Madsack zentralisiert Digitalgeschäft

Bei Madsack in Hannover soll künftig eine Gemeinschaftsredaktion "Digital Hub" eingerichtet werden.
Foto: Marta Krajinović

Die Online-Angebote aller Titel des Konzerns aus Niedersachsen sollen künftig von einer Gemeinschaftsredaktion produziert werden. Die „Digital-Offensive“ hat eine personelle Kehrseite: Während in Hannover aufgestockt werden soll, verlieren die Redaktionen vor Ort weitere Stellen. Auch wenn sie – wie die Ostsee-Zeitung – Millionen zum Konzernergebnis beitragen.

Kollektivierung à la Madsack: Der Konzern, dessen größter Einzelgesellschafter die SPD-Medienholding ddvg ist, will regionale Digitalangebote künftig zentral an der Leine produzieren lassen. Dazu soll in den kommenden Monaten eine Gemeinschaftsredaktion „Digital Hub“ mit 70 Stellen eingerichtet werden. Konzern-Chef Thomas Düffert, bislang vor allem bekannt als Autor des Spar- und Personalabbaukonzepts „Madsack 2018“, spricht von einem „Investitionsprogramm“. Man strebe eine führende Position unter den deutschen Nachrichtenportalen an. Während Madsack bisher vor allem mit den Angeboten seiner Regionalverlage Reichweite erzielte, will man online künftig in der Liga von Spiegel, Welt & Co. mitspielen.

Stellen werden nach Hannover umgeschichtet

Doch die Redaktionen vor Ort werden personell erneut geschwächt. Denn knapp die Hälfte der 70 Stellen wird innerhalb des Konzerns nach Hannover umgeschichtet – weg von den regionalen Titeln, die künftig nur noch einen „Verbindungsmann“ zur künftigen Online-Kommandozentrale durch einen zusätzlichen Chef vom Dienst haben sollen. Madsack beschwichtigt in gewohnter Weise: Natürlich behielten die Chefredaktionen der einzelnen Titel die journalistische Hoheit, heißt es, der „Digital Hub“ sei ein reiner Dienstleister. Die Realität dürfte anders aussehen, das lehrt das Beispiel des Redaktionsnetzwerkes Deutschland (RND) bei gedruckten Ausgaben: Sind die Ressourcen vor Ort erst einmal abgebaut, fehlt häufig schlicht die Kraft, den „Angeboten“ aus Hannover etwas Eigenes entgegen zu setzen.

Spagat zwischen Ambition und Kerngeschäft

Erschwerend kommt hinzu, dass der „Hub“ – der Begriff beschreibt in der Technik einen Netzwerkknoten, der eingehende Signale an alle Empfänger einfach weiterleitet – eine Doppelfunktion haben wird: Er soll neben den regionalen Portalen, Apps und sonstigen Aktivitäten auch die Plattform „RND.de“ bedienen, mit der Madsack verstärkt im nationalen Nachrichtengeschäft mitmischen will. Verantwortet wird diese Strategie von RND-Chefredakteur Wolfgang Büchner, „Chief Content Officer“, der nach seinem Abgang beim „Spiegel“ und einem Zwischenspiel beim Schweizer „Blick“ Anfang 2017 zu Madsack wechselte.

Ob der Mediengruppe der Spagat zwischen Streben nach nationaler Größe und Sicherung des regionalen Kerngeschäfts unter dem Slogan „Herzschlag unserer Heimat“ gelingt, ist offen. Mit der Zentralisierung und Vereinheitlichung der Angebote zwischen Rostock und Göttingen, Hannover und Leipzig wächst das Risiko, dass die Verankerung vor Ort bröckelt.

Unklar ist auch, wieweit es Madsack gelingt, die derzeit auf den Online-Stellen der Regionalverlage Beschäftigten nach Hannover zu „motivieren“. Sollten die Nein zum Wechsel sagen, heißt es zumindest gegenüber der Presse: „Wir planen keine Kündigungen.“

Ostsee-Zeitung mit Rekordgewinn

Während die Klagen über rückläufige Auflagen, sinkende Anzeigenerlöse und zu hohe Personalkosten kein Ende nehmen wollten, hat der Madsack-Konzern im vermeintlichen Krisenjahr 2016 mit seinem Rostocker Verlag glänzend verdient. Denn der steuerte 8,4 Millionen Euro zum Ergebnis der Lübecker Nachrichten bei.

Die Ostsee-Zeitung (OZ) bleibt einer der erfolgreichsten Verlage der Hannoveraner Mediengruppe. Doch für die Mitarbeiter_innen hat das einen mehr als bitteren Beigeschmack: Mit „Madsack 2018“ wurden die Verkleinerung der Redaktion um 25 Prozent der Stellen sowie drastische Einschnitte im Verlagsbereich bis hin zu Kündigungen durchgesetzt. Aus dem jetzt im Bundesanzeiger veröffentlichten Jahresabschluss geht hervor, dass nun der höchsten Ertrag seit Übernahme des ehemaligen Springer-Titels durch Madsack im Jahr 2009 eingefahren wurde.

Von jeher sind die Rostocker Zeitungsmacher so etwas wie die Lebensversicherung der Lübecker Nachrichten GmbH (LN), die nicht nur 100-prozentiger Gesellschafter der OZ ist, sondern noch eine Reihe weiterer Unternehmen, darunter Anzeigenblätter und Mediendienstleister, hält. Mit 8,9 Millionen Euro fiel der LN-Gesamtgewinn 2016 nur unwesentlich höher als der OZ-Anteil aus.

2015 lasen sich die Zahlen noch deutlich schlechter: Während die OZ „nur“ 2,3 Millionen zum Ergebnis beitrug, rutschten die Lübecker insgesamt mit 850 000 Euro ins Minus. Grund dafür waren millionenschwere Rückstellungen für anstehende Restrukturierungsaufwendungen, wie die Folgen von „Madsack 2018“ im Jahresabschluss genannt werden. Die Kosten für Personalabbau und Sozialpläne wurden also vorab verbucht.

Insgesamt stehen die Verlage also deutlich stabiler da, als es deren Manager in der Öffentlichkeit darstellen. Während das Anzeigengeschäft leicht rückläufig war, stiegen insbesondere die Abo-Erlöse, die Leser wurden allerdings mit starken Preiserhöhungen zur Kasse gebeten. Dass auch die Belegschaften kräftig bluten müssen, spiegelte sich bereits in der 2016er-Bilanz: Der Personalaufwand sei gegenüber dem Vorjahr insgesamt um 2,4 Millionen Euro (12,8 Prozent) reduziert worden. Da der Stellenabbau seither weiter forciert und die Verlage in Rostock und Lübeck neue Mitarbeiter nur noch in tariffreien Tochterfirmen einstellen, dürfte sich dieser Effekt in den nächsten Jahren weiter verstärken.

Ausführlich unter: www.qualitaet-und-vielfalt-sichern.de

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