Wildwest im Äther

Radio Hundert,6 sendet weiter trotz Insolvenz und Betrugsverdacht

Mit einem Griff in die Trickkiste des Gesellschaftsrecht wurden rund 30 Beschäftigte des Berliner Senders Radio Hundert,6 von ihrem Geschäftsführer Thomas Thimme kaltgestellt. Er meldete Insolvenz an, die Lizenz hatte er sich zuvor auf eine andere Firma übertragen lassen, und sendet nun aus neuen Geschäftsräumen.

Briefpapier mit einer neuen Berliner Adresse und neue Arbeitsverträge für einige Kollegen hatten den Betriebsrat alarmiert. Beschwichtigend sprach der Geschäftsführer von Umzug und einem Ausweichstudio. Am 18. April wartete der Techniker der Morgensendung vergeblich auf den Moderator, den er aber pünktlich um fünf Minuten nach fünf gut gelaunt aus dem Radio hörte. Während der Techniker in den Hundert,6-Räumen am Katharina-Heinroth-Ufer saß, sprach Gabor Steiner im neuen Studio an der Potsdamer Straße ins Mikrofon. Das einzige Lebenszeichen vom Chef war ein Brief, den er im Schreibtisch seiner Sekretärin deponiert hatte: Die Hundert,6 Medien GmbH habe Insolvenz angemeldet.

Seinen Abgang hatte Thimme von langer Hand geplant. Auf seinen Antrag hin übertrug im März 2005 die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) die Sendelizenz von der Hundert,6 Medien GmbH auf die Firma Medialog. Sie gehörte wie die alte GmbH zu dieser Zeit zu 25 Prozent dem Medienzentrum Alexanderplatz (Stoffel Bau-Gruppe), zu 10 Prozent Frau Dibelius, der Gattin des Chefs von Goldman Sachs Deutschland, und zu 65 Prozent Power Radio. Gesellschafter von Power Radio sind wiederum zu 64 Prozent Thomas Thimme und zu 36 Prozent Norbert Schmidt. Sie wollen nun auch die Hundert,6-Sendelizenz von Medialog, bei der inzwischen Stoffel ausgeschieden ist, auf Power Radio übertragen. Doch Thimmes Antrag ist noch nicht genehmigt.

Die nun in Erklärungsnot steckende mabb berief einen Tag vor Himmelfahrt eine Sondersitzung des Medienrates ein. Das Ergebnis war bis Redaktionsschluss noch nicht bekannt. Branchenkenner vermuten, dass Thimme noch mal eine Chance bekommen könnte – unter Berufung auf das Sanierungsprivileg. Wurden Frequenzen bei wesentlichen Gesellschafterveränderungen bis vor zwei Jahren von der mabb noch neu ausgeschrieben, können jetzt bei Problemen ohne erneute Bewerbungsrunde neue Geldgeber unter Wahrung der Lizenzauflagen einsteigen.

Medienrat prüft genau

Frisches Gesellschafter-Geld ist genau das, was Thimme derzeit fehlt. Damit wird ein Einstieg der Potenten der Branche wie Regiocast, RTL-Radio, Burda Broadcast oder Studio Gong wahrscheinlich. Die ersten beiden dominieren aber den Berliner Radiomarkt, so dass wohl nur die Bayern in Betracht kommen. Die sind Hauptgesellschafter von BB Radio in Potsdam und schon lange scharf auf Berlin.

Thimme ist ein Stehaufmännchen im Radio-Betrieb. Bereits 1991 ließ er als Geschäftsführer den Berliner Sender Radio 100 in die Insolvenz gehen, tauschte die Schlösser aus, die Beschäftigten standen vor der Tür. Aus diesen Räumen sendete dann Radio Energy, der Geschäftsführer hieß Thimme. In den vergangenen Jahren hinterließ er eine Schleifspur quer durch die Republik, viele Projekte kamen über die Anfangsphase nicht hinaus. So erging es Radio Merci (Berlin) und Radio Koblenz (Rheinland-Pfalz). Radio Power612 ging 2001 die Puste aus – nach einem einwöchigem Sendeverbot durch die Landesmedienanstalt ULR in Schleswig-Holstein gab Thimme erst 2004 die Lizenz zurück.

Nach der Übernahme in 2002 des Berliner Kirch-Senders Hundert,6 als „unabhängige Kraft“ erhielt Thimme vor über einem Jahr auch noch in Brandenburg eine Lizenz für eine kleine Frequenzkette. Das Programm „91,8 – Best auf Deutsch“ läuft derzeit auf Hundert,6. Unklar ist, wie Thimme so die mabb-Lizenzauflagen für Hundert,6 „hoher, journalistisch gestalteter Wortanteil“ und „aktueller Berlin-Bezug“ einhalten will. „Die Redakteure sind bei uns, mitgenommen hat er lediglich Marketing und Moderatoren“, stellt Margit Ehrlich, Betriebsratsmitglied der Hundert,6 Medien GmbH fest. Der Betriebsrat fordert die Medienanstalt deshalb auf, Thimme die Lizenz zu entziehen – die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten Union (dju) in ver.di Berlin-Brandenburg schloss sich dem Appell an. Ob die Lizenz-Auflagen eingehalten werden, prüfe die mabb genau, versichert Sprecherin Susanne Grams: „Der Medienrat hat den Gesamtkomplex im Auge.“

Im Auge hat auch die GEMA Thomas Thimme. Hinweise auf seit Jahren nicht gezahlte Abgaben kommentierte eine GEMA-Sprecherin mit: „Zu Hundert,6 sagen wir nichts, dies ist ein laufendes Verfahren“. Und Thimme droht weiterer Ärger: Gut eine Woche nach seinem Coup durchsuchte das Landeskriminalamt seine alten und neuen Büros, sein Privathaus und seine Ferienwohnung. Rund 50 Ordner wurden beschlagnahmt. Die Staatsanwaltschaft ließ verlauten, sie ermittle wegen Insolvenzverschleppung, nicht gezahlter Beiträge zur Sozialversicherung und Betrugsverdacht.

 

nach oben

weiterlesen

„Goldene Kartoffel“ für ältere Herren

Rund ums Karrieremachen und um „unterirdische Berichterstattung“ im Einwanderungsland Deutschland ging es bei der diesjährigen Bundeskonferenz der Neuen deutschen Medienmacher*innen (NdM) in Köln. Sowohl bei der Podiumsdiskussion mit arrivierten Journalist*innen aus Familien mit Migrationsgeschichte als auch bei der Verleihung des Negativpreises „Goldene Kartoffel“ herrschte eine motivierende Aufbruchstimmung – mit viel Selbstbewusstsein und leichter Ironie.
mehr »

Paris: Ausweisung war rechtswidrig

Das Pariser Verwaltungsgericht erklärte die Ausweisung von Luc Śkaille im August 2019 für rechtswidrig. Der Journalist wollte für den Freiburger Sender Radio „Dreyeckland“ über den G7-Gipfel in Biarritz berichten. Grundlage für die Ausweisung waren Informationen des Bundeskriminalamts über seine Beteiligung an einer Hausbesetzung vor 10 Jahren. Der Geschäftsführer von Radio Dreyeckland sieht im Urteil ein Signal an die Behörden, Journalist*innen nicht an ihrer Arbeit zu hindern.
mehr »

Türkei: Strafe wegen Satire nicht rechtens

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat die Türkei wegen Verletzung der Meinungsfreiheit verurteilt. Die Bestrafung eines Mannes wegen zweier satirisch-kritischer Facebook-Posts über Präsident Recep Tayyip Erdogan verstieß gegen die Meinungsfreiheit, urteilte der Gerichtshof am 19. Oktober in Straßburg. Die Türkei wird aufgefordert, das zugrundeliegende Gesetz zu ändern und dem Kläger 7.500 Euro Schadenersatz zu zahlen.
mehr »

Slowenien: Regierung dreht Geldhahn zu

Einschüchterung, Selbstzensur und ein Premierminister, der den Medien den Krieg erklärt hat. In Slowenien, das zurzeit turnusmäßig die EU-Ratspräsidentschaft innehat, will sich Janez Janša die Presse untertan machen. Der staatlichen Nachrichtenagentur STA drehte er den Geldhahn zu. Unterstützung erhält er dabei aus Ungarn. Doch der Slowenische Journalistenverband stellt sich dagegen und übt Solidarität mit Kolleg*innen.
mehr »