Montgomery auf dem Rückzug

Verkauf der Deutschen Mecom an DuMont Schauberg

Nach dem Rückzug der Finanzinvestoren um David Montgomery aus dem deutschen Medienmarkt übernimmt die Kölner Verlagsgruppe DuMont Schauberg den Berliner Verlag und die Hamburger Morgenpost. Die Beschäftigten schwanken zwischen Erleichterung über das Aus für die „Heuschrecken“ und nervöser Ungewissheit über die Pläne der neuen Eigentümer.


Schon im März vergangenen Jahres hatte die Redaktion der Berliner Zeitung Mecom-Chef David Montgomery aufgefordert, endlich eine langfristige und publizistisch Erfolg versprechende Geschäftsstrategie vorzulegen. Sollte Mecom dazu nicht in der Lage sein, solle Montgomery „nach einem neuen, geeigneten Eigentümer“ suchen. Mitte Januar war es so weit. Unter dem Druck kurzfristiger Verbindlichkeiten und einem Schuldenberg von rund 600 Millionen Euro sah sich Montgomery zum Verkauf seines gesamten Deutschland-Geschäfts genötigt. Nutznießer des offensichtlichen Notverkaufs ist die Kölner Verlagsgruppe M. DuMont Schauberg (MDS), die noch im Jahr 2005 im Bieterverfahren um den Berliner Verlag Montgomery unterlegen war. Für 152 Millionen Euro erwarben die Kölner den Berliner Verlag mitsamt Berliner Zeitung, Berliner Kurier, Berliner Abendblatt, der Stadtillustrierten Tip, der Online-netzeitung, außerdem die Hamburger Morgenpost. Betroffen von dem Verkauf sind knapp 900 Beschäftigte in Berlin und Hamburg.
In der Unternehmensgruppe MDS erscheinen die Aboblätter Kölner Stadtanzeiger und Kölnische Rundschau sowie das Boulevardblatt Express. Im Juli 2006 übernahm MDS einen Mehrheitsanteil an der Frankfurter Rundschau (FR); zur Gruppe gehören des Weiteren die Mitteldeutsche Zeitung (Halle/Saale) sowie diverse Anzeigenblätter und Funkbeteiligungen. Mit dem Erwerb der deutschen Mecom rückt MDS im Ranking nationaler Tageszeitungsverlage an der WAZ-Gruppe vorbei in der Auflagenstatistik auf Platz 3. Vor MDS liegen nur der Axel Springer Verlag und das Stuttgarter Verlagskonsortium SWMH (Süddeutsche Zeitung).

Kooperation angedacht

Im Geschäftsjahr 2007 erzielte MDS mit 3.564 Beschäftigten einen Rekordumsatz von rund 626 Millionen Euro. Allerdings ging der Jahresüberschuss aufgrund der Belastungen durch das Engagement bei der PIN-Group gegenüber dem Vorjahr um mehr als die Hälfte auf 9,1 Millionen Euro zurück.
Die Wellen schlugen hoch, als vor dreieinhalb Jahren britische Finanzinvestoren den Berliner Verlag übernahmen. Befürchtet wurde eine Heuschreckenstrategie, die unweigerlich zu Jobabbau und Qualitätsverlust führen müsse. Die anfängliche Versicherung der neuen Eigner, es sei keineswegs geplant, nur kurzfristig Kasse zu machen, es handle sich vielmehr um ein langfristiges Engagement, traf bei der Belegschaft auf Skepsis. Zu Recht, wie sich in den Folgejahren herausstellte. „Alle Befürchtungen beim Kauf 2005 sind eingetreten: keine Investitionen in Marken, Personal, Technik und Unternehmen, keine Print- und Online-Konzepte. Stattdessen irrationale Umsatzvorgaben und ständiger Schuldenzuwachs, Rücklagen geplündert, Gewinne abgezogen.“ So das deprimierende Resümee des Konzernbetriebsrats der Deutschen Mecom-Gruppe Anfang Januar. Dass man Montgomery unter diesen Umständen keine Träne nachweint, versteht sich von selbst. „Natürlich sind wir alle froh, dass das jetzt zu Ende ist und wir nicht immer sparen müssen, um die Schulden von Mecom abzutragen“, sagt Renate Gensch, Vorsitzende des Konzernbetriebsrats.
Das ursprünglich ausgegebene strategische Ziel, eine deutsche Regionalzeitungskette aufzubauen, haben die Briten nicht erreicht. Dagegen ist Altverleger Alfred Neven DuMont der Realisierung seines lang gehegten Traums, ein überregionaler Player zu werden, ein gutes Stück näher gerückt. Aus gewerkschaftlicher Sicht ist der Verkauf an MDS ein erster Schritt in die richtige Richtung. „Wir erwarten nun auch Investitionen in Personal und Technik und ein wirkliches Konzept für Print und Online, um die erfolgreichen Produkte in Berlin weiter zu entwickeln“ sagte Andreas Köhn, stellvertretender Leiter des ver.di-Landesbezirks Berlin-Brandenburg. Auch in Hamburg wurde der Verkauf der Hamburger Morgenpost mit Erleichterung aufgenommen. Es sei „zu begrüßen, dass ein profitables Unternehmen den Abenteuern der Finanzmärkte entzogen wird“, sagt ver.di Fachbereichsleiter Martin Dieckmann. Für die Beschäftigen und die Redaktionen werde es nun „darauf ankommen, Qualität und Beschäftigung durch weitgehende Eigenständigkeit der Zeitungen zu sichern“.
Aus Sicht von DuMont Schauberg ergibt der Zukauf allemal Sinn. Vor allem im Bereich der Boulevardpresse erscheint eine Kooperation von Kölner Express, Hamburger Morgenpost und Berliner Kurier für die Kölner sehr interessant. Branchenexperten sprechen bereits von einem möglichen Gegengewicht zur Bild Zeitung. Unter welchen Umständen eine solche Kooperation laufen wird, dürfte allerdings von den Beteiligten mit Argusaugen geprüft werden. Schon vor neun Jahren hatte der damalige Besitzer des Berliner Verlags, die Hamburger Verlagsgruppe Gruner+Jahr, den Versuch unternommen, mit MDS eine Gemeinschaftsredaktion für die überregionalen Themen der drei Boulevardblätter zu bilden. Der Plan, diese Gemeinschaftsredaktion als eigenständige Firma outzusourcen, konnte von den Betriebsräten verhindert werden. Auch ähnlich gelagerte Bestrebungen Mecoms in Berlin und Hamburg wurden vereitelt. Schon jetzt warnt ver.di-Fachbereichsleiter Dieckmann: Alle Versuche, die Hamburger Morgenpost zu einer aus Köln oder Berlin dirigierten „reinen Außenstelle“ einer Boulevardzeitungsgruppe zu machen, würden „auf denselben Widerstand bei den Beschäftigten und Redaktionen treffen wie zu Montgomerys Zeiten“.

Wenig Details über Strategie

Auch von der Zusammenarbeit zwischen den verlagseigenen Objekten Kölner Stadtanzeiger, FR und Mitteldeutscher Zeitung mit der Berliner Zeitung verspricht man sich einiges an Sparmöglichkeiten. Schon jetzt existiert eine Plattform, auf die die Mitarbeiter der FR, des Kölner Stadtanzeigers und der Mitteldeutschen Zeitung zugreifen können, um Beiträge zu überregionalen Themen gemeinsam zu nutzen. Hier, so bekannte noch vor dem Erwerb des Berliner Verlags Verlegersohn und Geschäftsführer Konstantin Neven DuMont, gebe es „noch viel Potential zur qualitativen Steigerung und Kostenoptimierung“. Mit Details über die künftige strategische und redaktionelle Ausrichtung vor allem von FR und Berliner Zeitung halten sich die Kölner einstweilen noch zurück. Begründung: Man warte noch das Ergebnis der kartellrechtlichen Prüfung der Transaktion ab. Nach Branchengerüchten soll FR-Chefredakteur Uwe Vorkötter zumindest übergangsweise auch wieder Chefredakteur der Berliner Zeitung werden. Eine Position, die er bereits von 2002 bis 2006 innehatte und die er aus Protest gegen die Heuschreckenstrategie Montgomerys freiwillig räumte. In der Redaktion der Berliner Zeitung trifft die Möglichkeit einer Rückkehr Vorkötters nicht auf ungeteilte Begeisterung. „Unter Vorkötter wurden mehr Leute gefeuert als in den Mecom-Jahren“, resümiert ein Redakteur seine Bedenken. Immerhin: Einem gemeinsamen Newsdesk mit der Berliner Zeitung hat der amtierende FR-Chefredakteur schon eine Absage erteilt. Auch MDS bezeichnete entsprechende Pressespekulationen als „substanzlos“. Dennoch werden die Belegschaften darauf achten müssen, nicht gegeneinander ausgespielt zu werden. Während die Berliner Zeitung wirtschaftlich gesund ist, steckt die FR trotz Auflagenstabilisierung nach dem Übergang zum Tabloidformat im Mai 2007 immer noch in roten Zahlen. „In Frankfurt wird gerade ein Sozialtarifvertrag bis 2012 verhandelt, bei dem die Kollegen auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichten sollen und rund 60 Kollegen (10 in der Redaktion, 50 in der Druckerei) gehen sollen“, heißt es warnend in einer Information des Konzernbetriebsrats der Deutschen Mecom. In Frankfurt wiederum geht die Furcht um, die überregionale FR könne bei einer forcierten Kooperation mit den Berlinern Schaden nehmen. Man erwarte von DuMont Schauberg ein „langfristiges Bekenntnis zum Druck- und Verlagsstandort Frankfurt am Main“, forderte Manfred Moos, Leiter des ver.di-Fachbereichs Medien in Hessen. Eine Zusammenlegung von Redaktionen dürfe es nicht geben: „Wo Frankfurter Rundschau drauf steht, muss auch künftig Frankfurt drin sein.“
Die Berliner haben die neuen Eigentümer schon mal an die Spree eingeladen, um mit ihnen „unsere Vorstellungen von einer guten Hauptstadtzeitung zu diskutieren“ sagt Thomas Rogalla vom kampferprobten Redakteursausschuss der Berliner Zeitung. Das noch unter Mecom durchgesetzte Redaktionsstatut beispielsweise werde man auch unter der neuen Führung nicht ohne weiteres aufgeben. Dass auch die neuen Eigentümer in Qualität investieren wollen, hört man in Berlin gern. „Stocken Sie Ihre Redaktionsetats auf!“ Diese Forderung richtete Alfred Neven DuMont unlängst bei der Verleihung des Theodor-Wolff-Preises an die Verleger. Die Redaktionen in Köln, Berlin, Hamburg, Frankfurt und Halle sollten ihn beim Wort nehmen.

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