TU München: Gut für Facebooks Geschäft

Prof. Dr. Christian Kreiß
Foto: privat

Facebook hat Imageprobleme in Deutschland: Habeck löscht öffentlich demonstrativ seinen Facebook-Account, Merkel gehackt über Facebook, die Nutzer wollen nicht mehr recht an die integre Datenverwendung von Facebook glauben – ein Konzern mit Umsatzsorgen wegen Datenmissbrauch. Was tun? Am besten deep marketing über renommierte, unabhängige Institutionen, am besten eine bekannte Universität, die über alle Zweifel erhaben ist.

Am besten die TU München, die nach außen einen sehr guten Ruf hat und nur Insidern als sehr industrienah bekannt ist. Man nimmt aus der Facebook-Marketing-Abteilung 6,5 Millionen Euro und macht damit Imagepolitur: Man stiftet ein „Institute for Ethics in Artificial Intelligence“, ein Institut für ethische Forschung. Da schlägt man gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe, das ist gut angelegtes Geld mit hoher Rendite.

Zum einen erscheint das sofort in allen deutschen Leitmedien, und zwar nicht unter der Rubrik „Werbung“ (wo es eigentlich hingehörte), sondern im redaktionellen Teil. Der Fernsehgucker und Leser denkt: Die TU München ist seriös, dann muss ja auch Facebook irgendwie seriös sein; also alles mit dem Datenmissbrauch nicht so schlimm, sonst würden die sich ja gar nicht trauen, ein Ethikinstitut zu installieren, sonst käme das ja ans Tageslicht. Gut fürs Facebook-Geschäft.

Zweitens der langfristige Marketing-Effekt: Falls der Institutsleiter ein nicht gar so industriekritischer Geist ist, werden im Laufe der Jahre immer wieder unkritische und beschwichtigende Berichte zu Daten, Internet und Facebook aus erster akademischer Quelle erscheinen. Gut fürs Facebook-Geschäft.

Leiter des neuen, 6,5 Millionen schweren Instituts wird Prof. Dr. Christoph Lütge: Er ist in der Tat kein gar so industriekritischer Geist. Ein kurzes Zitat aus seinem jüngsten Buch (S. 32) sagt vielleicht mehr als hundert Worte: „Man kann das Eigeninteresse – innerhalb der geeigneten Rahmenordnung – gewissermaßen als eine ‚moderne Form der Nächstenliebe‘ begreifen […] Es gilt also nicht mehr der traditionelle Gegensatz zwischen gutem, altruistischen Verhalten und schlechtem Egoismus.“ Kurz: Jesus würde also heute Eigenliebe predigen. Interessante Aussage eines Ethikers. Nächstenliebe ist out, Eigeninteresse ist in, das ist unsere neue Ethik. Lütge hebt damit alle Ethik auf, das Kernproblem des Egoismus verschwindet, alles gut, was die Industrie macht, der Markt wird’s schon regeln. Absolute Freiheit für die Industrie und ihre Manager.

Lütge ist der ideale Mann für Facebook, ein waschechter Markt-„Fundi“. Ein vehementer Fundamental-Vertreter der neoliberalen Doktrin, dass die „unsichtbare Hand“ des Marktes alles gut macht, allen Egoismus auf geheimnisvolle Weise in Altruismus, in das Wohl aller verwandelt. Diese 250 Jahre alte Aussage von Adam Smith ist mit Blick auf die heutigen Umweltprobleme, Kinderarbeit, Plastikmüllberge, sozialen Schieflagen usw. usw. nicht mehr wirklich zeitgemäß, sondern erinnert eher an ein strammes Dogma. Da hat Facebook einen wirklich genialen Marketing-Mann gewonnen, der nun ein ganzes Institut zusätzlich bekommt: einen echten Freien-Markt-Fundamentalisten, der da sagt: Egoismus ist nicht schlecht, Altruismus ist nicht gut, freie Bahn für den freien Markt. Und Facebook ist doch im freien Markt, nicht wahr?

Und TU München macht mit. Nimmt, was geht. Siehe Lidl. Wie tief will die TU München unter Präsident Herrmann eigentlich noch fallen?


Prof. Dr. Christian Kreiß arbeitete als Banker, bevor er seit 2002 Finanzierung und Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Aalen – Technik und Wirtschaft lehrt. Er ist Buchautor und wurde bereits durch verschiedene politische Parteien als unabhängiger Experte in den Deutschen Bundestag eingeladen.

 

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