Diskretion ist Ehrensache

dapd-Sozialreport mit dünnen Auskünften

Einen detaillierten Sozialreport über die Arbeitsplatzentwicklung im eigenen Haus hatte die Nachrichtenagentur dapd liefern wollen. Entgegen der vollmundigen Ankündigung fällt das Ende März vorgelegte Ergebnis reichlich dünn aus.

„Als erste Agentur“ veröffentliche dapd einen solchen Report, pries sich die vor 20 Monaten aus der Fusion von ddp und deutscher AP hervorgegangene dpad am 21. März in einer Pressemitteilung. Doch das als eine Art Pionierleistung ausgegebene sechs Seiten dünne Datenwerk entpuppt sich bereits auf den ersten Blick als eine Sammlung überwiegend bekannter Zahlen. Dass der Mitarbeiterbestand in der Gruppe von innerhalb eines Jahres von 307 bis Ende 2011 auf beachtliche 515 Angestellte angewachsen sei, hatte die Geschäftsleitung bereits im Januar bei der Vorlage des Geschäftsberichts von 2011 wissen lassen. Gleiches gilt für die Auflistung wirtschaftlicher Kerndaten etwa zur Umsatzentwicklung und zum Korrespondentennetz. Dass die Volontäre der Agentur „direkt in den Redaktionsalltag eingebunden sind, in alle Ressorts blicken können und somit sämtliche journalistische Stilrichtungen vermittelt bekommen“, sollte selbstverständlich sein. Dass die „Mobilität“ von „Redakteuren und Außendienstmitarbeitern“ durch die Anschaffung von „177 neuen Smartphones und iPads im Jahr 2011“ immens gesteigert wurde, dürfte nicht allzu Viele aus der Branche interessieren.
Überall da, wo es an harte Daten geht, die wirklich Aufschluss geben könnten über die soziale Situation der Mitarbeiter, übt sich die Geschäftsleitung in beredtem Schweigen. Über die Durchschnittshöhe der Gehälter, Umfang von Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Volontärsgehälter, Entgelte für Praktikanten findet sich im Sozialreport keine Zeile. Auf entsprechende Nachfrage winkt dapd-Pressesprecher Tobias Lobe ab. Der Report dokumentiere, „dass wir in 12 Monaten allein 208 neue Vollzeitstellen geschaffen haben“, teilt er schriftlich per Mail mit. Und weiter: „Über 100 Redakteure haben bei uns unterschrieben, weil dapd ein attraktiver Arbeitgeber ist. Wir bitten jedoch um Verständnis, dass bei uns für Gehälter gilt: Diskretion ist Ehrensache!“
Wie berichtet, gilt für die überwiegende Mehrheit der dapd-Mitarbeiter ein tarifloser Zustand (M2/ 2012). Nur die früheren AP-Mitarbeiter konnten ihre besseren tarifvertraglichen Konditionen durch Bestandsschutzverhandlungen in die Fusion hinüberretten. Abgesehen von einigen gezielt von anderen Agenturen abgeworbenen Spitzenkräften werden dem Vernehmen nach viele Mitarbeiter mit Dumpinglöhnen abgespeist. Die Abneigung des eigenen Hauses gegenüber Tarifabschlüssen kommentiert dapd-Sprecher Lobe so: „Andere Anbieter mögen Tarifverträge abgeschlossen haben. Uns sind jedoch Fälle bekannt, wie diese umgangen wurden.“ Welche angeblichen „Fälle“ gemeint sind, mochte er allerdings nicht mitteilen.

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

„Lippe aktuell“ wird eingestellt

Die Haltbarkeit verlegerischer Entscheidungen wird offenbar immer kürzer. Das in Bielefeld erscheinende „Westfalen-Blatt“ (Zeitungsgruppe Münsterland) hatte zusammen mit der in Detmold erscheinenden „Lippischen Landeszeitung“ (Verlag Max Giesdorf) im September letzten Jahres das traditionsreiche Anzeigenblatt „Lippe aktuell“ gekauft. In gemeinsamen Pressemitteilungen wurde eine perfekte Partnerschaft zelebriert. Nun wird bekannt: Das Gemeinschaftsunternehmen wird Ende 2022 im 36. Jahrgang eingestellt.
mehr »

RSF setzt Zeichen zur Fußball-WM in Katar

Kneipe und Fußball, das gehört für viele zusammen. Doch in diesem Jahr trinkt sich das Bier vermutlich nicht ganz so unbeschwert. Anlässlich der Fußball-WM der Männer will Reporter ohne Grenzen (RSF) mit Bierdeckeln auf massive Einschränkungen der Pressefreiheit und Menschenrechtsverletzungen in Katar aufmerksam machen. „Die beste Abwehr gegen Diktatur: Pressefreiheit“ ist auf den Deckeln zu lesen. Sie werden nun in Kneipen und Restaurants in Berlin und anderen Städten verteilt.
mehr »

„Tagesspiegel“ bekommt Tarifvertrag

Einigung nach langen Verhandlungen: ver.di und der DJV haben heute den Tarifvertrag für den Berliner „Tagesspiegel“ unterschrieben. Damit verpflichtet sich das Medienhaus, ab dem 1. Januar 2023, die Mantel- und Gehaltstarifverträge für Redaktion und Verlag sowie den Tarifvertrag über die Altersversorgung für Redakteur*innen an Tageszeitungen anzuwenden. „Dass der Tagesspiegel sich für einen Tarifvertrag entschieden hat, ist ein wichtiger Schritt für die Arbeitsbedingungen der Medienbranche in Berlin“, sagte der zuständige Gewerkschaftssekretär Jörg Reichel von ver.di.
mehr »

Mental stark in Krisenzeiten

Wie können Journalist*innen den Zustand der Welt noch abbilden, fragte im November die Friedrich-Ebert-Stiftung. Wie kommen sie selbst mit der Dauerkrisensendung klar? Eine Antwort darauf versuchte der Kommunikationswissenschaftler Stephan Weichert zu geben: einen resilienten Journalismus. Ziemlich nüchtern berichtete Andrea Beer über ihre Arbeit als ARD-Hörfunkkorrespondentin in der Ukraine. Angehenden und jungen Journalist*innen zeigte sie per Videostream Fotos von ihren Einsätzen – etwa bei den Toten in der Nähe der zurückeroberten Stadt Isjum im Nordosten.
mehr »