Cannes: Der Hype um Short Form-Videos

Die größte Fernsehmesse der Welt MIPTV in CannesFoto: S.d`Halloy/MIPTV 2018

Rund 40 Prozent des weltweiten Traffics beim mobilen Internet gehen auf das Konto von YouTube. Das ist nur ein Beispiel dafür, welche immensen Mengen an Videos weltweit über mobile Endgeräte konsumiert werden. Dieses Potential haben auch die Profis immer mehr im Blick. Zum Beispiel auf der größten Fernsehmesse der Welt MIPTV in Cannes, die gerade zu Ende gegangen ist. „Short Form“ war eines der wichtigen Themen auf dem Programmmarkt.

Bereits im Vorfeld hatten die Organisatoren der MIPTV eine Studie in Auftrag gegeben, die ein enormes Wachstumspotential für diesen Bereich bestätigt: Die Anzahl von mobilen Endgeräten, auf denen Videos heruntergeladen und geschaut werden können, wächst beständig. Vor allem die „Generation Z“, also die zwischen 1995 und 2010 Geborenen, konsumieren Medieninhalte zu einem Drittel über Smartphones, zu 26 Prozent am Computerschirm und zu zehn Prozent über Tablets. Dabei würden im Schnitt 68 Videos pro Tag geschaut. Die 2017 gegründete Plattform „Facebook Watch“ beispielsweise hat heute jeden Monat 400 Millionen Nutzer, YouTube sogar zwei Milliarden.

Eine Milliarde Dollar für zehn-Minuten-Serien

Parallel dazu sorgte an der Cote D’Azur auch die US-Plattform „Quibi“ für Gesprächsstoff, die ausschließlich Premium-Inhalte für „mobile devices“ produzieren und anbieten möchte. Die Filme und Serienfolgen sollen nicht länger als zehn Minuten sein. Der Start des Angebots, das sich an die 18- bis 35jährigen „Millenials“ richtet, ist für Ende des Jahres geplant. Bereits im Vorjahr sammelte Starproduzent und Mitinitiator Jeffrey Katzenberg von den großen Hollywood-Studios rund eine Milliarde Dollar ein, um das Vorhaben zu verwirklichen. Weitere 500 Millionen Dollar kommen im Laufe der nächsten Monate noch dazu. Große Namen, etwa Justin Timberlake oder Guillermo del Toro, sollen die Inhalte liefern, Stars wie Anna Kendrick die Abonnenten locken, die sich zum Beispiel beim Warten an der Bushaltestelle mit den audiovisuellen „Quick Bites“ die Zeit vertreiben.

Der Berliner Ismail Sahin durfte neben fünf anderen internationalen Teilnehmern sein Projekt „Interworld“ in einer „Pitch“-Runde auf der Messe vorstellen, um Produktionspartner zu finden. Und die Idee für eine Mystery-Serie, die in den 80er Jahren an der deutsch-deutschen Grenze spielt, kam an. Für die geplanten zehn Teile, jeweils 15 Minuten lang, benötigt Sahin ein Budget von zweieinhalb Millionen Euro: „Ich bin sofort von einem kanadischen und einem finnischen Sender angesprochen worden. Auch ein argentinischer Streamingdienst hat direkt Interesse geäußert.“

Höherer Qualitätsanspruch für neue fesselnde Geschichten

Dabei ist die Tendenz zu kurzen Bewegtbildinhalten im Zeitalter von YouTube und Instagram nicht neu, der Qualitätsanspruch, den jetzt die Medienindustrie umsetzen möchte, allerdings schon. „Fesselnde Geschichten, die bisher in zwei bis vier Stunden erzählt wurden, dauern nun zwischen fünf bis 15 Minuten“, prognostiziert der Kölner Produzent Wolfgang Link mit Blick auf „Quibi“, „und das mit Minutenpreisen, wie man sie aus der hochwertigen Fiction kennt: im mittleren Segment 10.000 Dollar die Minute, im Premiumsegment sogar bis zu 125.000 Dollar.“ Ob und wie das über Abos finanziert werden kann, bleibt nicht nur für ihn erst einmal fraglich. Link hat gerade die Lizenz für eine israelische Webserie erworben, die er jetzt für den deutschen Markt adaptieren möchte. Das Format hatte in Israel über Instagram fast alle 12- bis 18jährigen erreicht.

Der Geschäftsführer von Warner Bros. ITVP Deutschland René Jamm sieht den aktuellen Hype nüchtern: „Am Ende des Tages ist es eine andere, weitere Form des Erzählens, die im linearen Fernsehen selten stattfindet.“ Seine erste Short Form Produktion ist die satirische Web-Serie „In bester Verfassung“. Sie wird Anfang Juni zuerst online unter anderem in der ZDF Mediathek laufen. An der Produktion der acht jeweils sieben bis acht Minuten langen Folgen sind neben Altstar Gudrun Landgrebe auch die YouTuber Joseph Bolz („De Changeman“) und Fabian Siegismund („Battle Bros“) beteiligt. Über ihre Kanäle werden sie im Vorfeld auf den Start der Geschichte um zwei Verfassungsschützer, die in der Eifel eine islamistische Terrorbedrohung erfinden, hinweisen.

Auch Playmobil startet Serie im Kurzformat

Jamm geht übrigens davon aus, dass durch die Kurzform-Formate auch noch ganz andere Anbieter als bisher aktiviert werden: „Neben Sendern sowie Videoplattformen werden sicher große Marken ebenfalls Short Form produzieren.“ Dafür gab es in Südfrankreich schon erste Beispiele. Playmobil-Vorstandsmitglied Lars Wagner etwa bestätigte, „Short Form-Inhalte“ seien Teil der digitalen Strategie des Spielzeug-Herstellers. Schon seit Jahren ist der Konzern auf YouTube präsent: „Dieses Engagement werden wir ausbauen, das nächste Highlight steht bereits an.“ Am 19. April startet die Serie „Playmo High“ als Stop-Motion-Animation. Die erste Staffel umfasst elf Folgen mit einer Länge zwischen fünf und sechs Minuten.

Für Sahin jedenfalls war auf der MIPTV ganz klar zu sehen, dass Sender und Plattformen verstärkt nach solchen Inhalten suchen oder damit beginnen, sie selbst herzustellen: „Das Nutzungsverhalten der jungen Leute gibt diese Richtung ganz klar vor.“

 

 

 

 

 

 

nach oben

weiterlesen

dpa: Warnstreik für höhere Vergütungen

Rund 100 Beschäftigte des Berliner Newsrooms der Deutschen Presse-Agentur (dpa) haben am heutigen Dienstag in einer aktiven Mittagspause ab 13 Uhr die Arbeit niedergelegt. Sie protestieren gegen die Hinhaltetaktik und inakzeptablen Angebote der Arbeitgeber in den laufenden Tarifverhandlungen, die ver.di gemeinsam mit dem Deutschen Journalisten-Verband (DJV) führt.
mehr »

Verschlossene Auster geht an Bayern

Die Verschlossene Auster 2019 von Netzwerk Recherche (nr) geht an die Bayerische Staatsregierung. Mit dem Negativpreis zeichnete die Journalistenvereinigung auf ihrer Konferenz in Hamburg den Informationsblockierer des Jahres aus. Die Begründung des nr-Vorstands: „Die Staatsregierung, getragen von einer Koalition aus CSU und Freien Wählern, blockiert weiterhin die Einführung eines Informationsfreiheitsrechts, wie es in den meisten Bundesländern schon existiert.“
mehr »

Nachwendewellen

Überlebende? Das Sandmännchen. Polizeiruf 110 und vielleicht noch Carmen Nebel. Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist nicht viel vom Deutschen Fernsehfunk (DFF) und dem „Rundfunk der DDR“ übriggeblieben. Oder doch? Vor allem zwei Konzepte konkurrierten nach der Auflösung des Staatsfunks auf dessen ehemaligem Sendegebiet. Während im Norden alle Verbindungen zum DDR-Fernsehen gekappt wurden, sendete der „Kessel Buntes“ im Süden fröhlich weiter. Doch der MDR wurde unterschätzt, konnte nicht nur Ost-algie. Er brachte mehr Boulevard und leichte Unterhaltung in die ARD.
mehr »

Berliner, wie haste dir verändert

Die Berliner Zeitung, ihre etwas leichtere Schwester Berliner Kurier und die zugehörigen Online-Auftritte werden heute von etwa 130 Menschen gemacht. Die Personalsituation im Berliner Newsroom und bei Berlin24 Digital – beides eigenständige GmbH – ist angespannter denn je. Leistung in der täglichen Zeitungsproduktion wird ungenügend gewürdigt. Für die Beschäftigten im DuMont-Haus in Kreuzberg kommt seit März die Sorge hinzu: Was droht ihnen, wenn der Kölner Traditionsverlag seine Regionalblätter in Kürze komplett abstößt?
mehr »