Axel Springer: Konzern im Umbaumodus

Verlagsgebäude der Axel-Springer SE in Berlin-Kreuzberg
Foto: Christian von Polentz

Springer baut um. Nach dem Einstieg des Finanzinvestors KKR wird die Transformation zum digitalen Konzern forciert. Neben einem ehrgeizigen Investitionsprogramm von 100 Millionen Euro werden auch Einsparungen von bis zu 50 Millionen Euro anvisiert. Auch bisherige „heilige Kühe“ wie Bild und Welt sind nicht länger tabu. Allmählich sickert durch, was das für die Beschäftigten bedeutet. (Aktualisiert am 19.11.19) 


Schon Mitte September hatte Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner in der Süddeutschen Zeitung mit der Ankündigung eines „harten Sparkurses“ für einige Unruhe in der Belegschaft gesorgt. „Wo strukturell Umsatzrückganz herrscht, müssen wir restrukturieren und Arbeitsplätze abbauen“, so Döpfners Ansage. Gemeint ist vor allem der Unternehmensbereich News Media. Darin sind unter anderem die Welt- und Bild-Gruppe sowie diverse digitale Medienangebote in Europa und in den USA zusammengefasst. Der Umsatz dieses Bereichs schrumpfte im ersten Halbjahr 2019 um sechs Prozent auf 686 Millionen Euro. Bezogen nur auf die deutschen Aktivitäten fiel das Minus mit acht Prozent überproportional hoch aus.

Ursache der Umsatzschwäche ist vor allem der rasante Rückgang der Werbe- und Vertriebserlöse bei Welt und Bild, den einzigen verbliebenen publizistischen Flaggschiffen Springers. Beide Blätter verlieren alljährlich zehn Prozent ihrer Auflage. Bild fiel zuletzt unter die Marke von 1,5 Millionen verkauften Exemplaren. Die Welt (inklusive Welt Kompakt) dümpelte im dritten Quartal 2019 bei knapp 118.000 Exemplaren (davon 22.600 e-paper). Tendenz: weiter fallend.

Sparpaket hat es in sich

Die geplanten Einsparungen treffen daher vor allem die Newsmarken Welt und Bild. Das am 30. September verkündete Sparpaket hat es in sich. Eingestellt werden die werktägliche Welt Kompakt und die Welt Hamburg. Das Wirtschaftsmagazin Bilanz geht in der Welt auf, wird also faktisch ebenfalls liquidiert. Die Redaktionen von Bild und Bild am Sonntag werden fusioniert. Die Berliner Boulevardzeitung BZ konzentriert sich auf regionale Inhalte, die sie künftig auch für den Berlin-Teil der Bild liefert. Umgekehrt versorgt Bild die BZ mit überregionalem Content. Die Sportredaktionen von Welt, Bild und Sport Bild fusionieren in einem „markenübergreifenden Kompetenzzentrum“.

Auch Auto Bild und Computer Bild werden personell ausgedünnt. Nach Medienberichten soll von den aktuell 60 Stellen bei Computer Bild jede fünfte gestrichen werden. Bei Auto Bild könnte der Aderlass mit bis zu 40 von 160 Stellen noch empfindlicher ausfallen. Klingt nicht gerade nach einer Strategie, die den Sparkurs „eher bei den Häuptlingen als bei den Indianern“ (Döpfner) ansetzt. Unklarheit besteht auch über die Sparmaßnahmen bei dem gemeinsam mit der Funke Mediengruppe betriebenen Vermarkter Media Sales Impact. Hier sollen bis zu 70 Mitarbeiter betroffen sein.

Den Personalabbau will Springer nach Möglichkeit durch Fluktuation, Vorruhestandsregelungen und ein „Freiwilligenprogramm mit finanziellen Anreizen und Qualifizierungsmöglichkeiten“ für die betroffenen Mitarbeiter*innen erreichen. Nach Auskunft von Teilnehmern einer Betriebsversammlung der Welt Hamburg am 29. Oktober sind entsprechende Verhandlungen angelaufen. Betriebsbedingte Kündigungen sollen möglichst vermieden werden. Immerhin, so bemüht sich der Verlag um Klarstellung: Bild, BZ, BamS sowie Welt und WamS „werden auch als gedruckte Zeitungen weiter bestehen“. Vorläufig zumindest.

Zielgruppentrennung wankt

Die Auswirkungen dieses Sparkurses auf die publizistischen Leistungen sind voraussehbar: weniger Vielfalt, mehr Einheitsbrei. Bemerkenswert an dem Streichpaket: Erstmals in der Geschichte des einst größten Zeitungshauses Europas wird die klare Trennung zwischen „roter (= Bild) und „blauer“ (= Welt) Gruppe in den Redaktionen aufgehoben. Eine Trennung, die bislang eine zielgruppenorientierte Ansprache ermöglichte: Hier die chronisch defizitäre Welt als Marke für Entscheider und gebildete Konservative, da die konsequent auf den Boulevard setzenden Bild-Medien als eigentliche Massenmedien – trotz galoppierendem Auflagenrückgang nach wie vor die Cash-Cows des Verlags.

Ob die Welt die jetzt verordnete Rosskur überlebt, erscheint zweifelhaft. Aber auch um die Zukunft der Bild-Gruppe sieht es nicht eben rosig aus. Für das in der ersten Jahreshälfte getestete Magazin Bild Politik wurde bereits das Aus verkündet. Ende 2018 scheiterte mit Fußball Bild der ehrgeizige Versuch, eine reine Sport-Tageszeitung zu etablieren. Wie die „Sportsfreunde“ –  eine sehr auf Nuancen achtende Zielgruppe – auf die im gemeinsamen „Sportkompetenzzentrum“ produzierten Publikationen reagieren werden, steht noch dahin.

Größere Beachtung verdient der Plan, das bisherige Sprachrohr Bild zur Fernsehmarke auszubauen. Mit einem Investitionsaufwand von 20 Millionen Euro soll der schwächelnden Marke neues Leben eingehaucht und der alte Traum des Konzerngründers Axel Cäsar vom Verlegerfernsehen endlich Wirklichkeit werden. Erstaunlich genug, dass Bild bislang im Fernsehen so gut wie nicht stattfindet. Erst kürzlich scheiterte der Versuch, gegen bestehende medienrechtliche Vorschriften das eigene Live-Stream-Angebot auszubauen, am Veto des Berliner Verwaltungsgerichts. Jetzt wird ein neuer Anlauf unternommen, Bild zur „attraktivsten Live-Plattform für News, Entertainment und Sport“ aufzubauen.

Pläne für starken TV-Kanal

Dazu passt der Einstieg von KKR. Offenbar solle der Springer Konzern mithilfe des Finanzinvestors von der Börse genommen werden, „angeblich, um unabhängiger von den Aktionären zu werden“, vermutet Tina Groll, die Bundesvorsitzende der dju in ver.di. Für sie erscheint klar: „Es geht um die Rendite, nicht die journalistischen Inhalte.“ Der Investor hielt bereits von 2006 bis 2014 Anteile an der ProSiebenSat.1 Media AG. Den Nachrichtenkanal N24 verkaufte man seinerzeit – inzwischen heißt er WeltN24 und ist Teil des Springer-Konzerns. Seit 2017 baut KKR aus diversen Beteilungen einen integrierten Medienkonzern auf. Den Kern bildeten bisher das 2019 übernommene TV-Unternehmen Tele München Gruppe, die von Günther Jauch gegründete i&u TV und die Universum Film.

Die Pläne für einen starken TV-Kanal werden in der Branche als Kampfansage an den führenden Boulevardsender RTL gewertet. Dessen Informationsprogramm wird pikanterweise von Tanit Koch geleitet, bis Februar 2018 neben Julian Reichelt zweite Chefredakteurin von Bild. Reichelt selbst hat ein anderes Feindbild auserkoren: ARD und ZDF. Wie er diese Mission angehen will, erklärte er jüngst dem Spiegel: „Wir wollen das Land, die Welt, die Politik und den Alltag der Menschen so zeigen, wie es die Leute erleben und nicht so steril und weichgespült wie teilweise bei den Öffentlich-Rechtlichen.“ Die Rekordzahl von Rügen, die Bild unter Reichelts Regie vom Presserat kassiert hat, lässt erahnen, wohin die Reise auch im TV gehen könnte.


Aktualisiert am 19. November 2019

Stellenabbau mit Prämie beschleunigen

Chefredaktion, Geschäftsführung und Betriebsrat der „Welt“ haben am 18. November der Belegschaft das „Freiwilligen-Programm“ zum Personalabbau vorgelegt, schreibt Meedia.

Danach „sollen die Mitarbeiter auf das derzeit bis Juni 2022 gültige Rationalisierungsschutzabkommen eine finanzielle Prämie von 20 Prozent erhalten“, wenn sie ausscheiden. Das Angebot gelte bis 18. Dezember. „Bild“ sei davon nicht betroffen. Dort werde noch weiterverhandelt, wird eine Firmensprecherin zitiert.

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Wer fördert die Medien bei Innovationen?

Mit dem Ende Oktober vom Bundeswirtschaftsministerium beschlossenen Hilfspaket von 220 Millionen Euro steigt Deutschland erstmals in die direkte Presseförderung ein. Formuliertes Ziel ist „die erforderliche digitale Transformation des Verlagswesens“. Zugleich heißt es: „Die geplante Innovationsförderung muss sicherstellen, dass die Unabhängigkeit der Redaktionen gänzlich unberührt bleibt.“
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