Wenn der Rotstift regiert

Bei Radio Bremen werden Personal und Programme wegrationalisiert

„Mercedes“ würde seinen Stern wohl nie durch einen Strich ersetzen. Radio Bremen dagegen trennt sich von seinem Markenzeichen – einem Schiff mit Sendemast – und firmiert künftig unter einem Allerweltssymbol, das auch für die Iduna-Versicherung werben könnte: einem Strich oder kleinen „i“ im Kreis. Bisher verwendet nur die neue RB-Welle „bremen eins“ das Emblem, aber nach und nach will Intendant Heinz Glässgen alle Briefköpfe, Windschutze und Dienstwagen auf das neue Design umstellen.

Ansonsten regiert im Sender der Rotstift. Weil die Ministerpräsidenten ohne Not beschlossen haben, bis Ende 2005 den ARD-Finanzausgleich zu halbieren, muss RB seinen Etat von derzeit 173 Millionen Mark schrittweise um 50 Millionen beschneiden. Innerhalb zweier Jahre schrumpften bereits die besetzten Planstellen von 650 auf 520. Angepeilt werden 444 – aber vielleicht noch weitaus weniger: Eine Studie über die mögliche Zusammenlegung der bisher zwei RB-Standorte zu einem Funkhaus geht davon aus, dass die Anstalt auf einen „Kernbereich“ reduziert wird, der nur noch ein Drittel der bisherigen Flächen bräuchte und um den herum diverse ausgelagerte Betriebe und andere Medienfirmen angesiedelt würden.

Reif fürs Outsourcing wären laut Gutachten zum Beispiel Pförtner, Kantinen, Archiv oder Fuhrpark samt Fernseh-Übertragungswagen. Personalratschef Bernd Graul (ver.di) lehnt Ausgründungen zwar nicht grundsätzlich ab, verlangt aber, dass die Anstaltsleitung „präzise vorrechnet, dass es finanziell und organisatorisch sinnvoll ist“. Bedenken hätte er etwa dagegen, das mit Rundfunkgebühren aufgebaute Archiv abzugeben oder den Ü-Wagen bei Bedarf anzumieten. „Was ist, wenn bei wichtigen Ereignissen schon die private Konkurrenz den Wagen gebucht hat?“ Auf jeden Fall aber dürften die Beschäftigten nicht schlechter gestellt werden.

Schon der bisherige Personalabbau ist mit tiefen Einschnitten ins Programm verbunden. Die traditionsreiche „Hansawelle“ (RB 1) wurde kürzlich mit dem Schlagerprogramm RB 3 zu „bremen eins“ fusioniert. Ab September wird auf den RB-3-Frequenzen ganztägig das WDR-Ausländerprogramm „Funkhaus Europa“ ausgestrahlt, zu dem die Bremer schon länger Sendungen beisteuern. Und im November startet endlich die seit Jahren angekündigte Info- und Kulturwelle „NordWest-Radio“ in Kooperation mit dem NDR; beerdigt wird dafür das Kulturprogramm RB 2. Ungeschoren bleibt nur RB 4, die Pop-Welle für die Jüngeren. Künftig sendet Radio Bremen also nur noch zwei statt bisher vier eigene Hörfunkwellen sowie zwei Kooperationsprogramme. Beim Fernsehen soll demnächst auch gekürzt werden.

Mitten im Umbauprozess ist dem Intendanten die Programmdirektorin davongelaufen: Claudia Schreiner hielt es nur acht Monate in Bremen aus – wohl auch wegen Reibereien mit Glässgen. Der 57-Jährige, der bis zur Selbstaufopferung schuftet, hatte bereits selber wegen mangelnden Rückhalts im Hause mit Rücktritt gedroht. Kritiker werfen ihm vor, er reiße alle Macht an sich, wolle jedes Detail selbst entscheiden und verpasse Andersdenkenden Maulkörbe. Sogar mit der Presse legte er sich an: Als der „Weser-Kurier“ die internen Vorwürfe publik machte, warf Glässgen ihm indirekt „Kampagnenjournalismus“ vor und drohte mit Konsequenzen.

Wenig Glück hat Glässgen auch mit der neuen Welle „bremen eins“. Den Jüngeren spielt sie zu viel „Abba“, den Älteren zu wenig Schlager. Inzwischen kursiert eine sarkastische Deutung des neuen RB-Emblems: Es sehe aus wie ein Ausschaltknopf.


 

 Unrühmliche Tradition

Die neue Welle „bremen eins“ setzt Radio Bremens unrühmliche Schleichwerbetradition fort. Bei einem RB-Gewinnspiel wurde kürzlich ein Peugeot verlost. Der Sender beließ es nicht bei der erlaubten Nennung des Modells und des preisstiftenden Händlers, sondern meldete sich mehrfach live von dessen Tag der Offenen Tür, bei dem der Gewinn überreicht wurde. Dabei nannte RB laufend die Firmenanschrift („Schauen Sie rein in der Stresemannstraße 47“), warb für das bunte Programm des „großen Tages bei und für Peugeot“ („Viele gute Gründe, mit dabei zu sein“) und wies auf die Vorstellung eines neuen Automodells hin („man kann sich natürlich den neuen Peugeot 307 anschauen“). Überschwänglich rief der Live-Reporter: „Hier ist nicht der Bär los, hier tanzt der Löwe – das ist ja das Zeichen von Peugeot“.  stg.

 

 

 

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Novellierter Staatsvertrag tritt in Kraft

Am 1. Juni 2026 tritt in Berlin-Brandenburg der novellierte Staatsvertrag über private Medien in Kraft. Auf dessen Basis kann nun die Neuwahl des Medienrats Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) durch die Landesparlamente erfolgen. Darin wird unter anderem das Wahlverfahren für den Medienratsvorsitz geändert.
mehr »

AfD-Pläne gefährden Medienpolitik

Seit über einem Jahr beraten die Bundesländer über einen Digitale-Medien-Staatsvertrag. Sie wollen die Regulierung an eine KI-geprägte Kommunikationswelt anpassen. Im Fokus steht die Sicherung von Medienvielfalt und der Schutz vor Manipulationen im Netz. Wann die neuen Regelungen in Kraft treten, ist unklar. Viel wird vom Ausgang der kommenden Landtagswahlen abhängen.
mehr »

Digitale Gewalt trifft Medienschaffende

Hassrede, Drohungen, Doxing – für die Mehrheit der Journalist*innen ist das längst keine abstrakte Gefahr mehr. Ein neues Gesetz will digitale Gewalt nun bekämpfen, blendet die Betroffenheit von Medienschaffenden aber noch aus.
mehr »

„Desinformation gefährdet Leben“

Politische Kommunikation studierte Johannes Hillje an der London School of Economics, Politikwissenschaften an der Universität Mainz. Er arbeitet als Politik- und Kommunikationsberater und ist Autor. In seinem Buch „Mehr Emotionen wagen“ beschreibt er, wie Gefühle die politische Landschaft beeinflussen. Wir sprachen mit ihm über emotionale Wahlkämpfe, journalistische Strategien und den Umgang mit Antidemokraten.
mehr »