Weniger Zahlen, mehr Analysen

Neue Herausforderungen für die Rezeptionsforschung

Für die Rezeptionsforschung als Teilbereich der Medienwissenschaft, ergeben sich durch die massenhafte Nutzung von Internet und sozialen Netzwerken neue Herausforderungen und neue Möglichkeiten, um das Verhalten der Mediennutzer ebenso wie die Auswirkungen der Mediennutzung zu analysieren und zu erläutern.

Schreiben die Medien über die Nutzung ihrer selbst, dann liest man vornehmlich Zahlen und Statistiken: Auflagen und Einschaltquoten, Nutzungsdauer und Verweildauer, Reichweiten und Bekanntheitsgrade. Ob bei den Studien von ARD und ZDF, den Privatsendern oder privatwirtschaftlichen Medienforschern, stets dominieren Zahlen. Auch im, gern als andersartig beschworenen Internet lässt die Wirtschaft die Wissenschaft am liebsten zählen: Seitenaufrufe und Klicks, Suchwort-Häufungen und Surf-Verhalten, Anzeigen-Klicks, Gefällt-mir-Klicks und Flattr-Klicks.
Das vornehmlich statistische Erfassen von Anwesenheit oder Transaktionen mag für die Anzeigenabteilungen in Verlagen und Sendern und die Werbewirtschaft Arbeits- oder Existenzgrundlage sein. Doch was nützen sie den Redaktionen und Journalisten? Für Volker Gehrau, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Münster, ermöglichen quantitative Erhebungen sehr wohl Aussagen zur Nutzungsqualität: „Es gibt ein Maß dafür, wie viel Prozent der Leute eine gewählte Sendung auch zu Ende sehen. Diese Zahl spiegelt auch bei geringer Reichweite gute Qualität wieder.“ Was aber im Umkehrschluss heißt, dass auch ein vermehrtes Wegschalten von einer Sendung etwas aussagt. Die Gründe dafür wären wohl nur durch tiefer gehende Befragungen zu ermitteln. Doch genau davon liest man viel zu selten.
Stattdessen konstatiert eine Art Kanon der Medienbeobachtung, dass die Nutzung der „klassischen“ Medien Zeitung, Radio, Fernsehen mehr und mehr an „das Internet“ verloren ginge, an den PC und die internetfähigen Mobilgeräte. Doch genau diese „Internet-Nutzung“ als solche sagt heutzutage nichts mehr aus, weil das „Online sein“ der Normalfall für alle möglichen Nutzungsfälle ist: Nach bestimmten Webseiten suchen oder sich treiben lassen, E-Mails schreiben oder in Foren diskutieren, in Lexika nachschlagen oder Fachzeitschriften online lesen, Online einkaufen und verkaufen, Fernsehen oder Radio online verfolgen, private oder kommerzielle Videos auf Youtube anschauen, originäre Webradios hören oder Podcasts herunterladen, Musik hören, alleine oder in Netzwerken Online-Games spielen, Kommentare schreiben, chatten, in Foren diskutieren, SMS schreiben, Wetter und Nahverkehr checken. Aber ist das alles auch „Medien-Nutzung“?
Für Patricia Müller, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der TU Ilmenau, Fachgebiet Public Relations und Technikkommunikation, komme in der Medienwirkungsforschung der „interpersonalen Kommunikation“ schon seit jeher eine wichtige Rolle zu, beispielsweise in den Gesprächen über Nachrichten oder Politik: „Die politische Partizipation in Form von Leserbriefen oder Kommentaren wurde bereits in früheren Studien durchaus einbezogen.“ Diese ‘Anschlusskommunikation’ sei einer von vielen Wirkungsfaktoren, mit denen Medien Meinungen oder Einstellungen der Menschen beeinflussen, so Müller.

Spannende Phänomene

Jedoch werde die früher vornehmlich private Kommunikation durch das Internet und entsprechende Plattformen zunehmend öffentlich, sagt Dr. Andreas Fahr vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. „Und die öffentliche sowie medienvermittelte Kommunikation ist ein Kerngebiet der Kommunikationswissenschaft.“ So gesehen, müsste für die Wissenschaftler, speziell für die Rezeptionsforscher, mit den sozialen Netzwerken eine neue Zeitrechnung begonnen haben. Die Untersuchungsfelder öffnen sich quasi von selbst – sofern die Nutzer diese Transparenz aus Vorsicht vor Datenmissbrauch nicht einschränken. „Sicherlich können Nutzer mittels Privatsphäre-Einstellungen ein gewisses Maß an Kontrolle darüber erlangen, welche Botschaften tatsächlich an die Öffentlichkeit gelangen“, sagt Patricia Müller. „Allerdings ist diese Öffentlichkeit für zahlreiche Nutzer ein integraler und gewollter Bestandteil ihres Nutzungserlebens. Es ist gewollt, dass Kommentare von einer breiten Nutzerschaft gelesen, Tweets weitergeleitet und kommentiert werden und idealerweise ein Dialog entsteht, der sich nunmehr nicht auf den Freundeskreis, Vereine oder Ähnliches beschränkt, sondern auch auf Politiker oder Unternehmen ausdehnen kann. Dass sich dabei zum einen auch online Meinungsführer durchsetzen und sogenannte Intermediäre für einen großen Teil des Nachrichtenflusses verantwortlich sind und zum anderen die klassischen Massenmedien als Akteure im Social Web durchaus eine maßgebliche Rolle spielen, das sind zwei spannende Phänomene, zu denen aufschlussreiche Studien zu erwarten sind.“

So plädiert unter anderem der Schweizer Kommunikationsprofessor Dr. Thomas Friemel dafür, die von Soziologen etablierte Methode der „Sozialen Netzwerk-Analyse“ als Werkzeug für die Rezeptionsforschung in Social Media-Umgebungen zu nutzen. (s. Interview). Dafür spricht wohl auch, dass die Reichweite von manchen Social Media Plattformen, wie derzeit Facebook oder Youtube, längst nicht mehr zu unterschätzen sei, „das hat politische und gesellschaftliche Relevanz“, so Andreas Fahr. Dass nun neben den Journalisten, als traditionellen Kommunikatoren, die Nutzer selbst als öffentliche Kommunikatoren agieren, sei ein wirklich neues und auch wirkungsstarkes Phänomen. Nicht zuletzt habe sich der Medienbegriff in den vergangenen Jahren verändert, so Fahr. Dem müsse die Medienwirkungsforschung natürlich Rechnung tragen. Und der Trierer Soziologe Michael Jäckel verweist auf die „Chancen der gegenseitigen Wahrnehmbarkeit von Kommunikatoren und Rezipienten und die Möglichkeit des Rollentausches“. Für ihn gäbe es in der Rezeptionsforschung nun die Notwendigkeit, Wirkung auch im Sinne von Mitwirkung zu thematisieren.
Mit Analysen der Verknüpfung von persönlichen Mediennutzungen mit veröffentlichten Meinungs-Äußerungen zu gesellschaftlich relevanten Diskussionen bietet die Rezeptionsforschung zudem durchaus pragmatische Antworten auf aktuelle Fragen nach Optionen und Risiken sozialer Netze und Medien. Mehr noch, die Kommunikationswissenschaften als solche hätten nun die Chance, sich als Ansprechpartner zu etablieren: „Wir haben einiges zu bieten, was wir nicht genügend anbieten“, erklärte die in den USA forschende Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikation DGPuK Anfang Juni in Dortmund.
Journalisten, ebenso Politik und Medien, könnten von den Erkenntnissen profitieren. Dafür müssten die Medienwissenschaftler jedoch auch auf die Öffentlichkeit zugehen, sich genau jenen Dialogen stellen, die sie selbst untersuchen, so der Tenor der Auftaktveranstaltung der Tagung. Mit eigenen Blogs, zum Beispiel, wie sie unter anderem Miriam Meckel oder der Hamburger Kommunikationswissenschaftler Jan-Hinrik Schmidt betreiben. Letzterer findet an Kritik und Anregungen seiner direkten Leser nicht nur großen Gefallen, sondern hat auch Spaß am Disput: „Im Web schlagen die Labormäuse zurück“, so Schmidt.

Links

http://egora.uni-muenster.de/ifk/
http://www.ifkw.uni-muenchen.de/index.html
Ilmenau: http://www.tu-ilmenau.de/pr/
http://www.uni-trier.de/index.php?id=8321
DGPuK: http://www.dgpuk.de/
Miriam Meckel: http://www.miriammeckel.de/
Jan-Hinrik Schmidt: http://www.schmidtmitdete.de/

 

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