Showdown zwischen Kirch und Springer

Tricks auf der einen, Rachegelüste auf der anderen Seite

Auf der außerordentlichen Springer-Hauptversammlung Ende September in Berlin hagelte es gegenseitige Vorwürfe und Schadensersatzforderungen. Eine Sonderprüfung soll nun klären, ob Mehrheitseignerin Friede Springer gegen Verlagsinteressen verstieß, um den ungeliebten Minderheitsaktionär Leo Kirch auszubooten.

Im 19. Stock des Berliner Axel-Springer-Hauses schlug die Erregung hoch. „Unverschämtheit“, „Lügner“, „Pleitebaron“ – mit solchen und derberen Zwischenrufen kommentierten wütende Kleinaktionäre die Ausführungen des Hauptredners Ronald Frohne. Der Kirch-Anwalt will mittels einer Untersuchung nachweisen, dass das Springer-Management zum Nachteil des Verlages handelte, als es Anfang des Jahres bei der Auseinandersetzung um den TV-Sender ProSiebenSat1 intervenierte. Kern des Konflikts ist die Put-Option, mit der der Springer-Vorstand Ende Januar diesen Jahres die Kirch-Gruppe zum vertraglich vereinbarten Rückkauf des 11,5prozentigen Springer-Anteils an Kirchs Senderfamilie ProSiebenSat1 aufgefordert hatte. Für diesen Anteil verlangte der Verlag seinerzeit 767 Millionen Euro. Wenige Monate später musste die hoch verschuldete Kirch-Gruppe Konkurs anmelden.

„Mit allen möglichen Tricks“ habe Springer versucht, die von Kirch beantragte außerordentliche Hauptversammlung zu verhindern, klagte Frohne. Anders als noch auf der ordentlichen HV Ende Juni vermied es der Kirch-Anwalt, Springer direkt für die Pleite des Kirch-Konzerns verantwortlich zu machen. Seine Hauptattacke richtete sich gegen die Verlegerwitwe Friede Springer. Sie habe in unzulässiger Abstimmung mit Vorstandschef Matthias Döpfner den finanziellen Druck auf die Kirch-Gruppe erhöht, um an Teile des 40prozentigen Aktienpakets zu gelangen, das Kirch noch formal am Springer-Verlag hält. (Mitte September hat das Münchner Landgericht entschieden, dass die Deutsche Bank, die einen Kirch-Kredit damit besichert hatte, das Paket selbst verwerten darf.) Friede Springer habe nur die eigenen Interessen im Blick gehabt und damit die aktuellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Verlags ausgelöst. Wäre die Verlagsspitze seinerzeit dem Angebot der Kirch-Gruppe gefolgt, so hätte Springer einen „erheblichen Buchgewinn“ gemacht, wäre mit 28 Prozent an der ProSiebenSat1 Media AG beteiligt und hätte zudem eine „rechtlich unbestrittene Forderung über den Put-Kaufpreis“. Ziel des Vorstands sei es jedoch gewesen, „den ungeliebten Aktionär Leo Kirch loszuwerden“.

Springer-Vorstandschef Döpfner konterte kühl. Man sehe der beantragten Sonderprüfung ebenso „gelassen entgegen“, wie den Schadenersatzforderungen. Es habe „keine wirtschaftlich vertretbare und juristisch sichere Alternative“ zur Ausübung der Put-Option gegeben. Springer-Anwalt Gerald Betzenberger wies im Namen von Friede Springer den Vorwurf einer unberechtigten Einflussnahme zurück. „Reichlich ungeheuer“ sei der Vorwurf, Springer habe durch sein Handeln absichtlich den Kurssturz der Kirch-Aktien an Springer gefördert. Unter den anwesenden Kleinaktionären hat Kirch kaum Freunde. Ein Kleinaktionär eskortierte: „Warum, Herr Kirch, hätte der Verlag Ihre Schrottaktien kaufen sollen?“ Nach Überzeugung der meisten Aktionäre sind Kirchs Vorwürfe absurd und Ausdruck später Rachegelüste. Er werde Springer „mit in den Abgrund ziehen“ soll Kirch gesagt haben. Ein Vorwurf, der undementiert blieb.

Eine gütliche Einigung hatte unter diesen Vorzeichen keine Chance. Gegen das Votum der meisten Kleinaktionäre votierte die Versammlung am Ende für die Kirch-Anträge. Jetzt muss eine Sonderprüfung klären, ob Vorstand, Aufsichtsrat und namentlich Friede Springer in der Auseinandersetzung mit Kirch die Interessen des eigenen Unternehmens verletzt haben. Die Verlegerwitwe, die über 50 Prozent der Verlagsanteile hält, durfte als unmittelbar Betroffene nicht mitstimmen. Ein Ende des in der deutschen Medienszene beispiellosen Konflikts ist somit vorerst nicht in Sicht.

Unklar war bis zuletzt auch, was mit dem an die Deutsche Bank gefallenen 40-Prozent-Paket ehemaliger Kirch-Anteile bei Springer passiert. Nach dem Kaufverzicht der WAZ bahnte sich eine Überkreuzbeteiligung zwischen Springer und dem Schweizer Ringier-Verlag an. Demnach sollte die Deutsche Bank Teile des früheren Kirch-Pakets an Ringier abgeben, während Springer sich im Gegenzug an dem Züricher Verlag beteiligt. Der geplante Deal löste allerdings in der Schweizer Öffentlichkeit beträchtliche Unruhe aus. Der für Medien zuständige Bundesrat Moritz Leuenberger sprach nach Presseberichten von einem „Kulturschock“. Ein anderer Sozialdemokrat bewertete die beabsichtigte Fusion der beiden Großverlage als „Katastrophe“. Der Springer-Verlag, so sein Urteil, sei „eine nationalistische Institution, die rücksichtslos Auflage bolzt“.

 

 

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