Mutig, multimedial, meinungsbildend?

Journalistische Online-Portale und Blogs mit hyperlokalen Inhalten

Wie die gesamte Medienbranche stöhnen auch die Lokal- und Regionalzeitungsverleger unter den Auswirkungen der Wirtschaftsrezession. Jetzt taucht im Internet eine neue Konkurrenz auf: Online-Portale und Blogs mit so genannten hyperlokalen Inhalten. Über aktuelle Entwicklungen im Lokaljournalismus diskutierten Ende Januar in Dortmund rund 150 leitende Redakteure, Medienwissenschaftler und Lokaljournalisten. Veranstalter des 18. Forum Lokaljournalismus waren die Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb) und die Essener WAZ-Gruppe.

Alexander Houben, Chef vom Dienst beim Trierischen Volksfreund stellt sich den idealtypischen Lokaljournalisten der Zukunft so vor: „Der wird in fünf Jahren zu ‘ner Pressekonferenz gehen um zehn Uhr, mit seinem Laptop, mit seiner UMTS-Karte. Um 11 Uhr ist die Pressekonferenz beendet. Um 11:05 haben wir die erste Online-Meldung im Netz stehen. Dann macht er ‘ne Twitter-Umfrage, was halten die Anwohner davon, macht ‘ne halbe Stunde später die längere Geschichte für online (…). Dann bearbeitet er das Video mit den O-Tönen von den betreffenden Menschen, die da waren…“
Und wenn er damit fertig ist, schreibt er vermutlich noch die Printgeschichte fürs Blatt. Eine solche eierlegende Wollmilchsau wäre sicher den meisten Verlegern hochwillkommen. Aber ganz so schnell wird es wohl nicht gehen. Mit der neuen Kommunikationstechnik Twitter etwa tun sich viele Redaktionen nach wie vor schwer, „Wenn jetzt jemand twittert, dann macht er das auch oft, weil er jetzt online-affin ist, weil er das gern mal ausprobiert“, weiß Regina Krömer, stellvertretende Redaktionsleiterin der Offenbacher Main Post und Mitglied im Projektteam Lokaljournalismus der bpb. Das Ganze laufe sehr individuell, „aber dass da jetzt ein großes redaktionelles Konzept dahinter steht, das ist noch nicht so“.

Eine Schneise schlagen

Früher sahen sich die Journalisten gern als so genannte Gatekeeper. Was die Zeitungsleute nicht für berichtenswert hielten, fand in den Medien nicht statt. Angesichts der Vielzahl der Informationen und Info-Kanäle nimmt man neuerdings Zuflucht zum Begriff pathfinder. Es gelte, ins Dickicht von Twitter, Facebook, und Blogs eine Schneise zu schlagen, damit der vermeintlich überforderte User sich besser orientieren könne. Aber viele Nutzer greifen inzwischen zur Selbsthilfe, um da für Orientierung zu sorgen, wo ihrer Meinung nach professionelle Redaktionen zu wenig leisten. Denn trotz vielfacher Verlegerbekenntnisse zu „Online First“ ist ein Dilemma auch im Lokalen unübersehbar: Es erscheint schlicht unmöglich, immer mehr Kanäle mit Qualitätsinhalten zu versorgen, wenn gleichzeitig die Ressourcen immer geringer werden. „Hyperlokale Marken füllen neuerdings Lücken, die lokale und regionale Blätter nicht mehr füllen oder noch nie gefüllt haben“, sagt Stephan A. Weichert von der Berliner Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation. Wie zum Beispiel in Passau, wo der 20jährige Fußballfan Michael Wagner aus seiner Passion fürs runde Leder das Projekt http://www.fussball-passau.de/ entwickelt hat. Ein Lokalfußball-Portal, auf dem alles erfasst wird, was um den Amateurfußball in Niederbayern kreist: Ergebnisse, Tabellen, Spielberichte. Damit bricht Wagner in eine ureigene Domäne der Lokalzeitung ein. Die Leser finden das gut. Die Serverauswertung ergibt an den Wochenenden bis zu 30.000 Besucher, im Monat summiert sich das derzeit auf rund 350.000.
Mehr journalistische Substanz steckt hinter dem „Heddesheimblog“ des Profijournalisten Hardy Prothmann. Verärgert über die seiner Auffassung nach ungenügende Berichterstattung der ortsansässigen Lokalzeitung über bestimmte Themen, beschloss der freie Journalist, selbst lokalpublizistisch aktiv zu werden. Gleiches gilt etwa für: http://www.hohenlohe-ungefiltert.de/ von Ralf Garmatter (M 10/2009).
„Ein ziemlich großer deutscher Verleger hat mir unter Dreien gesagt, er hätte ziemlich Angst vor dem Tag, an dem jemand, der das kann und der auch vielleicht ein bisschen journalistisches Know How hat, sich in sein Verbreitungsgebiet setzt und solche Sachen macht“, sagt Christian Jakubetz, Medienblogger und ehemaliger Chef vom Dienst beim „ZDF-Heute-Journal“. Er glaubt, „dass diese Angst verdammt berechtigt ist“. Jetzt räche sich das Desinteresse der meisten Verlage, in die Niederungen des Sublokalen hinabzusteigen. Das findet auch Wiebke Möhring, Medienwissenschaftlerin an der Fachhochschule Hannover. Nach ihrer Auffassung geschieht es den Lokal- und Regionalzeitungsverlegern recht. Viele hätten sich jahrelang auf ihrem lukrativen Monopol ausgeruht. „Sie waren ja so ein bisschen Herrscher in ihrem Gebiet, kleine Könige. Was sie nicht erzählen wollten, haben sie nicht erzählt“. Plötzlich gebe es Menschen in der Region, die dagegen aufbegehrten. Möhring: „Aus publizistischer Sicht finde ich den Bürgerjournalismus hervorragend.“

Kompetenz in Frage gestellt

Den Lokalzeitungsverlegern schmeckt diese Entwicklung dagegen gar nicht. Schließlich stellen die Online-Newcomer zumindest teilweise ihr Kerngeschäft in Frage: die lokale Kompetenz. Noch müssen sie nicht um ihre Pfründe zittern. Das ergibt sich unter anderem aus einer aktuellen Untersuchung des Dortmunder Formatt-Instituts in Nordrhein-Westfalen. An Rhein und Ruhr gebe es im Internet derzeit rund 60 Angebote mit Lokalinformationen, die nicht von etablierten Medienunternehmen stammten, berichtete Formatt-Geschäftsführer Horst Röper. Eine echte betriebswirtschaftliche Basis existiere nicht, die Betreiber agierten nach dem Lustprinzip, gepaart mit Selbstausbeutung. „Solche Initiativen können professionellen Lokaljournalismus nicht ersetzen“, urteilt Röper.
Andererseits fahnden auch die Profis unter den Lokalzeitungsmachern nach einem validen Geschäftsmodell für ihre Online-Auftritte. Es gebe allenfalls „ein oder zwei Online-Portale von Regionalzeitungen, mit denen möglicherweise ein bisschen Geld verdient wird“, schätzt Malte Hinz, Chefredakteur der Westfälischen Rundschau. Die meisten Zeitungen seien „konzeptionell nicht so dicht dran an den Bedürfnissen“ der Internetnutzer. Eine Position, die auch Lutz Feierabend, stellvertretender Chefredakteur des Kölner Stadtanzeigers teilt. „Wir nehmen den Printartikel, heben den einfach über, machen den ein bisschen kleiner, geben eine Fotogalerie dazu, das war’s dann“, mit diesem vielfach noch gültigen Rezept sei beim internetaffinen Publikum kein Blumentopf zu gewinnen.
Was tun? Henrik Bortels, Online-Chef der Märkischen Allgemeine in Potsdam, hat eine Idee. „Was hält uns denn davon ab, diese neue publizistische Konkurrenz mit zu vermarkten?“ Sobald ein Blog eine relevante Reichweite habe, biete sich dies doch in beiderseitigem Interesse an. Die Märkische Allgemeine vermarkte nach diesem Muster als Blog-Host an die 700 angemeldete Weblogs, berichtete Bortels. „Die größten Kritiker machen das genau auf unserer Plattform.“ Eine Umarmungsstrategie, um die Konkurrenz besser zu kontrollieren oder sogar noch daran zu verdienen. Aber mit dem Verdienen ist das im Netz bekanntlich nach wie vor so eine Sache. Auch fußball-passau.de und der Heddesheimblog leben derzeit noch von Gratis-Zuarbeit und Selbstausbeutung.

Mehr Präsenz mit weniger Leuten

Eines scheint allerdings klar. Der Wunsch der Verleger, crossmedial verankert und vernetzt zu sein, und das mit möglichst wenig Personal, werde nicht in Erfüllung gehen, meinte Blogger Christian Jakubetz. Eine deutliche Anspielung auf die Geschäftspolitik des mit veranstaltenden WAZ-Konzerns, der im vergangenen Jahr rund 300 Redakteursstellen abgebaut hat. Und zwar vor allem in Lokalredaktionen. „Crossmediale und multimediale Präsenz auf allen Kanälen und das mit weniger Leuten – das wird sich beißen“, prognostiziert Jakubetz. Wer im digitalen Zeitalter erfolgreich operieren wolle, „muss möglicherweise investieren“. WR-Chef Malte Hinz setzt noch einen drauf. Die Frage der Verbreitungswege sei zweitrangig, „letztlich geht es um die Qualität im Journalismus“.
Wie wird der Lokaljournalismus im Jahr 2020 aussehen? Es wird ihn noch geben, aber in geringerer Vielfalt, prognostiziert Formatt-Chef Röper. Das Lokale werde künftig anders definiert werden. Vor allem die Online-Auftritte dürften künftig am „Hyperlokalen“ orientiert sein. Weichert sieht die Gattung der „Holzmedien“ insgesamt langfristig als Auslaufmodell. Als Lösung biete sich an – analog zur Entwicklung einiger Blätter in den USA oder der Schweiz – die Erscheinungshäufigkeit der Printausgaben auf zwei bis drei Mal pro Woche zu reduzieren und die restlichen Ressourcen auf online zu konzentrieren.

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