Verwegene Welle

Seit zehn Jahren trägt Radio Multikulti zum Verständnis der Kulturen bei

Der Multikulti-Tag beginnt um 6 Uhr mit dem Morgenmagazin FrühStück. Bis 10 Uhr wird zwischen aufwach-tauglicher „world wide music“ und unaufgeregter Moderation über den Berlin-Brandenburger Alltag und das internationale Geschehen berichtet. Danach ist Meridian 13 der Ausgangspunkt für eine zweistündige Musikreise um den Globus. Gewesene Konzerte werden besprochen und auf kommende wird hingewiesen. Fast jeden Tag sind musikalische Gäste im Studio und packen ihre Instrumente aus.

Mit dem Mittagsmagazin Metro rauschen die Hörerinnen und Hörer durch die multikulturelle Gesellschaft der Region. Menschen, die etwas zu erzählen haben, werden vorgestellt und die Kulturtipps helfen, sich im Dickicht der Stadt zu orientieren. Der rasende Reporter Kemal Hür streift durch Grünanlagen und Hinterhöfe und berichtet über unglaubliche Ereignisse ohne die alltäglichen zu verschweigen. Die Maxime der Redaktion: „Reisen Sie mit der Metro auch in andere Metropolen. Begrüßen Sie mit uns Besucher aus aller Welt, sehen Sie Berlin und das Umland mit den Augen der anderen.“

Ab 14 Uhr geht es ins Cafe Global. Zur Siesta-Zeit ist die Musik etwas gemächlicher. Ausgeruht kann man sich dann im 14-tägigen Wechsel von Spezialisten einer musikalischen Region das Neuste aus seiner heimatlichen Szene erklären lassen. Bei Hintergrundgesprächen wird das Wichtigste vom Tage unter die multikulturelle Lupe genommen.

„Ohne Technik läuft nichts!“ mahnt ein Schild an der Studiowand. Dass es läuft, dafür sorgt Welleningenieur Andreas Hamerl mit seinem Team. Die Tontechnikerin Angelika Schaefer hegt Zweifel, ob Selbstfahrerstudios das Richtige sind. „Bei manchen Sendungen ist das kein Problem. Wenn ein Moderator nur Musik auflegt, geht das. Magazinsendungen mit vielen Einspielungen werden ohne uns dilettantischer.“ Ihre Kollegin Dagmar Kellenbenz pflichtet ihr bei und betont, dass es bei Multikulti noch ziemlich geregelt zugeht. „Es macht schon einen Unterschied, wo ich arbeite. Hier macht es Spaß, das hat mit der Musik und dem bunten Kreis der Kollegen zu tun.“ Überhaupt ist die Arbeitsplatzzufriedenheit bei Multikulti augenscheinlich.

Abend der 18 Sprachen

Von 6 bis 17 Uhr auf Deutsch, danach bis 22 Uhr in 18 Sprachen und in der Nacht die besten Weltmusik-DJs mit ihren abgedrehten Shows. „Radio Multikulti ist das Radio für das Leben in der multikulturellen Metropole. „Wir bieten eine einzigartige Mischung der kulturellen Vielfalt mit Informationen über das Zusammenleben bei uns und anderswo. Die Brücke ist die Musik und die ist in ihrer Mischung verwegen und in Europa immer noch einmalig: zehn Klangregionen wechseln sich ständig ab.“ So charakterisiert Wellenchefin Ilona Marenbach den etwas anderen Sender vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Musikchef Tobias Maier sagt, dass es wohl keinen Sender gibt, der in der Musikfarbe so abwechslungsreich ist. In der Rotation – das ist der Rechner mit den gespeicherten Stücken, die ständig zur Auswahl stehen – sind derzeit etwas über 6.500 Titel. Bei anderen Sendern seien das gerade Mal 450 bis 500 Titel. Maier: „Wir beschäftigen uns mit 90 Prozent des weltweiten Musikausstoßes.“

Auch die Nachrichten heben sich von anderen Sendern wohltuend ab. „Das Siebenundzwanzigste Statement zum Kündigungsschutz wird hier nicht gesendet“, sagt Rolf Grünewald, einer der fünf Nachrichtenredakteure und Sprecher. Auf die üblichen Platitüden von Politikern und Wirtschaftsbossen wird gerne verzichtet. Grünewald: „Migrationsthemen im weitesten Sinne, das Zusammenleben der unterschiedlichen Communities und Entwicklungspolitische Zusammenhänge machen unseren Multikulti-spezifischen Nachrichtenmix aus. Doch wir vermelden auch, wenn Jürgen Kliensmann Teamchef der Fußballnationalmannschaft wird.“ Zwischen zwei Nachrichtensendungen stellt der Nachrichtenmann (oder die Frau) Meldungen und O-Töne zusammen.

Multikulti beschäftigt 190 Kolleginnen und Kollegen aus 32 Nationen. Lediglich 30 sind fest angestellt. „Damit haben wir ein Problem“, sagt Personalratsmitglied Hamerl. Wort- Musik- und fremdsprachige Redaktion üben sich im täglichen Spagat, mit einem niedrigen Etat ein ambitioniertes Programm zu bringen. Derzeit hat Multikulti einen Marktanteil von 0,7 Prozent. Das sind pro Stunde etwa 65.000 Hörerinnen und Hörer: darunter schätzungsweise etwa 60 Prozent fremdsprachige Menschen. „Wir erfüllen einen öffentlich-rechtlichen Auftrag“, so unisono Nachrichtenmann Grünewald, Musikchef Maier und Techniker Hamerl. Was am 18. September 1994 als Experiment begann, ist zehn Jahre danach „das beste, was die Radiolandschaft hergibt“, wie vielfach im Internet-Gästebuch zu lesen ist.

Radio Multikulti – Die Frequenzen

  • Berlin und Umland: UKW 96,3 MHz
  • Frankfurt / Oder: UKW 99,3 MHz
  • Cottbus: UKW 91,6 MHz
  • Mittelwelle 567 kHz (529m)
  • Kabel Berlin: UKW 96,85 MHz
  • Alle anderen Empfangsmöglichkeiten – Digital, Analog, Satellit, Deutschland-, Europa- und Weltweit – im Internet unter www.multikulti.de; hier auch 1:1 Livestream und Radio on Demand.
nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

KEF empfiehlt neue Beitragshöhe

Auf 18,64 Euro pro Monat soll der Rundfunkbeitrag ab Januar 2027 ansteigen. So lautet nun auch offiziell der neue Vorschlag der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF). Heute am frühen Nachmittag gab sie ihn bekannt. Diese Empfehlung an die Bundesländer war erwartet worden. Bereits Ende vergangenen Jahres sickerte durch, dass die KEF eine geringere Erhöhung des Rundfunkbeitrags vorschlagen will.
mehr »

Der SR lässt sich checken

Die öffentlich-rechtlichen Sender stehen unter Spar- und Reformdruck. Die Politik verlangt den Abbau von Mehrfachstrukturen und eine Profilierung des Programmauftrags. Die meisten Anstalten sind bereits im Umbau. Angesichts dieser Herausforderungen lässt der Saarländische Rundfunk (SR) derzeit seine Organisationsstrukturen von externen Beratern überprüfen.
mehr »

ÖRR als Public Open Space?

Der Reformstaatsvertrag eröffnet neue Wege für die Infrastruktur öffentlicher Kommunikation, befindet Jan Christopher Kalbhenn in einer Kurzstudie, die er für die Friedrich-Ebert-Stiftung verfasst hat. Denn die demokratische Öffentlichkeit, so Kalbhenn, steht angesichts der Machtkonzentration bei digitalen Plattformen vor einer grundlegenden ordnungspolitischen Herausforderung.
mehr »

Mehrsprachig gegen Desinformation

Die Organisation der Neuen deutschen Medienmacher*innen (NdM) hat einen Forderungskatalog vorgelegt, mit dem Desinformation wirksamer bekämpft werden kann. Schwerpunkt ist dabei unter anderem der Ausbau mehrsprachiger öffentlich-rechtlicher Angebote. Verlässliche Informationen dürften nicht nur auf Deutsch zugänglich sein, so NdM.
mehr »