Springers Mission: Start von Bild TV

Screenshot: Bild.de/Bild Live

Am 22. August um 9 Uhr geht ein neuer Fernsehsender erstmals „on air“. Mitte Juli entschied die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK), einer Zulassung von Bild TV stünden „keine Gründe der Sicherung der Meinungsvielfalt entgegen“. Damit wird der Traum Axel Springers vom Multimediaverbund nach Jahrzehnten doch noch Realität. Empfangbar ist der Kanal frei und unverschlüsselt, über Kabel, Satellit und IPTV/OTT. Die Macher von Bild TV begreifen ihren Sender auch als Kampfansage an ARD und ZDF.

Der Axel Springer Verlag darf damit den bisherigen Print- und Digitalangeboten seiner Marke „Bild“ nun auch einen klassischen Fernsehsender hinzufügen. Verantwortet wird der neue Sender von der Springer-Tochter WeltN24 GmbH, welche bereits die Programme Welt und N24 Doku veranstaltet. Geschäftsführer der WeltN24 GmbH sind Frank Hoffmann als Chef der TV Unit sowie Claus Strunz, der in Personalunion auch den Job des Programmchefs bei Bild TV innehat. Strunz ist außerdem Geschäftsführer TV/Video bei Axel Springer und Mitglied der Bild-Chefredaktion. Gesamtverantwortlich für die Inhalte von Bild TV ist Bild-Chefredakteur Julian Reichelt.

Dass der Sender vier Wochen vor der Bundestagswahl startet, dürfte kein Zufall sein. Angekündigt wird ein Sender mit einer Mission. So hat die Chefredaktion laut Strunz drei Bild-Reporter beauftragt, die drei Kanzler-Kandidat*innen „auf Schritt und Tritt zu begleiten“ und jeden Versprecher oder Lacher einzufangen. Los geht es am 22. August mit der „Kanzlernacht“, in der nacheinander die Kandidaten von CDU und SPD auf den Prüfstand gestellt werden. Die Kanzlerkandidatin scheint außen vor?

Im Zentrum des werktäglichen Programms steht die News-Sendung „Bild Live“. Sie soll Montag bis Freitag von 9-14 Uhr laufen. Moderatoren im Studio sowie Bild-Reporter vor Ort werden jede Stunde ein aktuell laufendes Top-Thema behandeln. Auch „Bild Live“ wird den Nachrichtenjournalismus nicht neu erfinden. Live-Schalten an die jeweiligen Schauplätze, Expertengespräche – all das findet auch auf den Kanälen der privaten und öffentlich-rechtlichen Konkurrenz statt. Möglicherweise wird durch die verstärkte Einbindung des Publikums in aktuelle Debatten ein besonderer Akzent gesetzt.

Wie das passieren soll, hat Programmchef Strunz im Interview mit dem Fachdienst „Meedia“ eindrucksvoll beschrieben: „Wir sind kein Nachrichtensender, haben keine Chronistenpflicht. Wir erzählen die wichtigsten, berührendsten und schönsten Geschichten des Tages. Bei Bild Live sehen Sie die Menschen des Tages und was sie bewegt. Wir lassen sie ihre Geschichten erzählen. Wir sind die Heimat der Helden.“

Populismus à la „Bild kämpft“ und Bild Live“

Welche Helden sind gemeint? Wo das Boulevardblatt Bild oft irgendeinen Taxifahrer als Stichwortgeber einsetzt, soll diese Rolle bei „Bild Live“ offenbar auf mehrere Schultern verteilt werden. Strunz nennt „die Polizistin, der Feuerwehrmann, die Krankenschwester, der Gebäudereiniger, die Kneipenwirtin – kurz: die wahren Leistungsträger. Menschen, die mit den Auswirkungen politischer Entscheidungen zu kämpfen haben, sollen Gesicht und Stimme bekommen“. Eine fast lupenreine Definition von Populismus im TV. Im Grunde genommen die Weiterentwicklung alter Bild-Marken à la „Bild kämpft“ und Bild Live“.

Offenbar erhoffen sich die Macher von „Bild Live“ eine Ankurbelung der Verkäufe des Printprodukts Bild. Die wäre auch bitter nötig. In den letzten Jahren ist der Sinkflug der Bild-Auflage in den Modus eines dramatischen Niedergangs gewechselt. Allein im ersten Corona-Jahr 2020 brachen die Verkäufe um satte 18 Prozent ein. Für das zweite Quartal 2021 wies die IVW nur noch 1.049.650 verkaufte Exemplare aus. Nicht unwahrscheinlich, dass das Blatt noch in diesem Jahr erstmals unter die 1-Million-Grenze sinkt. Mit Bild TV soll dieser Trend gestoppt werden.

Es gehe zwar nicht dringend „ums Überleben für Bild als Marke“, meint Marvin Schade in „Medieninsider“. „Wohl aber um den Erhalt von Bild, wie sie heute existiert, um ihren gesellschaftlichen Einfluss, um ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit.“ Dabei geizt Programmchef Strunz nicht mit griffigen Slogans. „Bild ist Fernsehen, das live Schlagzeilen macht. Und, in nicht sonderlich originellem Denglish: „Unsere ‚Mission 007‘ – Double-O-Seven – für das deutsche Fernsehen lautet: Ongoing News und Opinion, 24/7 live-haftig“.

Was die Kernelemente des Programms angeht, so nennt Strunz „Politik-, Crime- und VIP-Geschichten, außerdem „das Beste aus dem Sport“ sowie „ganz konkreter Service“. Bei Breaking News dürfte das laufende Programm häufiger unterbrochen werden. Im Polit-Talk „Die richtigen Fragen“ diskutiert Bild-Vizechef Paul Ronzheimer über „Deutschlands wichtigste Themen“. Für den sportlichen Durchblick sollen unter anderem der einstiege Sky-Reporter Marcel Reif und die Sportredaktionen von Bild und Sport Bild sorgen. Eine qualifizierte Auslandsberichterstattung ist mangels Korrespondentennetz vorerst eher nicht zu erwarten. Ebenso wenig Regionalberichterstattung in Form von Lokalfenstern.

Stattdessen hat sich der Sender jede Menge dokumentarische Kaufware gesichert. Beispiele aus der ersten Programmwoche: „Die Gesundheitsfabrik – Das Klinikum von Aachen“, „DTM – Ein Rennzirkus zieht um. Außerdem Stücke aus Reihen wie „Highspeed-Baustellen“ oder „Flüge extrem“, die man schon aus dem Programm von N24/Welt zu kennen glaubt.

Viele Menschen erreichen und Geld verdienen

Wessen Geistes Kind der neue Kanal sein wird, hat Bild- und Bild-TV-Chef Julian Reichelt schon vor knapp einem Jahr im „Kress“-Interview verraten. „Ich möchte kein Bild Live, das die Rituale des Fernsehens kopiert. Über Fernsehen gebe es zusätzlich zu den hohen digitalen Reichweiten von bild.de Zugang zu noch mehr Zuschauern und zu den großen Werbebudgets. Reichelt: „Unser Ziel ist, so viele Menschen wie möglich zu erreichen und ehrlich gesagt auch so viel Geld wie möglich damit zu verdienen.“ Letzteres dürfte auch im Interesse von Springer-Investor KKR liegen.

Auf den professionellen Apparat der etablierten Sender glaubt Reichelt verzichten zu können. Seine Teams brauchten nicht erst „Satellitenschüsseln, Übertragungswagen, Maske und ewige Planungskonferenzen“, erklärte der Springer-Mann bereits 2019 gegenüber den Fachdienst dwdl. Stattdessen setzt er auf die schon bei Bild jahrzehntelang eingeübte Emotionalisierung von Themen, auch als Gegenentwurf zu ARD und ZDF. „Wir wollen das Land, die Welt, die Politik und den Alltag der Menschen so zeigen, wie es die Leute erleben“ verkündet er, „nicht so steril und weichgespült wie teilweise bei den Öffentlich-Rechtlichen“.

Beim Ersten gibt man sich bewusst gelassen. Zwar beflügele Wettbewerb das Geschäft, sagte Helge Fuhst, zweiter Chefredakteur von ARD Aktuell, an den Relevanzkriterien von Tagesschau und Tagesthemen für Nachrichten werde sich jedoch nichts ändern. „Manch ein Thema überlassen wir gerne Bild.“

Allzu emotional darf es dann aber offenbar auch beim Newcomer nicht zugehen. Sonst hätte man schließlich auch die Grünen-Kandidatin Baerbock zur „Kanzlernacht“ am 22. August einladen können. Was immerhin ein Schlaglicht darauf wirft, wie fair und ausgewogen das Wahlkampffinale bei Bild TV möglicherweise über den Sender geht.

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