Maus & Co feiern das ganze Jahr Geburtstag

motzgurke.tv – Die Tigerenten-Reporter zeigen's euch! Das 25-minütige „Tigerenten Club"-Wissensformat (SWR) im Kika. Katharina Küpper alias Anna (hinten Mitte) mit dem Motzgurke-Team, v.li.: Charlotte Herbers, Meike Seemüller und Dean Feyhl. Foto: SWR/Alexander Kluge

Viel Lob für den „Qualitätsmarktführer“ und auch ein wenig Kritik und Anregung

Rund ein Dutzend Spartenkanäle haben ARD und ZDF seit 1984 lanciert, aber keiner war je so erfolgreich wie der Kinderkanal; in diesem Jahr wird der Kika zwanzig. Den eigentlichen Geburtstag am 1. Januar hat der Sender verstreichen lassen, denn gefeiert werden soll das ganze Jahr: mit zahlreichen Mitmach-Aktionen und Programmhighlights. Am 27. März wird ein Facebook-Auftritt für Eltern gestartet.

Im Anfangsjahr 1997 bestand das Angebot überwiegend aus Wiederholungen, weshalb es zunächst als „Resterampe“ verspottet worden sei, erinnert sich Margret Albers. Aber es dauerte nicht lange, und die Kika-Produktionen fanden sich regelmäßig unter den Preisträgern des Kindermedienfestivals Goldener Spatz, das Albers viele Jahre lang geleitet hat: „Der Sender hat rasch ein eigenes Profil entwickelt und sich eine treue Zuschauerschaft erarbeitet.“ Als größten Vorteil bezeichnet die heutige Vorstandssprecherin des Fördervereins Deutscher Kinderfilm und Präsidentin des Europäischen Kinderfilmverbands (ECFA) die Verlässlichkeit: „Endlich hatte das Kinderprogramm einen Hort und musste nicht mehr irgendwelchen Sportübertragungen weichen.“ Außerdem war zwei Jahre zuvor das kommerzielle Super RTL gestartet; ARD und ZDF konnten gar nicht anders, als einen eigenen Kindersender zu gründen, wenn sie die Zielgruppe nicht verlieren wollten.

Für die Kinder war es natürlich toll, nun gleich zwei eigene Programme zu haben, aber die Eltern mussten umdenken. Wenn die Kleinen Lust auf Fernsehen hatten, konnten Mütter und Väter früher glaubhaft versichern, es komme gerade nichts für Kinder; jetzt jedoch kam immer was. Davon abgesehen wurden gerade die Mütter bald zu den treuesten Verbündeten des Kika. Ein Werbeslogan aus den Anfangsjahren – „Wenn. Dann. Den“ – verdeutlicht die Strategie, mit der ARD und ZDF auch fernsehkritische Eltern für das Programm gewinnen wollten. Klassiker aus deren eigener Kindheit taten ein Übriges: Wer selbst schon mit „Wickie“, „Heidi“, „Biene Maja“, der „Sendung mit der Maus“ oder „Löwenzahn“ aufgewachsen war, leistete seinen Kindern begeistert Gesellschaft.

Mit dem Start des frei empfangbaren Disney Channel vor drei Jahren sind die Karten im Kinderfernsehen neu gemischt worden. Der Markt hat sich zu einer Art Zwei-Klassen-Gesellschaft entwickelt. Kika und Super RTL erreichen regelmäßig über 20 Prozent der 3- bis 13-Jährigen, Disney und Nickelodeon liegen bei unter 10 Prozent. Die Marktführerschaft, versichert Kika-Programmgeschäftsführer Michael Stumpf, sei jedoch nicht das vorrangige Ziel. Wie schon in den Jahren zuvor sei der Kika auch 2016 wieder der Lieblingssender der 6- bis 13-Jährigen gewesen. Im Vorschulbereich muss man keine Konkurrenz fürchten. Das Image des Senders ist ausgezeichnet. Daran konnte nicht mal die 2010 bekannt gewordene Betrugsaffäre etwas ändern: Ein Herstellungsleiter hatte mit Hilfe fingierter Rechnungen über Jahre hinweg rund sieben Millionen Euro unterschlagen.

„Wissen macht ah!“ (ARD/WDR) „Sind wir heute dran?“ Shary und Ralph verraten heute u.a. wie man in eine Zwickmühle geraten kann und was eine „Bredouille“ ist.
Foto: WDR/Thorsten Schneider

Auch das Programm scheint über jeden Zweifel erhaben. Medienforscherin Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (eine Einrichtung des Bayerischen Rundfunks), attestiert dem Kika, er habe es „über die Jahre immer wieder geschafft, sich auf die Interessen und Bedürfnisse der Kinder einzustellen.“ Mit erfolgreichen Wissensformaten wie „Checker Tobi“ (BR), „Wissen macht Ah!“ (WDR) und „pur+“ (ZDF) mache Lernen Spaß, und dank der Kindernachrichten „logo!“ (ZDF) „sind Kinder in Deutschland deutlich besser informiert und haben weniger Ängste bei politischen Themen als Kinder in anderen Ländern.“ In der Programmschiene „Kikaninchen“ würden zudem „gezielt Sendungen angeboten, die für Kindergartenkinder förderlich, aber nicht überfordernd sind.“ Innovative Programme wie „Berlin und wir!“ (ZDF) „greifen aktuelle Themen und gesellschaftliche Herausforderungen auf und zeigen aus der Perspektive von Kindern, wie ein offener Umgang mit Unterschiedlichkeit bereichernd sein kann.“ Mit der internationalen Koproduktion „Annedroids“ sei es gelungen, „Themen wie Technik und Naturwissenschaften für Mädchen und Jungen attraktiv in Geschichten zu verpacken.“

Margret Albers hat dann allerdings doch ein paar kritische Anmerkungen. Realserien waren früher ein starkes Unterscheidungsmerkmal zu Super RTL. Albers bemängelt, dass sich der Kika seit der Einstellung von „krimi.de“ allzu sehr auf zugelieferte Langlaufserien wie „Die Pfefferkörner“ (NDR) und „Schloss Einstein“ (MDR) verlasse: „Im Sinne notwendiger Innovation wäre es wichtig, wie mit ‚Ene Mene Bu’ im Vorschulbereich oder ‚Schau in meine Welt’ in der Sparte Info/Doku auch bei den Realserien wieder eine eigene Marke zu kreieren.“ Außerdem bedauert die ECFA-Präsidentin, dass Kurzfilme für Kinder im Kika keine eigene Nische fänden, weil Einzelstücke in den Programmschemata schwerlich unterzubringen seien und den erwünschten Zuschauerfluss („Audience Flow“) stören könnten: „Auch in dieser Hinsicht würde einem öffentlich-rechtlichen Angebot mehr Experimentierfreude gut tun.“ Wünschenswert wäre ihrer Ansicht nach „zudem eine größere Durchlässigkeit zwischen den Partnern ARD, ZDF und Kika: Wenn sich herausstellt, dass eine Kika-Produktion für die ganze Familie taugt, sollte sie auch in einem der Vollprogramme laufen und umgekehrt.“

Kaum Wünsche offen lässt dagegen die Internetpräsenz des Senders. Anlässlich des Jubiläumsjahrs wird am 27. März eine neue Facebook-Seite gestartet. Auf diese Weise will der Kika seine Dialogmöglichkeiten für Eltern um eine weitere Plattform ergänzen. Neben aktuellen Programminformationen bietet der Auftritt Tipps zum Umgang mit Medien im Erziehungsalltag sowie detaillierte Beschreibungen der Sendungen. Außerdem gibt es Blicke hinter die Kulissen, Interviews und ein eigens für Facebook gestaltetes Talk-Format. Die neue Präsenz soll das Online-Angebot „Kika für Erwachsene“ verlängern, das sich mit Hintergrundinformationen und Orientierungshilfen vor allem auch an Lehrer und Erzieher richtet.


Marktanteile 2016 – 3 bis 13 Jahre, 6 bis 21 Uhr

Super RTL 19,6 %

Kika 18,7 %

Nickelodeon 7,9 %

Disney 9,0 %

Quelle: Kika

 

nach oben

weiterlesen

Schon entdeckt? Die Neue Norm

„Wir wollen behinderte Menschen empowern, selbst journalistisch zu arbeiten“, so Judyta Smykowski, Chefredakteurin von „Die Neue Norm“. Das Projekt des Vereins “Sozialhelden“ besteht aus einem Online-Magazin „für Vielfalt, Gleichberechtigung und Disability Mainstreaming“ und einem gleichnamigen Podcast auf Bayern 2. Die engagierte Journalistin gründete das Medienprojekt „Die Neue Norm“ Ende 2019 zusammen mit Raúl Krauthausen und Jonas Karpa, um alte Normen und Vorstellungen von Behinderung im Mainstream aufzubrechen.
mehr »

Ohne Kino: „Ben Hur auf der Armbanduhr“

Im Rahmen der Ausstellung „Die große Illusion“, mit der die Stadt Bielefeld seit September die Geschichte des Kinos würdigt, diskutierten am 11. Mai einheimische Kinobetreiber*innen mit dem langjährigen Berlinale-Leiter Dieter Kosslick über die Frage „Stirbt das Kino?“. Hintergrund des Gesprächs waren nicht nur die Schließungen aufgrund der Corona-Pandemie, sondern auch der scheinbar unaufhaltsame Siegeszug der Streamingdienste. Das Fazit war eindeutig: Das Kino wird überleben. Aber klar wurde auch: Einfach wird es nicht.
mehr »

Journalismus jenseits von Profit

Liegt die Zukunft des Journalismus jenseits von Profit? Noch ist spendenfinanzierter Journalismus in Deutschland die Ausnahme. Ein wesentlicher Grund: Bislang fehlen dafür die gesetzlichen Grundlagen. Nicht nur Aktivisten wollen, dass sich das ändert. Lässt sich die Politik im Bundestagswahlkampf dahin bewegen? Diese und andere Fragen stellten wir Oliver Moldenhauer, einem der Vorsitzenden des Forums Gemeinnütziger Journalismus, das Non-Profit-Organisationen im Medienbereich vereint.
mehr »

Buchtipp: Fotografie und Konflikt

Die Vielschichtigkeit von Fotografie und deren Wahrnehmung behandelt Felix Koltermann in seiner Reihe „Fotografie und Konflikt“ in ebenso klugen wie lesbaren Essays und Vorträgen. Im letzten Band der Reihe werden nochmals die Rollen von Fotojournalist*innen und der anderen Akteure wie Medien und Betrachter thematisiert: Die „zivile Aneignung“ von Bildern jenseits von Propaganda brauche „Dekonstruktion des Bildmediums“, das Erkennen der Vielschichtigkeit des fotografischen Bildes, das ja nur ein kleiner, visueller Ausschnitt vergangener sozialer Interaktion sei.
mehr »