Eiskalt am Alex

Kündigungen im Berliner Verlag beim Abendblatt angedroht

Der Berliner Verlag, das hauptstädtische Filetstück von M. DuMont-Schauberg, gerät in wirtschaftliche Schieflage. 17 Kündigungen, die jetzt beim Berliner Abendblatt angedroht sind, scheinen nur der Auftakt einer umfassenden Entlassungswelle.

Was ist los am Standort Berlin?, fragten die Konzernbetriebsräte am 19. September in einem Mitarbeiter-Info ihre Geschäftsführungen. Die erste Antwort kam 24 Stunden später: Da hörten die Beschäftigten der BVZ Anzeigenzeitungen GmbH (Berliner Abendblatt), wie die komplette Redaktion mit 14 JournalistInnen, zwei Empfangskräften und einer Disponentin sowie zusätzlich sechs Pauschalisten für entbehrlich erklärt wurden. Dass das nur der Beginn einer größeren Entlassungswelle sein könnte, befürchtet die dju in ver.di und sieht Gefahr für insgesamt 50 Arbeitsplätze. Erstmals seit 15 Jahren – orakelt die Geschäftsführung – drohe das hauptstädtische Verlagshaus von M. DuMont Schauberg (MDS) mit Berliner Zeitung, Berliner Kurier, Stadtmagazin tip und Abendblatt in die Verlustzone zu rutschen. Die Betriebsräte haben Indizien dafür, dass es bei Personaleinsparungen bald auch um Redakteursstellen beim Berliner Kurier und der Berliner Zeitung, um Arbeitsplätze in Dokumentation und Poststelle sowie um „Synergien“ bei der Vermarktung des Stadtmagazins tip gehen könnte.
Endlich wieder ein richtiger Verleger!, hoffte man, als Alfred Neven DuMont zu Jahresbeginn 2009 am Berliner Alexanderplatz einzog. Nach der „Heuschrecke“ Mecom von Finanzinvestor David Montgomery, die ausschließlich auf Rendite aus war, versprach die traditionreiche, im Familienbesitz befindliche Kölner Mediengruppe MDS – der viertgrößte deutsche Zeitungsverlag – mehr kaufmännischen Verstand und größere Chancen für Qualitätsjournalismus. Doch was seither praktisch passierte, desillusionierte vielfach: das alternativlose und schnelle Aus für das hauseigene Online-Projekt Netzeitung, Synergiesuche und Experimente, wie die Bildung der Redaktionsgemeinschaft für die MDS-Flaggschiffe Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau sowie die Gründung diverser tarifloser Billig-Töchter. Die Betriebsräte listen in dem genannten Infoblatt etliche Managemententscheidungen auf, die zur aktuellen wirtschaftlichen Lage am Alexanderplatz beigetragen haben dürften. Von rausgeschmissenem Geld für ein unzulängliches Redaktionssystem und unnötige Drucktechnik bis zum Wechsel auf eine MDS-nahe, aber teurere wöchentliche Fernsehbeilage ist die Rede. Und davon, dass auf „immer weniger Mitarbeiter … im Verlag immer mehr Leiter“ kommen. Schließlich wird daran erinnert, dass auch die 152 Mio. Euro, die DuMont Schauberg für den Berliner Verlag gezahlt hat, wie bei Mecom überwiegend mit Kredit finanziert worden seien. „Den bezahlen wir jetzt wieder ab.“

Solidaritätsstreik von Beschäftigten des Berliner Verlages in der Tarifrunde Redakteure in Tageszeitungen 2011. Foto: Ch. v. Polentz
Solidaritätsstreik von
Beschäftigten des Berliner
Verlages in der Tarifrunde
Redakteure in Tageszeitungen
2011.
Foto: Ch. v. Polentz

Und MDS agiert eiskalt! „Wir erfuhren von den Kündigungen eine halbe Stunde vor den Mitarbeitern“, erklärt Abendblatt-Betriebsvorsitzender Falko Hoffmann. Dabei hätten die Interessenvertreter nicht nur „rechtzeitig, schriftlich und umfassend“ informiert, sondern mit den Betriebsräten vorab auch Alternativen beraten werden müssen. So verlangt es der gerade erneuerte Tarifvertrag über Weiterbeschäftigung, Qualifizierung und Sozialplan für den Berliner Verlag, den tip Verlag und die BVZ Anzeigenzeitungen GmbH. Er schreibt auch explizit fest, dass Nachteile für Arbeitnehmer durch Synergieprojekte und andere betriebsändernde Maßnahmen „ausgeglichen oder gemildert werden“ sollen. Dass „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Anspruch auf Umsetzungen innerhalb des Gesamtunternehmens in Berlin haben, schafft zusätzliche Möglichkeiten zur Weiterbeschäftigung“, betont Andreas Köhn, der auf ver.di-Seite mit verhandelt hat. Nichts davon nun beim Abendblatt, wo es dem Vernehmen nach um sechsstellige Einsparungen jährlich geht. Die Gewerkschaften protestierten gegen den Tarifbruch und forderten, die angedrohten 17 Kündigungen zurückzunehmen.

 

Billig-Tochter

Die nicht tarifgebundene Anzeigenzeitungs-GmbH – „wir sind das Niedriglohnsegment im Haus“, so Betriebsratschef Hoffmann – vertreibt das Abendblatt mit 20 Lokalausgaben für ganz Berlin in 1,2 Mio. Exemplaren. „Gerüchte gab es schon länger, jetzt ist klar, dass künftig die Billig-Tochter mdsCreative als Dienstleister die redaktionellen Inhalte zuarbeiten soll.“ Die Publishing-Gesellschaft, die bislang aus Köln Sonderbeilagen zuliefert oder Layoutaufträge übernimmt, ist erst seit kurzem in der Hauptstadt präsent und bietet in Jobanzeigen „Mitarbeit auf freier oder 400-Euro-Basis“.
Zwischen der Abendblatt-Geschäftsführung und dem Betriebsrat sind zunächst drei Gespräche bis Mitte Oktober terminiert. Die Interessenvertretung werde auf Basis des Tarifvertrages versuchen, so viele Beschäftigte wie möglich im Haus zu halten, sagt der Vorsitzende, weiß aber, dass das nicht einfach wird.
Ob Strategien und Erfahrungen von DuMont-Schauberg aus regionalen Monopolmärkten ausreichen, „um auf dem umkämpften Markt der überregionalen und Hauptstadtzeitungen mithalten zu können“ bezweifelt dju-Geschäftsführerin Cornelia Haß angesichts fortschreitender Substanzverluste. Nötig sei eine Zukunftsstrategie, „die Bestand und Aussicht auf Erfolg hat“. Um den gruppenweiten Ideen- und Innovationsprozess zu koordinieren, hat in Köln gerade eine zentrale MDS-Stabsstelle Innovationsmanagement ihre Arbeit aufgenommen. Das könnte auch eine Drohung sein.

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