Personeller Kahlschlag

Burda zerschlägt Verlagsgruppe Milchstraße – Verlust für den Medienstandort Hamburg

Als einen weiteren schweren Schlag für den Medienstandort Hamburg bewerten die dju in verdi und der DJV die Entscheidung des Burda-Konzerns, mindestens 150 Arbeitsplätze im Milchstraßenverlag zu streichen. Burda nimmt zudem TV Today in die Zange. Hier sollen 35 weitere vor allem redaktionelle Jobs verloren gehen.

„Massenentlassungen gehören offensichtlich auch im Medienbereich weiter zu den beliebtesten Mitteln unternehmerischen Handelns“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Gewerkschaften. Die Burda-Manager Jan Gisbert Schultze und Jürgen Feldmann hatten auf einer Betriebsversammlung am 14. Februar bekannt gegeben, dass mehr als 150 der insgesamt 420 Beschäftigten im Milchstraßenverlag ihre Arbeit verlieren werden. Betroffen sind vor allem Stellen in der Verwaltung, im kaufmännischen Bereich, im Vertrieb und im Anzeigenbereich. Die Zeitschriften TV Spielfilm, Fit for Fun, Max und Cinema sollen in Hamburg bleiben. Die Zeitschrift Tomorrow ist an die Burda-Vogel Holding verkauft worden und geht nach München. Amica zieht ebenfalls nach München und wird dort von der Burda People Group verlegt. Burda-Mann und Focus-Herausgeber Helmut Markwort machte konzeptionelle und unternehmerische Fehlentscheidungen für die Schieflage der Verlagsgruppe Milchstraße verantwortlich. Unter anderem seien die Mietkosten für den auf drei Standorte verteilten Verlag viel zu hoch.

Vorschnelle Entscheidung

„Wir sind enttäuscht, dass Burda bereits wenige Wochen nach der Übernahme des Milchstraßen-Verlages zu Massenentlassungen greift. Es ist nur schwer vorstellbar, dass in so kurzer Zeit Alternativen zu diesem personellen Kahlschlag ernsthaft geprüft worden sind“, so die Landesgeschäftsführerin der dju Eva Schleifenbaum. Seit 2001 seien mehrere Tausend Medienarbeitsplätze in der Hansestadt verloren gegangen. Die Entwicklung zeige, wie notwendig ein medienpolitisches Konzept für den Standort Hamburg sei. DJV und verdi kündigten Unterstützung und Rechtsschutz für ihre betroffenen Mitglieder an.

Bereits seit Ende 1995 ist Burda über eine Holding an der Verlagsgruppe Milchstraße beteiligt. Ende des vergangenen Jahres hat Burda auch die Anteile des Mitgesellschafters, der italienischen Zeitschriftengruppe Rizzoli übernommen. Der Jahresumsatz der Verlagsgruppe lag 2003 bei 160 Millionen Euro.

Fusion mit TV Spielfilm?

Und dann ist da ja auch noch die Programmzeitschrift TV Today, nunmehr in Burda-Hand. Mit Worthülsen wie junges Dream-Team, signifikante Benefits und einmalige Kombination aus Masse und Klasse versucht die Anzeigenabteilung der Verlagsgruppe Milchstraße ihren Kunden die Übernahme des Anzeigengeschäftes der Zeitschrift TV Today durch das hauseigene Konkurrenzblatt TV Spielfilm schmackhaft zu machen. In den Ohren der Beschäftigten des Übernahmeobjektes müssen solche Sprüche wie Hohn klingen. Von den ehemals 108 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von TV Today sind inzwischen 35 entlassen, beziehungsweise vorübergehend in eine Transfergesellschaft weitergereicht worden. Betroffen sind vor allem Kolleginnen und Kollegen aus dem redaktionellen Bereich. Gleichzeitig hat die Programmzeitschrift den Auftrag der Produktion des redaktionellen Teils der TV-Beilage des Stern an die Verlagsgruppe Milchstraße verloren. Die Zukunft des angeschlagenen Blattes und ihrer Noch- Beschäftigten ist weiter ungewiss. Als versuchte Warmsanierung eines defizitären Objektes kritisierte der Hamburger dju-Sprecher Fritz Gleiß die Entlassungen.

Gleiche Zielgruppe

Der Hintergrund: Im Mai vergangenen Jahres hatte der Hamburger Verleger Hans Barlach (Hamburger Morgenpost) für 15 Millionen Euro die Programmzeitschrift TV Today von Gruner & Jahr gekauft. Das Geld für den Deal hatte er sich ausgerechnet vom Konkurrenten Burda geliehen. Anfang des Jahres hat das Münchner Verlagshaus sich von Barlach, der sich an dem Kauf offenbar überhoben hat, 49 Prozent der Anteile überschreiben lassen. Gleichzeitig hat Burda die Verlagsgruppe Milchstraße übernommen, in deren Haus unter anderem die Programmzeitschrift TV Spielfilm produziert wird. Das Anzeigengeschäft von TV Today wird schon seit dem 1. Oktober 2004 von der Verlagsgruppe Milchstraße und deren Zeitschrift TV Spielfilm geführt. Entgegen anderslautender Dementis von Seiten der Verleger wird in Branchenkreisen erwartet, dass beide Blätter, die nun mehr oder weniger zum selben Verlag gehören, fusionieren werden, zumal beide Titel dieselbe Zielgruppe der überdurchschnittlich gebildeten, sehr gut situierten „User“ bis Ende 30 im Blick haben. Die Zahlen sprechen für sich: Die Auflage von TV Today lag im letzten Quartal des vergangenen Jahres bei 722.000 und damit zwölf Prozent niedriger als ein Jahr davor. Besonders stark rückläufig war der Einzelverkauf. Die Auflage von TV Spielfilm liegt dagegen bei 1,8 Millionen Exemplaren.

Mathias Thurm

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