Spardiktat à la Madsack

Detlef Schütz, Konzernbetriebsratsvorsitzender der Mediengruppe Madsack, im Gespräch mit Minister Christian Pegel (SPD) aus Mecklenburg-Vorpommern Foto: Herbert Steinfort

Redaktionen schrumpfen, Einheitsseiten kommen aus der Zentralredaktion, Lokales bleibt auf der Strecke

Madsack bastelt fleißig an seinem Umstrukturierungsprogramm 2018. Binnen fünf Jahren wurde eine Einspar-Zielmarke von 44 Millionen Euro ausgegeben. An mehreren Standorten werden dafür in Redaktionen und Verlagsbereichen rigide Streichvorgaben vorgelegt. Derzeit liegt der Fokus auf den Zeitungstiteln im Norden der Republik. Stellenabbau ist angesagt.

Knapp 30 Stellen stehen bei der Ostsee-Zeitung (OZ) in Rostock zur Disposition, fast ein Viertel des eigenen Personaltableaus. Auch die Lübecker Nachrichten (LN) wären mit dem Wegfall von einem Drittel ihrer bisherigen Redaktionsstellen betroffen. ver.di-Fachbereichsleiter Martin Dieckmann spricht von einer Kampfansage an die Belegschaften. Er sieht in den Kahlschlagplänen letztlich einen „umfassenden Sanierungsplan, der die Eigenständigkeit der Zeitungsverlage gefährdet.”

Zur Zentralisation der Zeitungsproduktion bei Madsack gehört die neueste Ansage aus Hannover, die erst 2008 als gemeinsame Mantelredaktion für OZ und LN eingerichtete Redaktions-Service-Gesellschaft (RSG) aufzulösen. Dafür wird die Mantelbelieferung im überregionalen Bereich, also bei Politik, Wirtschaft und Unterhaltung, fortan vom in Hannover bei Madsack ansässigen Redaktions-Netzwerk Deutschland (RND) übernommen. Komplette Sportseiten werden hier für alle gleichermaßen erstellt. Die baldige Ablösung des OZ-Wochenendjournals durch das Madsack-Einheitsprodukt ist ausgemacht.
Dieckmann fürchtet eine schleichende Entfremdung von der Leserschaft. „Von Hannover als Konzernzentrale aus kann man Zahlen rechnen, aber man erreicht dann die Menschen an der Ostsee nicht mehr”, sagt der langjährige ver.di-Medienexperte. Die Folgen liegen auf der Hand. Solch ein Prozess entwickelt sich gerade bei den Kieler Nachrichten (KN), wo inhaltlich immer mehr Hannover und immer weniger Kiel zu entdecken ist und der örtlichen Berichterstattung zum Leidwesen der Regionalbüros immer weniger Platz eingeräumt wird. Am Beispiel KN wird aber auch deutlich, wie sehr gestandene Redakteure um ihren Arbeitsplatz bangen, was sich darin zeigt, dass sie sogar in ihrer Freizeit am Wochenende Termine wahrnehmen und Texte liefern. Erwartet wird, dass die festangestellten Redakteure die reduzierten Budgets für freie Mitarbeiter durch ihre Tätigkeit kompensieren. Unumgänglich bleibt da eine Arbeitsverdichtung.
Genau die droht auch dem verbleibenden Personalstamm bei LN und OZ. Unverantwortlich, heißt es dazu etwa vom Rostocker Betriebsrat. Dort ist man besonders darüber empört, dass seitens des Verlagsmanagements flächendeckend in den Lokalredaktionen zwischen Usedom und Grevesmühlen der Rotstift angesetzt werden soll. Demnach wünscht sich Madsack, dass ein Großteil der Sekretariatsstellen, ohnehin oft nur als Halbtagsbeschäftigung ausgewiesen, wegfallen. Den verbleibenden Redakteuren würde so zusätzlich die wichtige administrative Begleit- und Servicearbeit aufgebürdet. Aber auch der Kontakt zu den Lesern dürfte leiden, wenn diese in den Lokalredaktionen künftig keinen mehr antreffen: die Reporter unterwegs, die produzierenden Redakteure an zwei zentralen Desks in Rostock und Stralsund versammelt und das Sekretariat unbesetzt.
ver.di will gemeinsam mit dem DJV ab nächsten Monat über Standort- und Beschäftigungssicherung verhandeln. Seitens der OZ-Beschäftigten spielt insbesondere die Forderung nach einer verbindlichen Regelung für eine redaktionelle Mindestbesetzung eine elementare Rolle. Bereits heute wird mit einer Überstundenerfassung eine überbordende Arbeitsbelastung sichtbar gemacht. Noch mehr Aufgaben auf noch weniger Schultern verteilen – wenig plausibel, nicht zuletzt mit Blick auf die Qualität der Zeitung.
Bei den Lübecker Nachrichten laufen zurzeit Sozialplanverhandlungen. Der Betriebsrat steht den Stellenstreichungen kritisch gegenüber. „Wir sehen nicht, dass die lokale Berichterstattung gestärkt werden soll, wenn auch dort Stellen abgebaut werden”, sagt die Betriebsratsvorsitzende Karin Luther. Leider erhalte der Betriebsrat bisher kaum Informationen über die konkreten Vorhaben bei den Lübecker Nachrichten und werde nicht in die Planungen einbezogen. „Diese Ungewissheit hat zu Folge, dass große Unruhe unter den Beschäftigten herrsche”, so Luther. „Deshalb verlangen wir von Madsack Klarheit. Der Konzern muss für die Kolleginnen und Kollegen eine Perspektive schaffen.”
Bei der OZ geben sich Betriebsrat und gewerkschaftliche Vertrauensleute gleichermaßen entschlossen und verweisen auf den reichen Erfahrungsschatz: Kampfaktionen 2009 und 2010 hatten zuletzt die Schließung der OZ-Anzeigenproduktion verhindert und mehrere Dutzend Stellen gesichert. Da die SPD über ihre Medienholding ddvg größter Einzelgesellschafter bei der Madsack-Mediengruppe ist, wird die aktuelle Auseinandersetzung unweigerlich auch auf die politische Bühne gezogen, zumal im nächsten Jahr Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern anstehen. In einem Offenen Brief, der bei einer Regionalkonferenz in Rostock Ministerpräsident Erwin Sellering und anderen sozialdemokratischen Politikern übergeben wurde, hat die Belegschaft die Partei bereits auf ihre soziale Verantwortung in dieser Angelegenheit hingewiesen, die sie öffentlich ja so gerne propagiert.

 

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