Ein steiniger Weg

Offenes Gespräch mit Sabine von Berlepsch, Vorsitzende des NDR-Gesamtpersonalrats (r.); Doris Carstensen, stellvertretende Vorsitzende des NDR-Gesamtpersonalrats (m.) und Lars Stubbe, ver.di-Sekretär in Hamburg.
Foto: Jan-Timo Schaube

Norddeutscher Rundfunk (NDR) mit Manko in der Personalentwicklung

Im Zuge der sogenannten Senderstrukturreform erlebt der Norddeutsche Rundfunk (NDR) „die schwerste Erschütterung seit dem Versuch der CDU Ministerpräsidenten Ende der 70er-Jahre die damalige Drei-Länder-Anstalt zu zerschlagen“, sagt die Vorsitzende des Gesamtpersonalrats beim Norddeutschen Rundfunk, Sabine von Berlepsch. In Hamburg und seinen Landesfunkhäusern Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen beschäftigt der NDR nach eigenen Angaben rund 3.500 festangestellte Mitarbeiter_innen, 1.150 programmgestaltende freie Mitarbeiter_innen mit Rahmenvertrag sowie annähernd 10.000 weitere Freie.

Innerhalb des ARD-Verbunds ist der NDR damit die drittgrößte Landesrundfunkanstalt. Der schwerwiegendste Grund für den Stellenabbau: Im Rahmen der Senderstrukturreform soll die ARD in den Jahren von 2017 bis 2028 insgesamt 951 Millionen Euro einsparen. Etwa ein Fünftel dieser Summe muss der NDR gemäß des Beitragsschlüssels innerhalb der ARD dazu beitragen. Die Verunsicherung der Mitarbeiter_innen in Deutschlands nördlichster Rundfunkanstalt ist dementsprechend groß, viele Beschäftigte fürchten Kürzungen vor allem beim Personal. Die Frage, warum sich die Sender überhaupt einem solch rigiden Sparprogramm unterwerfen müssen, hören Sabine von Berlepsch und ihre Kolleg_innen daher regelmäßig. „Den Beschäftigten diese Strukturoptimierung zu erklären, ist für uns als Personalvertretung ein steiniger, dornenreicher Weg. Dabei wollen wir uns eigentlich vor allem darum kümmern, die Auswirkungen auf die Beschäftigten zu begrenzen“, sagt die Vorsitzende des NDR-Gesamtpersonalrats. „Wir sehen uns gezwungen, den Beschäftigten bereits von den ARD-Verantwort­lichen beschlossene Sparmaßnahmen zu erklären, ­ohne daran noch das Geringste ändern zu können“. Diese Aufgabe ist keine leichte für die erfahrenen Personalräte um Sabine von Berlepsch. Die Informationen vom NDR kämen zwar regelmäßig, aber teilweise geradezu wie eine Informationsflut. Ein Gesamtkonzept zur Umsetzung der Senderstrukturreform liegt weder den Personalvertretungen noch der Gewerkschaft vor. Konkrete Angaben über den Gesamtprozess sind Mangelware. „Mitbestimmung ist unter diesen Voraussetzungen schwierig“, bestätigt auch Lars Stubbe, zuständiger ver.di-Sekretär in Hamburg.

Zur Umsetzung des angesetzten Sparziels ist der NDR in die 20 Strukturprojekte der ARD involviert, die wiederum in zahlreiche Einzelprojekte untergliedert sind. In der Verwaltungsdirektion beispielsweise ist die SAP-Prozessharmonisierung allein in 29 Unterprojekte aufgeteilt. Insgesamt 15 Stellen sollen bis zum Jahr 2024 in der Verwaltung des NDR wegfallen, Standardprozesse zukünftig die Arbeit vereinfachen. In einem Pilotprojekt wurde bereits eine ARD-weite, gemeinsam genutzte Hörfunkdatenbank eingerichtet. Derzeit verfügt sie über etwa 800 Eingabefelder, damit alle ARD-Anstalten ihre Sendungen entsprechend verorten können. Die Beschäftigten des NDR benötigen allerdings nur etwa 70 Eingabefelder für ihre Arbeit, berichtet Doris Carstensen, stellvertretende Vorsitzende des NDR-Gesamtpersonalrats. Mit dem Fortschreiten der Strukturreform werden auch weitere Arbeitsprozesse und Software-Anwendungen nicht mehr speziell auf die Bedarfe des NDR abgestimmt sein. Nach Arbeitserleichterung durch Prozessoptimierung klingt das zunächst nicht.

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Fotos: ARD/NDR

Die Grenzen Künstlicher Intelligenz

Im Bereich der NDR-Produktionsdirektion ist der Spar­zwang ebenfalls groß. Bis 2028 werden mindestens 40 Stellen gestrichen. Neben der IT-Strategie sind auch in den Archiven des NDR massive Einschnitte geplant. Hier soll verstärkt Künstliche Intelligenz zum Einsatz kommen, um Abläufe zu verbessern und Lohnkosten zu minimieren. Doch hoch im Norden stößt die Künstliche Intelligenz an ihre Grenzen. Es wurde nicht bedacht, dass die automatische Spracherkennung derzeit noch kein Plattdeutsch versteht. Ein nicht unerheblicher Teil des Hörfunk- und auch Teile des TV-Programms werden im NDR allerdings plattdeutsch ausgestrahlt. Die Stellen in den Archiven des NDR werden trotzdem gestrichen, davon geht Doris Carstensen, die stellvertretende GPR-Vorsitzende fest aus.

Durch das Strukturprojekt „Benchmark Produktion“ kommt es auch in der Produktionsdirektion zu einer erheblichen Arbeitsverdichtung: in der Außenübertragung, der Sendeabwicklung, im Schnitt und bei der Kameraautomation im Studio. In der Fernsehberichterstattung beispielsweise wird schon jetzt häufig mit „1er-Teams“ gearbeitet. Der Begriff an sich lässt viel erahnen: Statt der klassischen Besetzung eines Teams mit jeweils einem Verantwortlichen für die Kameraführung und Assistenz, ist im „1er-Team“ eine einzige Person parallel für Kamera, Ton und Licht verantwortlich. Bis zum Jahr 2024 sollen im NDR insgesamt 20 Prozent der Fernsehberichterstattung auf diese Weise produziert werden. Einen kleinen Erfolg kann die Personalvertretung bei diesem Thema verbuchen: Die ­Kameraleute erhalten pro Einsatz pauschal einen ­Zuschlag von 43 Euro, wenn sie als „1er-Team“ unterwegs sind. Das ist in dieser Höhe einzigartig in der ARD. Dennoch „stehen wir mit dem Rücken an der Wand“, sagt Sabine von Berlepsch. Ein Erfolg auf der einen Seite reiße häufig ein Loch an anderer Stelle. „Das ist das Tückische an der Senderstrukturreform. Wie viele andere Prozesse konnten wir auch den Abbau der Senderbetriebe nicht von Beginn an eindeutig dieser Reform zuordnen“, sagt Doris Carstensen. Und so entwickelt sich der Abbau schleichend. Inzwischen ist klar: Von 12 NDR-eigenen Senderbetrieben in Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen sollen nur fünf Betriebe erhalten bleiben. Die unbesetzten Standorte werden zukünftig überwiegend per ­Remote-Technik betrieben. Für die derzeit 52 Beschäftigten werden im Jahr 2028 nur noch 31 Stellen übrig sein.

Dabei soll es laut Aussage der NDR, dessen Intendant Lutz Marmor ist, keine betriebsbedingten Kündigungen im Zuge der Senderstrukturreform geben. Doch schon Ende 2016 wurde den Personalräten mitgeteilt, dass in den folgenden zehn Jahren über 1.000 Beschäftigte den NDR verlassen werden, um in Rente zu gehen. Darunter seien viele hochqualifizierte Kolleg_­innen, deren Stellen nicht wiederbesetzt würden, beklagt der NDR-Gesamtpersonalrat. „Da wird uns viel Wissen verloren gehen“, sagt Doris Carstensen. Und Sabine von Berlepsch ergänzt, dass die Personalvertretungen es sich aufgrund der fehlenden Personalentwicklung des NDR zur Aufgabe gemacht haben, den drohenden Brain Drain durch gezielt organisierten Wissenstransfer etwas abzumildern. Denn natürlich würden nicht zuletzt wegen der unsicheren Zukunftsperspektiven beim NDR viele Beschäftigte in die freie Wirtschaft ausweichen. Das gilt zunehmend auch für gut ausgebildete Berufsanfänger_innen. Was das bedeutet, weiß der Personalrat bereits aus der Vergangenheit: Seit Beginn der neunziger Jahre hat der NDR nach eigenen Angaben schon 700 Planstellen „sozialverträglich“ abgebaut und diverse Dienstleistungen extern vergeben. Der komplette Betrieb des NDR-Rechenzentrums sei schon vor der Senderstrukturreform Ende der 90er Jahre an das Informationsverarbeitungszentrum (IVZ) in Potsdam ausgelagert worden. Angesichts des bisher geplanten Stellenabbaus befürchten viele Mitarbeiter des NDR massive Auswirkungen auf das Programm. Auf Nachfrage teilt die Pressestelle des NDR zwar mit, dass der NDR „alle Anstrengungen unternehmen wird“, um das „möglichst zu vermeiden.“ Und auch wenn tatsächlich keines der Senderstrukturprojekte das Programm betrifft, so sind sich Sabine von Berlepsch und Björn Siebke doch einig darüber, dass Einschnitte zum Beispiel in den Bereichen Archiv und Programmerstellung sehr wohl Auswirkungen auf das Programm haben.

Björn Siebke ist freier TV-Redakteur am NDR-Standort Hannover und sitzt im Vorstand des NDR-Senderverbands für die freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Er hat als Autor schon häufig mit den „1er-Teams“ in der elektronischen Fernsehberichterstattung gearbeitet. Wenn es neben dem Redakteur nur noch einen statt zwei Mitarbeiter auf dem Dreh gibt, leide nicht nur die Qualität der Bilder. Häufig müsse er als Autor dann auch das Produktionsfahrzeug im Wechsel mit dem Produktionsmitarbeiter fahren. Gerade bei tagesaktuellen Produktionen sei das kaum zu stemmen. „Da erledige ich meist noch einen Teil der Recherche oder die Protagonisten-Suche aus dem Auto heraus. Wenn ich selbst fahren muss, funktioniert das natürlich nicht mehr“, sagt Björn Siebke. Das gehe zu Lasten der Inhalte. Mehr als simpel gestrickte Nachrichtenfilme könne er dann nicht an die Redaktionen liefern. Eine solche Kürzung von Produktionskapa­zitäten bedeute natürlich auch, dass freie Mitar­bei­ter_­innen weniger Aufträge vom NDR erhielten und zugleich die Arbeitsverdichtung deutlich spürten. „Das führt zu einer enormen Verunsicherung, es fehlt uns an einer Perspektive“, sagt Björn Siebke und ist sich sicher, dass Tarifverhandlungen mit dem NDR der beste Weg sind, um Verbindlichkeit zu schaffen. Man müsse sich gemeinsam dagegen wehren, dass der Strukturwandel für Honorarsenkungen zweckentfremdet werde. Offensiv gegen prekäre Beschäftigung

Auch Lars Stubbe ist sich sicher: Nur durch die Zusammenarbeit aller ver.di-Senderverbände auf Bundesebene kann man einer drohenden „Harmonisierung“ der Tarifebene nach unten wirksam entgegentreten. Der Plan der Senderverantwortlichen, ihre Tarifverträge zu vereinheitlichen und nach unten abzusenken, muss abgewehrt werden, so seine Meinung. Für den Herbst 2018 plant der ver.di-Senderverband eine innerbetriebliche Informationsoffensive, um die NDR-Mitarbeiter_innen zu organisieren, gegen Stellenabbau und die Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse. Denn so schwierig es bei der unzureichenden Informationspolitik des NDR sei, passende Sozialpläne oder Interessenausgleiche auszuarbeiten, so entschlossen sind ver.di und die ver.di-Vertreter_innen im ­Personalrat, den NDR nicht aus der Verantwortung für seine Mitarbeiter_innen zu entlassen.

 

 

 

 

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