Vogelfrei im Norden

NDR: Fast 200 Freie nach jahrelanger Vollbeschäftigung vor die Tür gekehrt

Auch wenn es offiziell nicht so heißen darf: Mit dem „Tag des zweiten Standbeins“ haben die Freien des Norddeutschen Rundfunks im Februar eindrucksvoll bewiesen, dass auch Freie streiken können.

Felix Braun* ist etwas dazwischen gekommen, was auch anderen schon passiert sein soll. Der Enddreißiger wurde vor fast drei Jahren Vater. Sein Arbeitgeber, ein Quasi-Monopolist, der seine Einnahmen durch sogenannte „Gebühren“ bestreitet, setzte den Familienvater anderthalb Jahre nach der Geburt vor die Tür. Einfach mal so. Nach elf Jahren Vollbeschäftigung lieferte Braun am letzten Tag noch ein Fernsehmanuskript ab. Anschließend ging es in die Arbeitslosigkeit und in den beruflichen Neustart als freier Fernsehjournalist. Obwohl Felix Braun von seinem langjährigen Arbeitgeber noch ein Überbrückungsgeld für die ersten Monate im neuen Lebensabschnitt als Vogel-Freier mit auf den Weg bekommen hat, wurde es manchmal finanziell ganz schön eng für das junge Glück. „Als Single habe ich häufiger mal mit wenig Geld gelebt“, sagt Braun. „Das war nie ein Problem. Aber mit zusätzlichen Kosten wie Kindergartengebühren und höherer Miete war es in den vergangenen Monaten einige Male sehr knapp.“

Spätestens nach 15 Jahren ist Schluss

Der ehemalige Arbeitgeber von Braun heißt Norddeutscher Rundfunk (NDR) und hat in den vier nördlichen Bundesländern Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern keinen ernst zu nehmenden Konkurrenten, ein laut NDR-Freien „Quasi-Monopolist“ eben. Der praktiziert eine in der deutschen Fernseh- und Rundfunklandschaft einzigartige Kündigungspolitik gegenüber seinen festen freien Mitarbeitern. (M04/2006) Das Motto: „Bei der freien Mitarbeit ist es wie im Strafvollzug. Lebenslänglich heißt in der Regel fünfzehn Jahre“, zitieren die Freien in einem Flugblatt an den ehemaligen NDR-Intendanten Jobst Plog. Fünfzehn Jahre meint: Allerspätestens nach fünfzehn Jahren ist Schluss.
Freie produzieren nach inoffiziellen Schätzungen mehr als 85 Prozent der Sendeminuten und etwa zwei Drittel der Hörfunkbeiträge. Sie sind zahlenmäßig deutlich mehr als ihre 800 festangestellten Kollegen. Zusätzlich zu den „einfachen“ freien Mitarbeitern, die ohne ein genauer definiertes Arbeitsverhältnis höchstens 18.000 Euro pro Jahr verdienen dürfen, sind beim NDR gut 880 feste Freie mit so genannten Rahmenverträgen beschäftigt. Diese Verträge unterliegen keinem finanziellen Limit. Sie müssen allerdings alle ein bis drei Jahre verlängert werden, bei einer Höchstbeschäftigungsdauer von fünfzehn Jahren. Meist ist schon früher Schluss, manchmal schon nach acht Jahren. Dann sind Mitarbeiter wie Felix Braun erst einmal für bis zu zwölf Monate komplett gesperrt. Zurück auf Los heißt es dann: Nach Ende des Rahmenvertrages hat der langjährige Mitarbeiter wieder den gleichen Status wie ein einfacher freier Mitarbeiter, allerdings ohne die Aussicht auf einen Rahmenvertrag oder gar eine feste Stelle.
Offiziell argumentiert der NDR damit, dass man mit dieser Praxis Festanstellungsklagen verhindern wolle. Ab und zu verweist man auch auf eine Bundesverfassungsgerichtsentscheidung von 1982, wonach für den Sender ein „programmliches Abwechslungsbedürfnis“ bestehe. Sprich: Man tauscht alte Mitarbeiter einfach gegen neue aus. Für viele etablierte Kollegen bedeutet diese Regelung oft genug das vorzeitige Karriereaus. Denn wer nach dieser Regelung rausgeschmissen wird, hat die prägenden Berufsjahre zwischen 30 und 45 beim NDR verbracht. Ein Neuanfang, zumal im Norden, wo der gebührenfinanzierte Quasi-Monopolist nahezu komplett das Rundfunk- und Fernsehenterrain besetzt hat, scheitert zusehends häufiger. In den letzten drei Jahren hat der NDR nach Angaben des Freien-Zusammenschlusses „Freie im Norden“ (www.freie-im-norden.de) fast zweihundert Rundfunk- und Fernsehjournalisten vor die Tür gekehrt.

Ein Studiotag ohne Freie

Keine andere ARD-Anstalt geht so rigoros mit ihren langjährigen Mitarbeitern um wie der NDR. Um die NDR-Spitze – mit dem seit Januar amtierenden Intendanten Lutz Marmor – wieder an den Verhandlungstisch zu bekommen, hatten die NDR-Freien den diesjährigen Valentinstag als Aktionstag und „Tag des zweiten Standbeins“ ausgerufen, sprich: Die NDR-Freien waren aufgerufen, außerhalb des NDR neue Auftraggeber zu suchen. Und tatsächlich: Bis auf ganz wenige Ausnahmen mussten nicht nur die Studios in Hamburg oder Kiel, sondern auch die kleinen regionalen Studios von Braunschweig bis Heide nahezu ohne Freie auskommen. Ein beeindruckendes Statement dafür also, dass auch Freie arbeitskampffähig sein können. Mit einem alten US-amerikanischen Schulbus und orangenen T-Shirts besuchten die Freien unter anderem die Hamburger Morgenpost und Spiegel-TV.
Der NDR sagt nun, dass er das Gespräch mit den Freien suchen und eventuell das WDR-Prognosemodell übernehmen wolle. Bis dahin setzt er fleißig weiter Mitarbeiter vor die Tür. Wenn die Gerüchte stimmen, gibt es jetzt sogar Rausschmiss-Seminare für Redaktionsleiter, wie man Freien juristisch wasserdicht erklärt, warum man sie gestern gut fand. Heute aber eben nicht mehr. „Ja irgendwie, musst Du verstehen, Du bringst nicht mehr das Pensum, und so…“ Dann stellt man einen ein, der nicht schon 38 Jahre alt ist. Eigentlich wäre das ein super Stück für Panorama. Oder?

* Name von der Redaktion geändert

nach oben

weiterlesen

Dreh- und Angelpunkt ist die Staatsferne

Nach dem Scheitern der Bundes-Presseförderung: Wie lassen sich künftig Medienvielfalt erhalten und Qualitätsjournalismus unterstützen? Ein Gutachten von Wissenschaftlern der Universität Mainz liefert interessante Vorschläge zur Hilfe für die Medienbranche. Dreh- und Angelpunkt der Überlegungen ist dabei die gebotene Staatsferne.
mehr »

WDR: Kein Platz für Rückwärtsgewandte

Seit Jahren erlebe ich den WDR als einen Arbeitgeber, in dem Vielfalt als Stärke gesehen wird. Als schwuler Mitarbeiter musste ich mir nie Sorgen machen, in irgendeiner Form diskriminiert zu werden. So geht es vielen Mitarbeiter*innen beim WDR. Deswegen bin ich sehr besorgt, wenn der „Verein kinderreicher Familien Deutschland“ in den künftigen Rundfunkrat einzieht, vorgeschlagen vom Kabinett Laschet in NRW.
mehr »

Fußball und Fangesänge im Sportradio

Der Zeitpunkt erschien günstig. Kurz vor der Fußball-EM und einen Monat vor Beginn der Olympischen Spiele in Tokio ging das bundesweite Sportradio Deutschland (SRD) auf Sendung. Trotz fehlender Live-Rechte soll es sich als Spartensender beweisen. Unter dem Motto: „Sport ist alles. Alles ist Sport“, wird seit Ende Mai rund um die Uhr gesendet. Ob der Slogan beim potentiellen Publikum des neuen Privatsenders ankommt ist zweifelhaft.
mehr »

Lokaler Rundfunk als Mutmacher

Die lokalen Radio- und Fernsehsender Bayerns haben sich trotz wirtschaftlicher Einbußen infolge der Corona-Pandemie behauptet. Tatsächlich führte die Krise in vielen Häusern zu einem regelrechten Innovationsschub. Dies ist eine der Haupterkenntnisse auf dem Lokalrundfunktag 2021, bei dem Programmmacher*innen und Medienpolitiker*innen Bilanz zogen. Pandemiebedingt fand der Rundfunktag in hybrider Form statt, also mit begrenzter Teilnehmerzahl im Saal und per Live-Stream.
mehr »