritte TV-Programm Hauptstädter und Brandenburger begeistern kann, steht noch dahin.

Die Kritiker des zum 1. Dezember vergangenen Jahres gestarteten RBB-Kulturradios fuhren schweres Geschütz auf. Das Sendeschema wirke „wie ein pädagogisches Programm für Konzentrationsgestörte oder so, als habe ein Mitarbeiter des Katasteramts es in seiner Freizeit gestrickt“, sagte Rainer Nitsche, Vorsitzender des Landesverbandes Berlin-Brandenburg des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels bei einer Diskussion im Literaturhaus Berlin. Dem Berliner Rechtsanwalt und Kunstmäzen Peter Raue missfällt vor allem der Einsatz klassischer Musik. Man merke, dass die Redakteure diese Musik nicht selbst aussuchten. „Ich will nicht wissen, dass ich das allzu beliebte A-dur-Klavierkonzert 428 im zweiten Satz gehört habe, und das auch noch, was nicht verraten wird, nur zur Hälfte.“ Das Ganze sei ein unbeschreibliches „Gesusel und Gedusel“. Es handle sich nicht mehr um „Niveauverlust, sondern um Niveaubeseitigung“. Da die Verantwortlichen kein Einsehen hätten, werde wohl vor allem das DeutschlandRadio Berlin weiteren Zulauf bekommen.

Treue Hörer verprellt

Das sehen wohl auch die früheren Stammhörer der bisherigen Kulturwellen „Radio Kultur“ und „Radio 3“ so. Viele wollen partout nicht einsehen, wieso gerade ihre Lieblingssendungen plötzlich aus dem Äther verschwinden: Programm-Marken wie die „Noten zur Literatur“, die „Galerie des Theaters“, „Gulliver“, das „Kultur-Journal“ und vieles mehr. Ersetzt wurden diese gewohnten Sendungen in der Zeit von 6 bis 18 Uhr durch ein so genanntes „Tagesbegleitprogramm“ mit vier jeweils dreistündigen Magazinstrecken. Das sind täglich wiederkehrende „Rubriken“, mit in der Regel maximal vier Minuten langen Wortschnipseln, ein Sammelsurium disparater Beiträge.

Was sich in Berlin abspiele, sei „leider nur Teil eines umfassenden und fast alle Sender mittlerweile infiziert habenden Konzepts“, findet auch Karl Corino, ehemaliger Leiter der Literaturabteilung des Hessischen Rundfunks. Der Abschied vom Einschaltradio hin zum Tagesbegleitprogramm beim HR, NDR, WDR und RBB erwecke den Eindruck, als würden die Programmmacher „alle voneinander abschreiben“. Programme, die „konzentriertes Zuhören“ verlangten, seien abgelöst worden durch eine zunehmende „Verhäckselung“ und „Verzeitfunkung“.

Die Notwendigkeit eines radikalen Programmschnitts hatte die RBB-Geschäftsführung mit der mangelnden Akzeptanz der Vorgängerprogramme begründet. Tatsächlich waren in den letzten Jahren die Hörer von „Radio Kultur“ und „Radio 3“ scharenweise geflüchtet. Viele eingefleischte Kulturradiohörer wurden durch schlecht funktionierende Kooperationen von ORB / SFB, häufige Frequenzwechsel und unsensible Programmverschiebungen zum DeutschlandRadio oder gar zum privaten Klassik-Radio vertrieben.

Ob mit dem neuen Konzept an die Zielgruppe der „neuen Erwachsenen“ ab 40 heranzukommen ist? Die meisten Kritiker bezweifeln die Erfolgsträchtigkeit dieser Strategie. „Ich glaube, dass man dadurch die bisherigen treuen Hörer verprellt und neue Hörer nicht gewinnt“, sagt Corino.

Der Versuch, jünger zu werden

Seit dem Start des neuen RBB-Fernsehprogramms am 29. Februar ist die Fusion laut RBB-Intendantin Dagmar Reim „auch auf dem Bildschirm sichtbar“. Man hat sich viel vorgenommen: „Heimatsender“ soll der RBB sein, „für Berlin und Brandenburg, Stadt und Land, für Metropole und Region“. Skeptiker argwöhnen, dass der Geschmack des kulturell anspruchsvollen Grosstadtpublikums gegenüber den eher rustikalen Sehbedürfnissen in der Mark zu kurz kommen könnte.

Das Programm ist in drei Zeitzonen unterteilt. Den Auftakt des Vorabends liefert um 17.55 Uhr „Unser Sandmännchen“, gefolgt von zwei Stunden regionaler Information und Unterhaltung. Dazu zählen „rbb um sechs“, „zibb“ und die beiden Nachrichtenmagazine „Brandenburg Aktuell“ und „Berliner Abendschau“. Letztere haben in der Startphase zur Besorgnis ihrer Macher durch das boulevardorientierte „zibb“ einiges an Quote verloren. An die „Tagesschau“ schließt sich eine Mischung aus „Vertrautem und Neuem“ an, ein „Mix aus Ratgeber, Service und Unterhaltung“. Um 22 Uhr folgt die viertelstündige, in Berlin produzierte regionale Nachrichtensendung „rbb aktuell“. Danach vor allem Sendungen aus den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Zeitgeschichte. „Wir wollen versuchen, jünger zu werden“, sagt Stefan Abarbanell, Chef der Programmkoordination. Angepeilt sei vor allem die Zielgruppe von 30 bis 50 Jahren.

Ausgerechnet ohne Kino

Die meisten neuen Sendeformate entstanden durch das Zusammenlegen paralleler Angebote der bisherigen Programme. So ist etwa das neue Kulturmagazin „Stilbruch“ Ergebnis einer Fusion der Kultursendungen „Ticket“ (SFB) und „Querstraße“ (ORB). Nach dem gleichen Muster wird aus den Sportmagazinen „Einwurf“ (RB) und „Sportpalast“ (SFB) der „Sportplatz“ aus den Botanikleisten „Du und dein Garten“ (ORB) und „Unser Garten“ (SFB) das neue Format „Schön grün“. Zu den echten Neuentwicklungen zählt neben dem boulevardorientierten Vorabendmagazin „zibb“ die Talkshow „Leute am Donnerstag“, moderiert von Ulla Kock am Brink und Jörg Tadeusz. Neu ist auch das Lebensberatungs-Magazin „Hauptsache Mensch“ (Dienstag 21.30 Uhr). Eingestellt wurden dagegen die Talkrunden „Cherno“, „Alex“ und „Berliner Platz“. Auch das Kinomagazins „Muwie“ (SFB) gibt es nicht mehr – eine fragwürdige Entscheidung am Standort von Berlinale und Studio Babelsberg. Es fällt auf, dass vom ehemaligen ORB wesentlich mehr Formate erhalten bleiben als vom SFB. „Wir haben nicht Fliegenbeine gezählt“, rechtfertigt RBB-Intendantin Reim, sondern „versucht, ein neues Programm zu schreiben mit guten Ankern in dem, was sich bisher bewährt hatte“. Im ehemaligen SFB sprechen dagegen einige von „feindlicher Übernahme“.

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