Hundert Antworten für eine smarte Zukunft

Symbolfoto: Smart City-Konzept mit künstlicher Intelligenz Foto: 123rf

Wir sitzen im goldenen Käfig und merken es nicht mal: Holger Volland gibt in seinem Buch „Die Zukunft ist smart. Du auch?“ hundert Antworten auf die wichtigsten Fragen zum digitalen Alltag. Im Interview spricht er über die Herausforderungen und Risiken der Digitalisierung und verdeutlicht, warum der Wandel nicht nur die Politik, sondern uns alle angeht: weil jede Nutzung sogenannter smarter Technologien ihren Preis hat.

M | Herr Volland, ihr Buch trägt den Titel „Die Zukunft ist smart.“, verbunden mit der Frage „Du auch?“ Warum müssen wir Nutzer ebenfalls smart sein? Und will das überhaupt jeder?

Holger Volland | Es ist für jeden Menschen wichtig, sich mit den digitalen Technologien auseinanderzusetzen, denn wir sind alle davon betroffen. Selbst meine Mutter besitzt ein Smartphone mit diversen Apps. Meine Titelfrage zielt darauf ab, dass sich kaum ein Nutzer darüber im Klaren ist, welchen potenziellen Schaden die Technologien anrichten können; oder ob die Kosten, die sie verursachen, weil sämtliche Daten erfasst und verwendet werden, den Nutzen aufwiegen.

Müssten Sie Ihre Titelfrage nicht in erster Linie an die Politik richten? Die Corona-Krise hat doch deutlich vor Augen geführt, wie rückständig Deutschland in Sachen Digitalisierung ist. 

Deshalb gehört es zu den wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre, die Digitalisierung zu koordinieren und voranzubringen. Dafür brauchen wir dringend ein eigenes Ministerium, weil Bund, Länder und Gemeinden bislang alle ihr eigenes Süppchen kochen.

Autor Holger Volland Foto: Manuel Rauch

Laut einer Statistik des Arbeitsministers fallen durch die Digitalisierung 1,3 Millionen Arbeitsplätze weg; dafür werden langfristig 2,1 Millionen neu geschaffen. Ist das nicht eine Milchmädchenrechung?

Natürlich ist es das. Der Betrachtungszeitraum des normalen Arbeitnehmers erstreckt sich ja nicht über mehrere Jahrzehnte. Wer seinen Job verliert, weil ein Algorithmus seine Arbeit erledigt, der braucht jetzt einen neuen und nicht erst in zwanzig Jahren. Außerdem können viele dieser neuen Arbeitsplätze schon aktuell nicht besetzt werden, weil die nötigen Fachkräfte fehlen.

Droht Deutschland international abgehängt zu werden?

Diese Gefahr liegt zumindest nahe. Man muss sich bloß mal anschauen, wer die Corona-Krise nutzen konnte, um Umsatz und Einfluss zu steigern: amerikanische Technologiekonzerne wie Netflix oder Amazon. Amazon schafft zwar neue Arbeitsplätze, auch in Deutschland, aber in erster Linie für Lagerarbeiter, denen ein Algorithmus sagt, welches Produkt sie aus dem Regal holen sollen. Das sind nicht die Jobs, die wir uns von der Digitalisierung erhoffen.

Amazon weiß mehr über meine Konsumgewohnheiten als ich. Warum ist das für viele Menschen kein Problem?

Weil es unglaublich bequem ist. Nur die Wenigsten machen sich bewusst, dass sie als Nutzer vollkommen gläsern werden. Amazon sammelt selbstverständlich auch auf anderen Websites Informationen, was zur Folge hat, dass irgendwann kein echter Preisvergleich mehr möglich ist; dann sitzt man als Kunde im goldenen Käfig und merkt es nicht mal. Abgesehen davon ist es grundsätzlich schlecht für den Wettbewerb, wenn ein Dienstleister eine derartige Monopolstellung hat: Weniger Wettbewerb ist gleichbedeutend mit wenig Interesse an Entwicklung. Die Geschichte der Technologie hat gezeigt: Die Pioniere sind nach einer gewissen Zeit immer von Nachfolgern mit besseren Produkten abgelöst worden.

Ihr Buch gibt hundert Antworten auf die wichtigsten Fragen zum digitalen Alltag. Was hat sie am meisten empört?

Ich war extrem überrascht, wie viele Informationen ein ganz normaler Fernseher sammelt, und das gilt keineswegs nur für Apparate mit Kamera und Mikrofon; das hat sich ja mittlerweile herumgesprochen. Jedes sogenannte Smart TV mit Internetzugang – und das sind mittlerweile im Grunde alle – informiert den Hersteller darüber, was die Zuschauer gucken, wann sie umschalten etcetera.

Warum interessiert das den Hersteller?

Ihn selbst vermutlich weniger, aber andere umso mehr: Diese Informationen werden genutzt, um gezielte Werbung auf die Geräte zu spielen. Beispielsweise für neue zahlungspflichtige Kanäle bei Amazon Prime oder für Spielfilme und Serien, die per Abo verfügbar sind. Über die IP-Adresse und den Standort können die gesammelten Informationen aber auch Werbung auf anderen Geräten im gleichen Haushalt personalisieren, etwa auf Mobiltelefonen. Deshalb werden Fernseher immer billiger, obwohl ihre Leistungsstärke zunimmt: weil wir neben dem Anschaffungspreis oft auch mit unseren Daten zahlen.

Was lässt sich dagegen unternehmen? Wenn ich das Gerät vom Netz nehme, kann ich keine Mediatheken mehr nutzen. 

Sie können beispielsweise die Weitergabe von Daten in den Einstellungen ablehnen, die Internetverbindung nur temporär freigeben oder das nächste Gerät von einem Hersteller mit hohen Datenschutzstandards kaufen.

Kein Wunder, dass Medienwissenschaftler ein Schulfach Medienbildung fordern. Die Schüler sollen unter anderem Programmieren lernen. Unterstützen Sie das?

Ja, unbedingt. Es geht beim Erlernen einer Programmiersprache nicht darum, Programmierer zu werden; solche Aufgaben werden in Zukunft ohnehin von Algorithmen übernommen. Das Ziel ist vielmehr, die Logik von Programmen zu verstehen, und damit kann man gar nicht früh genug anfangen.

Braucht man den kleinen Internetführerschein, um gegen „Fake News“ gewappnet zu sein?

Nicht unbedingt. Es braucht vor allem gesunden Menschenverstand. Entscheidend ist, nicht alles zu glauben, was einem zugespielt wird: immer erst den Kopf einschalten, bevor man eine Nachricht teilt, und sie grundsätzlich nur weiterleiten, wenn man sicher kein kann, dass die Information stimmt. Wenn man das beherzigt, haben die meisten „Fake News“ keine Chance auf Verbreitung.

Digitaleuphoriker schwärmen vom „Smart Home“. Wo sind die Vorteile, wo sehen Sie Risiken?

Für Menschen mit starker Sehbehinderung ist zum Beispiel ein Assistenzsystem, das per Sprache die Orientierung im Haus erleichtert, sehr nützlich. Das sammelt zwar ebenfalls Daten, aber es steigert die Lebensqualität erheblich. Beim Saugroboter sollte die Abwägung anders aussehen. Damit er nicht die Legosteine meiner Kinder einsaugt, entscheide ich mich für ein Modell mit Kamera. Aber dann sollte ich mir darüber im Klaren sein, dass er auch meine Einrichtung und meine Familie filmt. Außerdem sind viele dieser Geräte Einfallstore in unser Heim. Über eine ungeschützte smarte Glühbirne lässt sich leicht herausfinden, wo der Standort des entsprechenden WLans ist.

Wo sehen Sie die größten Chancen der Digitalisierung?

In der Industrie. Der Mittelstand hat es in den letzten Jahren erstaunlich gut geschafft, die Digitalisierung in seine Produkte zu integrieren. Die deutsche Industrie gilt international nach wie vor als leistungsfähig. Verbraucher- und Datenschutz kommen im internationalen Wettbewerb dagegen generell zu kurz. Die maßgeblich von Deutschland initiierte Datenschutzgrundverordnung ist ein internationales Erfolgsmodell, selbst die chinesischen Datenschutzrichtlinien haben zum Teil darauf zurückgegriffen. Da sehe ich große Chancen für lohnende Geschäftsmodelle.

Die Fragen stellte Tilmann P. Gangloff

Holger Volland ist Transformationsexperte und Autor zu Themen rund um den digitalen Wandel. Er gehört zur Geschäftsleitung des Wirtschaftsmagazins „brand eins“, ist Mitglied im Beirat sowohl von Z-Inspection, einer wissenschaftlichen Initiative für ethische Künstliche Intelligenz, wie auch des Sonophilia Instituts. Sein Buch „Die Zukunft ist smart. Du auch?“ (416 Seiten, 18 Euro) ist im Mosaik Verlag (München) erschienen. tpg

 

 

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