IFA: Wie der digitale Mensch Gestalt annimmt

Foto: Hermann Haubrich

Die Internationale Funkausstellung Berlin (IFA) ist Handelsplatz und Ort für Visionen gleichermaßen. Dort wird die Zukunft verhandelt und der digitale Mensch entworfen. Vom 2. bis zum 7. September ist es wieder soweit. Vordergründig erscheint die IFA als eine gigantische Warenauslage neuster Produkte in den Bereichen Unterhaltungselektronik und Hausgeräte. Im Hintergrund ist sie jedoch ein Ort, an dem die Branche auf Fachpodien und Diskussionsveranstaltungen massiv die Zukunft der Digitalisierung und die Vernetzung aller Lebensbereiche in eine integrierte, personalisierte Cloud vorantreibt.

Ohne den Konsumenten und seine Bedürfnisse – die, die Industrie unter Umständen erst einmal wecken muss – geht gar nichts. Das hat er in der Vergangenheit immer wieder gezeigt. So spielt der UKW-Ersatz DAB+ beim Radioempfang noch immer kaum eine Rolle und die Nutzung von Smart-TV kommt langsamer voran als gewünscht, obwohl Deutschland im europaweiten Vergleich führend ist, wie Hans-Joachim Kamp, Aufsichtsratsvorsitzender der gfu – Gesellschaft für Unterhaltungselektronik mbh (Consumer & Home Electronics GmbH) bei dem Branchentreffen gfu Insights & Trends sagte. Das Treffen findet jedes Jahr Anfang Juli in Berlin statt und dient als Einstimmung auf die IFA, deren Veranstalter die gfu ist. Aus der von Kamp vorgestellten Studie „Was kauft König Kunde und warum?“ geht aber vor allem hervor, dass in 31 Prozent aller deutschen Haushalte ein Smart-TV steht, das im vollen Umfang seiner Möglichkeiten genutzt wird. Tatsächlich gibt es aktuell in 53 Prozent aller deutschen Haushalte ein Smart-TV, so viele wie sonst nirgends in Europa, davon sind auch 74 Prozent mit dem Internet verbunden, aber bei 22 Prozent davon werden die Smart-TV-Funktionen überhaupt nicht genutzt. Werden sie genutzt, dann mehrheitlich für Mediatheken, sehr stark aber auch für Video-on-Demand-Angebote. Damit geht einher, dass weniger linear geschaut wird – also, nicht wenn die Sendung ausgestrahlt wird – sondern nonlinear – also wann man will. 38 Prozent aller Smart-TV-Nutzer machen dies so, bei den 16- bis 39-Jährigen sind es gar 53 Prozent. Zusätzlich wird auch auf Tablets, Computern und sogar Handys „fern gesehen“. Dazu kommt die Möglichkeit, Informationen gezielter auszuwählen. Warum also die Tagesschau schauen, wenn Russia Today das eigene Weltbild doch sehr viel besser bedient?
Wie sehr die Digitalisierung das persönliche Verhalten verändert, wird zwar nirgends so deutlich wie im Unterhaltungs- und Informationssektor. Aber auch in anderen Bereichen bedient die Digitalisierung alle Wünsche an ‚sofort‘, ‚bequem‘, ‚einfach‘ und ‚Sicherheit‘. Etwa bei der Vernetzung des Eigenheims, der digitalen Transformation des Gesundheitswesens (e-Health) sowie der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung (e-Government). Auch dazu gehörende Aspekte wie Big Data, Mixed Reality und selbstfahrende Autos sind bei den Fachkonferenzen der IFA, wie etwa bei dem am 5. und 6. September stattfindenden IFA+ Summit, Thema.

Smart Home

Einen ersten Überblick über den Status Quo gaben die gfu Insights & Trends. Das vernetzte Heim tut sich nach wie vor schwer, weil „die Produkte komplexer werden und die Kunden überfordern“, ließ der Vortrag von Heiko Neundörfer, Geschäftsführer der Firma HiFi Forum und Dienstleister für Smart Home-Lösungen, durchscheinen. Roland Hagenbucher, Geschäftsführer der Siemens Electrogeräte GmbH, der die jüngsten Trends der Hausgeräte-Industrie beschrieb, war zwar grundsätzlich positiv eingestellt, betonte aber auch: „Wachstum und Akzeptanz schreiten voran, doch die Vernetzung wird nicht um ihrer selbst willen geschehen, sondern nur, wenn der Kunde im Vordergrund steht.“ Der aber zieht nur mit, wenn es für ihn einen klaren Mehrwert gibt, der ohne große Hürden zu erhalten ist. Also liegt seit diesem Jahr der Fokus auf automatischem Erkennen und Konfigurieren der Geräte, etwa mit dem ‚Simple Device Discovery Protocol‘ (SDDP). Am Ende vernetzen sich die Geräte selbsttätig und kommunizieren sogar miteinander. Die Steuerungszentrale des ganzen liegt im Smartphone und läuft natürlich über das Internet, so dass man auch von außen Zugriff aufs Haus hat. Diese digitale Durchdringung läuft unter dem Begriff „Seamless Living“ und bedeutet, dass die Kaffeemaschine weiß, wann sie starten soll, weil der Spiegel im Bad – auf dem die aktuellen News oder die Lieblingsserie läuft – ihr meldet, dass die Morgentoilette gleich beendet ist. Vorausgesetzt, man kann den Kunden mitnehmen, ist nach Heiko Neundörfer, „die komplette Automatisierung des Heims nicht mehr so ganz weit entfernt“.

E-Health

Das nächste große IFA-Thema ist e-Health. Wie man seine Musik und Spiele immer dabei hat, so hat man hier auch seine Krankenakte immer dabei. Für den digitalen Nomaden, der heute in Berlin, morgen in London, dann in New York und im Sommer sowieso auf Ibiza lebt, ein immenser Vorteil. Jeder Arzt, den er auf der Welt aufsucht, kann sich sofort mit seiner Krankengeschichte vertraut machen und die richtige Therapie verschreiben. Aber auch wenn man zuhause bleibt, verspricht die Telemedizin, dass alles schneller, effizienter und besser wird: Wie das Diabetes Management, die Rehabilitation, die Dosierung von Medikamenten und Arztkonsultationen via Webkamera. „Der Patient hat ein Recht auf zeitgemäße Gesundheitsversorgung und somit ein Recht auf Digitalisierung“, sagt Britta Böckmann, Professorin für Medizinische Informatik an der Fachhochschule Dortmund, um so Transparenz herzustellen und weil es dem Patienten das Leben retten kann, wenn Rettungskräfte sofortigen Zugriff auf seine Akte haben. Tatsächlich werden vernetzte Gesundheitslösungen laut der oben erwähnten Studie mehrheitlich akzeptiert, auch wenn sich 49 Prozent der Befragten Sorgen um Datenmissbrauch machen.

Ausblick

Die IFA ist der Ort für Visionen, technische Lösungen und Verkauf. Die positiven und negativen Veränderungen auf die Gesellschaft werden dort lediglich am Rande angesprochen. Dabei sollte man sich durchaus beizeiten die Frage stellen ob die Bequemlichkeiten, die uns die Digitalisierung bringt und die wir gerne annehmen, nicht unser ‚Soma‘ sind? Jene Droge aus Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“, die uns neben Konsum und Sex zufrieden macht und uns die Fähigkeit nimmt, kritisch zu denken.

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