Ein anderer Beginn

Neues Printprojekt Leipziger Zeitung ab Mai wöchentlich

Am 20. März erschien in Leipzig die Null-Nummer des neuen Printprojekts Leipziger Zeitung, das ab Mai wöchentlich erscheinen soll. Im Untertitel steht: „Die Wochenzeitung in Leipzig – lokal, fair und transparent“. Bis Ende April lief die Erprobungsphase, in der die Macher bei zahlreichen Leserforen mit Interessenten ins Gespräch kamen. Die Besonderheit: Die Leipziger Zeitung erscheint zunächst ausschließlich gedruckt – in Zeiten des kostenlosen digitalen Informationskonsums ein mehr als gewagtes Experiment.

Cesare Stercken, Moritz Arand, Redakteur Andreas-Peter Pausch und Robert Dobschütz (v.l.n.r.) bei der Pressekonferenz zur Ausgabe Null. Foto: Ildiko Sebestyen Photographie
Cesare Stercken, Moritz Arand, Redakteur Andreas-Peter Pausch und Robert Dobschütz (v.l.n.r.) bei der Pressekonferenz zur Ausgabe Null.
Foto: Ildiko Sebestyen Photographie

5.000 Abonnenten sollten bis Ende April für die neue Zeitung gewonnen sein. Eine Wochenzeitung gibt es in der Messestadt mit rund 540.000 Einwohnern bislang nicht. Diese Marktlücke wollen Moritz Arand, seine Co-Gründer Robert Dobschütz und Cesare Stercken zusammen mit weiteren rund 20 Mitstreiter/innen füllen. Sie alle glauben an die Zukunft von Print: „Dieses Interesse an etwas Greifbarem ist weiterhin groß, vielleicht nicht so sehr in der Generation WhatsApp, aber doch bei einem großen Teil der Menschen“, hatte Arand im März gegenüber kressreport erklärt. Auch potenzielle Anzeigenkunden zeigten Interesse. Bisheriges Fazit: 1010 Exemplare der Auftakt-Ausgabe wurden bis Mitte April verkauft, nur ein rundes Fünftel der Zielmarke. 750 Abos wurden abgeschlossen, diese Zahl müsste mittelfristig 15mal so hoch sein. Doch die Pioniere lassen sich davon nicht schrecken, wollen weitermachen. Schon der Vertrieb der LZ am Grosso vorbei ist eine Herausforderung: Einzelexemplare für je 2,10 Euro sind in lokalen Geschäften erhältlich. Das Abo mit Lieferung nach Hause kostet 69 Euro im Jahr. Auch Förderabos können abgeschlossen werden – eine Variante, mit der auch das niveauvolle Stadtmagazin kreuzer überlebensfähiger wird.
Dennoch scheint der Zeitpunkt für das Projekt gut gewählt: Der Platzhirsch Leipziger Volkszeitung (LVZ) verliert stetig an Auflage, im letzten Jahr waren es 8.000 Exemplare in der harten Auflage (IVW, IV. Quartal). Die Nachricht, dass große Teile der Zeitung zukünftig im Stammhaus der Mediengruppe Madsack in Hannover entstehen werden, dürfte für weitere Leserverluste sorgen. Auch Bild mit seinen Regionalseiten büßte ein, obwohl Leipzig eine wachsende Stadt ist – allein 2014 gab es ein Einwohnerplus von 13.000.

Was die Macher vorhaben, die bislang für das lokale Nachrichtenportal Leipziger Internetzeitung (L-IZ), die Stadtteilzeitung 3Viertel und den meinungsbetonten Blog Weltnest tätig waren, ist inhaltlich nichts Revolutionäres: Eine qualitativ gute Wochenzeitung zwischen LVZ und dem Stadtmagazin kreuzer. Die Auftakt-Ausgabe ist eher als Konzeptentwurf zu sehen, gibt aber schon in der Titelzeile die Richtung an: „Ein anderer Beginn“. In der Zeitung gibt´es eine Reportage über das Leipziger Kinderheim Tabaluga, das Porträt einer Diskuswerferin, viele Interviews und einen Schwerpunkt zum enger werdenden Mietmarkt.
Der provisorische Redaktionsraum befindet sich im Westwerk, einem stillgelegten Fabrikgelände im Stadtteil Plagwitz im Leipziger Südwesten, unweit des mittlerweile weltberühmten Spinnereigeländes mit seinen Ateliers und Galerien. In diesem Umfeld erschienen auch 50 Ausgaben der monatlichen kostenlosen Stadtteilzeitung 3Viertel, die Ende vergangenen Jahres aus Finanznöten eingestellt wurde. Nun arbeiten die ehemaligen Macher Arand und Stercken mit ganzer Kraft am neuen Projekt LZ. Auf der Internetpräsenz positionieren sie sich als Lokalpatrioten im besten Sinne. Cesare Stercken: „Mit vereinten Kräften und frei von Konkurrenzgehabe sehen wir im gemeinsamen Handeln die Chance, in Leipzig etwas zu bewegen.“ Moritz Arand: „Wir wollen eine Stellung in Leipzig einnehmen, die Monopolisten die Allmachtsphantasien streitig macht und damit aktiv in städtische Prozesse aufklärend eingreifen.“ Dazu müssten sich Formate jenseits der Leitmedien zusammenschließen, um in der Bündelung einen relevanten Gegenpol zur Medienöffentlichkeit darzustellen. Nils Schmidt (Weltnest.de) sieht sich und seine Mitstreiter als „engagierte Bürger, die in der Fortschreibung einer Leipziger Tradition, sich selbst in das Stadtgeschehen einzumischen“, stehen.
Die finanzielle Problematik kann bei all dem nicht ausgeblendet werden. Robert Dobschütz (L-IZ): „Es geht um die Bezahlung einer handwerklichen Arbeit, welche sich Lokaljournalismus nennt. Dieser hat drei Eigenschaften: er ist dreckig, teuer und transparent. All dies gilt es zu erhalten und gemeinsam auch mit den Leipzigern auszubauen.“ Stercken meint, dass eine aufklärende Schreibfeder und erfrischende Lektüre wie die LZ in der Leipziger Medienlandschaft dringend gebraucht würde. Aber: „Wir alle stehen über alle Medienarten hinweg der gleichen noch unbeantworteten Frage gegenüber: Wie ist journalistische Arbeit auch zukünftig bezahlbar?“

Perspektive

„Ja, wir sind in gewisser Weise auch alle etwas wahnsinnig, aber wer Großes erreichen will, sollte nicht klein anfangen zu denken.“
(Moritz Arand)

Nachzuprüfen unter: www.leipzigerzeitung.net

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