Das Ende der Kuschelpolitik

Personalabbau und unlautere Honorarbedingungen bei Springer

Im Axel Springer Verlag geht die Angst um. An den Standorten Hamburg und Berlin drohen Arbeitsplatzabbau, Outsourcing und Lohndumping. Zugleich versucht der Verlag, auch die Honorare freier Journalisten im Handstreichverfahren zu kürzen.

„Hände weg von unseren Arbeitsplätzen!“ Auch ungemütliches Nieselwetter hielt einige Hundert Springer-Kollegen nicht davon ab, am 22. Januar dem ver.di-Aufruf zur Protestaktion gegen die Gefährdung ihrer Arbeitsplätze zu folgen. Zum wiederholten Mal verlangten Belegschaft und Betriebsrat Klarheit über die Anfang September bekannt gewordenen Umstrukturierungspläne der Geschäftsleitung. Monatelang hatten Unternehmensberater von Roland Berger die Springer-Konzernhäuser in Hamburg und Berlin durchkämmt, um der Geschäftsleitung Vorschläge zur „Effizienzoptimierung“ zu machen. Gerüchte, wonach als Folge dieser „Verwaltungsanalyse“ bis zu 400 Arbeitsplätze gestrichen werden sollen, blieben zunächst undementiert. Ebenso Gerüchte über umfangreiche Outsourcing-Programme und Betriebsverlagerungen. Angesichts der nur wenige Monate zurückliegenden „Jubel-Berichte“ des Springer-Vorstands vor den Aktionären monierte der Betriebsrat: Es sei „weder sozial noch moralisch vertretbar, die Arbeitsplätze von Kolleginnen und Kollegen, die zum Erfolg des Hauses bei­getragen haben, in Frage zu stellen“.
Anfang September ließ Springer die Katze aus dem Sack: 266 Stellen sollen gestrichen, weitere 155 Jobs ausgelagert werden. Betriebsbedingte Kündigungen, so ließ der Verlag wissen, seien zwar nicht erwünscht, aber auch nicht ausgeschlossen. Nach Bekanntgabe der Hiobsbotschaft hüllte sich die Geschäftsleitung zunächst in Schweigen. Kein schöner Zustand für die betroffenen Kollegen, denen scheibchenweise verklickert wird, was ihnen blüht. Nach Darstellung der Hamburger ver.di-Betriebsgruppe des ASV sollen im Bereich „AS media systems“ 46 Stellen „komplett wegfallen, 83 ausgelagert werden“. Völlig unklar ist bislang, wann, wohin, zu welchen Bedingungen und mit welchen Aufgaben das geschehen soll. Die Geschäftsleitung verweigert einstweilen jedes Gespräch über die Abbau- und Outsourcing-Pläne. Klarer erscheint die Zukunft des Rechnungswesens: Bis zum 1. Juli soll laut Finanzvorstand Steffen Naumann die gesamte Abteilung nach Berlin umziehen. Über die Konditionen für diejenigen, die diesen Umzug mitmachen, sickerte bislang wenig bis gar nichts durch. Erst recht darüber, was denjenigen blüht, die aus privaten oder sonstigen Lebensplanungsgründen die Transaktion nicht mitgehen können. Offenbar spekuliert der Verlag darauf, allein dadurch einige „Überschüssige“ bequem loszuwerden.

Viele tappen noch im Dunkeln

In den meisten anderen Bereichen tappen die Beschäftigten noch mehr im Dunkeln. Betroffen sind unter anderem Druckereiverwaltung, Personal, Recht, Eventmanagement und Information / Öffentlichkeitsarbeit. Es sei „zu befürchten, dass Beschäftigte in neu zu gründenden Axel Springer Unternehmen künftig weniger Geld bekommen sollen – bei einer dann auch längeren Arbeitszeit“, argwöhnt ver.di-Landesfachbereichsleiter Peter Ahner.
Natürlich, so die stereotype Besänftigungsformel, solle der unvermeidliche Personalabbau „sozialverträglich“ erfolgen. Dass laut ver.di KollegInnen, die zuvor zu Altersteilzeit-Vereinbarungen „geradezu gedrängt worden waren“, eben diese Vereinbarung zur Jahreswende „plötzlich und durch die Bank verweigert“ wurde, passt nicht in dieses harmonische Betriebsfamilienbild. Anderen Kollegen, die aus betroffenen Bereichen freiwillig gegangen waren, sei dem Vernehmen nach eine Abfindung nach dem Rationalisierungsschutzabkommen verweigert worden, moniert die Hamburger ver.di-­Betriebsgruppe. Und fragt konsterniert: „Worauf steuert der Vorstand damit zu?“
Nicht wenige Beobachter haben den Eindruck, dass unter dem kühl auf maximale Rendite orientierten Regime von Vorstandschef Mathias Döpfner die Ära der sozialpartnerschaftlichen Kuschelpolitik bei Springer definitiv zu Ende geht. Das muss sie wohl auch – wie anders ließe sich sonst das „Extra-Salär von über 30 Millionen Euro“ erwirtschaften, das sich der Springer-Vorstand laut „Stern Online“ bis zum Jahr 2008 mit Hilfe eines „Aktien­optionsprogramms“ genehmigen will? Ungerechtfertigte Sozialneidattacken? Verlagsgründer Axel Cäsar Springer dürfte im Grabe rotieren angesichts solcher Geschäftsgebaren. Anders als zu seinen Lebzeiten profiliert sich der Verlag in jüngster Zeit als Jobkiller ersten Grades. Betrug die Gesamtzahl der Beschäftigten vor sechs Jahren noch rund 14.000, so dürfte diese Zahl im laufenden Jahr auf unter 10.000 sinken. Gewerkschaften und Belegschaft wollen diesen Aderlass nicht widerspruchslos hinnehmen. Auf Initiative des Betriebsrats wurde die gewerkschaftsnahe ISA Consult beauftragt, die Ergebnisse der „Verwaltungsanalyse“ kritisch zu überprüfen. Zugleich schaltete der Betriebsrat ein Anwaltsbüro ein, das die von der Geschäftsleitung geplanten Maßnahmen auf ihre rechtliche Zulässigkeit abklopft.
Auch am Standort Berlin fürchten viele Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze. In der Hauptstadt trägt das Jobkillerprogramm den schnittigen Namen „Online First“. Dahinter steckt die seit Sommer 2006 vorangetriebene Integration der „blauen Gruppe“ – Welt, Welt Kompakt, Welt am Sonntag und Berliner Morgenpost – in einem gemeinsamen Newsroom. Wenn Ressorts zusammengelegt werden, liege es „doch auf der Hand, dass da Personal eingespart werden soll“, fürchtete der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Holger Kollonitsch schon im vergangenen Herbst. Mittlerweile produziert der laut Springer-Vorstandschef Döpfner „modernste Workflow Online to Print“ die ersten Opfer. Nach Inbetriebnahme des integrierten Newsrooms im November „konnten Personalressourcen in der Gruppe effizienter gebündelt werden“, ließ der Verlag Anfang Januar im kühlen Rationa­lisierungsjargon verlauten. „Den dadurch frei werdenden Mitarbeitern“ könne nun in einer „neuen Re­daktionseinheit eine qualifizierte Beschäftigung angeboten werden“.
Was die zu diesem Zwecke aus dem Boden zu stampfende „Entwicklungs- und Serviceredaktion“ eigentlich soll, blieb einstweilen offen. Laut Josef Propst, Verlagsgeschäftsführer Regionalzeitungen, soll mit dem Projekt gezeigt werden, „dass Restrukturierungsmaßnahmen nicht zwangsläufig Arbeitsplatzabbau bedeuten müssen“. Die Betroffenen – es ist die Rede von 50 bis 100 Beschäftigten – sollten Propst beim Wort nehmen.

Anspruch auf alle Nutzungsrechte

Als verspätetes „Weihnachtsgeschenk“ schickte der Axel Springer Verlag Mitte Januar seinen freien Journalistinnen und Journalisten mit der letzten Monats­abrechnung neue Honorarbedingungen zu. Darin erhebt der Verlag Anspruch auf alle denkbaren Nutzungsrechte – ohne zusätzliche Vergütung, versteht sich. Der Katalog umfasst unter anderem analog, digital, Tele- und Mediendienste, Internet, Datenbanken, Mobilfunk, Breitbandnetze und Pressespiegel. Selbst vom Verlag abgelehnte Beiträge sollen demnach nur „unter Beachtung der Interessen des Verlags“ vermarktet werden. Ein geradezu sittenwidriges Ansinnen, zumal bei Brutto-Stundenlöhnen von Freien, die nach Berechnungen des ver.di-Fachbereichs Medien ohnehin teilweise bei dürftigen 5,38 Euro liegen. Bei Akzeptanz der neuen Honorarregelungen, so die Gewerkschaft, könnten freie Journalisten „dann durchaus mit den Arbeitsbedingungen in der Hamburger Hotelbranche konkurrieren“.
Der Vorstoß Springers ist umso un­verfrorener, als die Verlegerverbände seit drei Jahren mit ver.di über angemessene Vergütungen für Freie nach dem neuen Urheberrechtsgesetz verhandeln. „Springers hausinterne Dumping-Initiative“, so die dju in ver.di, sei eine „grobe Missachtung nicht nur der Verhandlungspartner, sondern auch des Wertes journalistischer Arbeit, und ein Versuch, durch Marktmacht Bedingungen zu diktieren“. Die dju hat daher allen Freien empfohlen, die neuen Regelungen nicht zu akzeptieren. Ein Mus­terschreiben für den Widerspruch und weitere Informationen dazu sind auf der dju-Website zu finden: http://dju.verdi.de. Gemeinsam mit dem DJV und Freelens forderte die dju Springer-Vorstandschef Döpfner schriftlich auf, die unzumutbaren Geschäftsbedingungen zurückzuziehen. Sollte der Verlag stur bleiben, wollen die Gewerkschaften rechtlich dagegen vorgehen.

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