„Katapult“ wird nun auch online gespannt

Aus dem halbfertigen Haus versprach das Team zum Katapult-Start "Frei auf die Fresse". sceenshot: katapult-mv.de

Mecklenburg-Vorpommern ist flach und dünn besiedelt. Gleiches gilt für die dortige Print-Medienlandschaft. Gerade mal drei Tageszeitungen versorgen die 2,5 Millionen** Einwohner*innen mit News und Unterhaltung. Ein Greifswalder Startup will jetzt für mehr Vielfalt sorgen. Nahezu zeitgleich mit den ersten Urlaubern schnellte Katapult MV, eine digitale Lokalzeitung für Mecklenburg-Vorpommern, seine ersten Botschaften ins ansonsten wenig aufregende mediale Flächengetümmel.

Die Bilanz nach der ersten Woche fällt nach Ansicht der Redaktion ermutigend aus: 40.500 Besucher auf der Homepage, knapp 76.000 Seitenaufrufe, überwiegend (84 Prozent) mobile Nutzung über Instagram, Facebook, Twitter und Google. Unter den beliebtesten Stücken bislang: „Frei auf die Fresse“ – eine Art Selbsterklärungs-Editorial und „Küstenschutzwald vs. Megatourismus“, ein Report über das Hotelgroßprojekt „Baltic Sea Eco Resort“ mit 2.300 Betten auf Rügen. Ganz vorn im Popularitäts-Ranking: eine witzige Foto-Text-Satire mit dem Titel „11 Gründe, warum Neubrandenburg extrem hässlich ist“. Als einzigen „Lichtblick“ verortet die Redaktion den „Journalismus in Neubrandenburg“. Denn: „Der Notkurier ist sehr, sehr gut.“ Ein Wink mit dem Zaunpfahl auf das gelegentlich zweifelhafte publizistische Treiben des regionalen Monopolisten „Nordkurier“.

Verfünffachte Abo-Zahlen

Katapult ist im Norden längst keine unbekannte Größe mehr. Seit 2016 erscheint im gleichnamigen Greifswalder Verlag „Katapult“, im Untertitel „Deutschlands erstes Magazin für Kartografik und Sozialwissenschaft“. Ein innovatives Produkt, arbeitet die Redaktion doch ausschließlich mit Texten, Grafiken und Zeichnungen, aber – anders als beim Netz-Ableger Katapult-MV – unter Verzicht auf Fotos. Das aktuelle Heft 21 trägt den Titel „Darf ich mal in Ihren Reaktor klettern?“ und beschäftigt sich – na klar! – mit der Situation der Kernenergie in Europa. Der Verlag begreift sich als unabhängig und gemeinnützig. Das Einzelheft kostet 5,80 Euro, das Jahresabo 19,80 Euro. Die Druckauflage liegt derzeit bei 150.000 Exemplaren, verkauft werden rund 84.000, davon starke 78.000 im Abo. Eine echte Erfolgsstory, denn allein in den letzten zwei Jahren verfünffachten sich die Abo-Zahlen. Dafür sorgte nicht zuletzt ein aggressives und originelles Marketing, zum dem selbst die „Süddeutsche“ mit frechen Plagiatsmethoden einen unfreiwilligen Beitrag leistete.

Einen Wachstumsschub erlebt auch die Redaktion. Die zählt derzeit 31 Mitarbeiter*innen, fast doppelt so viele wie noch Ende 2019. Je höher die Auflage, desto höhere Gehälter zahlt man sich aus. Derzeit sind es 3.150 Euro brutto Einheitslohn – nicht schlecht für ein Magazin, das ohne Werbung und fast ohne Sponsoren auskommt.

Hoher Leidensdruck

Doch wieso jetzt noch „Katapult MV“? Das hat wohl hauptsächlich mit Leidensdruck zu tun. Mit Leidensdruck angesichts einer ausgedörrten Medienszene und einer desolaten Informationslage. „Viele Menschen in MV können nur diese eine Regionalzeitung lesen, weil es keine andere bei ihnen gibt“, klagte Chefredakteur und Katapult-Gründer Benjamin Fredrich unlängst, „das macht mich wahnsinnig“. Nicht allein die monopolisierte Medienlandschaft ist ihm ein Dorn im Auge. Es geht schon auch um die Einfalt der angebotenen Inhalte. Das gilt speziell für den „Nordkurier“, das in Neubrandenburg erscheinende Regionalblatt für Ostmecklenburg, den Süden Vorpommerns und die Uckermark. Im vergangenen Jahr warf Fredrich warf dem „Nordkurier“ – Auflage rund 50.000 Exemplare – vor, systematisch mit Rassismus zu arbeiten, um eine höhere Reichweite zu erzielen. Notiz am Rande: Die AfD erzielte in der Region bei der letzten Bundestagswahl einen Stimmenanteil von knapp 20 Prozent.

Wie die „Katapult“-Zeitschrift, so startete auch die Online-Zeitung mit einem Crowdfunding-Aufruf. Der Erfolg war überwältigend: 19.000 Euro hätten bereits ausgereicht, um fünf festangestellte Redakteur*innen zu bezahlen. Ein Wert, der schon nach vier Tagen erreicht wurde. Zum Start am 1. Juni hatten 3.819 Menschen für 29.064 Euro regelmäßige monatliche Einnahmen gesorgt. Und die Kurve zeigt weiter nach oben. Die Rechnung ist einfach: Je mehr Abos, desto mehr Neueinstellungen, desto mehr Standorte im Flächenland MV. Das Ziel: „aufrichtiger Lokaljournalismus“.

Echter Gebrauchswert und Spaß

Schon die erste Woche überzeugt „Katapult MV“ mit einem gelungenen Mix aus grafisch unterhaltsam aufbereiteten Agenturtexten und einzelnen ambitionierteren Stücken wie dem erwähnten Tourismusprojekt auf Rügen. Das Ganze aufgelockert mit Quatsch-Grafiken und Spaß-Fragen wie zum Beispiel: „Gibt es in MV mehr Kegelrobben oder mehr Kegelvereine?“ Wenn Politiker in MV während der Pandemie mal eben schlappe 468 Euro mehr Sold fordern („Mehr Knete für Landräte“), wartet die Redaktion zum Kontrast mit einer vergleichenden Tabelle zu den bescheidenen Bruttoverdiensten in anderen Berufen auf.

Aber auch echt Gebrauchswertiges wird geliefert. Pünktlich zur Wiederkehr der Tourist*innen publizierte die Plattform eine Liste mit sämtlichen 449 Corona-Testzentren im Lande. Und am 7. Juni lautete die Headline: „Corona-Inzidenz in MV am niedrigsten“ – nur 8,7 Fälle gegenüber dem Bundesschnitt von 24,7. Mal sehen, ob es David „Katapult MV“ gelingt, die publizistische Vielfalt im Norden nachhaltig zu erweitern.

**Anmerkung der Redaktion: Tatsächlich weist das Statistische Amt im Landesamt für innere Verwaltung Mecklenburg-Vorpommerns für den 31.12.2019 eine Einwohnerzahl von 1.608.138 aus. Wir entschuldigen uns für die falsche Angabe.

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