Streamingdienste könnten Kinos verdrängen

Bild: Pixabay

Als ob die Corona-Krise den Kinobetreiber*innen nicht schon genügend Schwierigkeiten bereitet, gibt es nun ein weiteres, umfassendes Problem: Große US-Filmstudios setzen auf eigene Streamingdienste und wollen dieses Jahr ihre Blockbuster nicht mehr zuerst im Kino zeigen. Damit schwindet der exklusive Vorsprung des Kinos. Ist das Gemeinschaftserlebnis vor großer Leinwand in Gefahr?

Die Kinos geschlossen, die versprochenen Hilfsmittel der Bundesregierung bei weitem noch nicht ausgezahlt. Es fehlen Perspektive und Transparenz mit Blick auf eine Wiedereröffnung der Lichtspieltheater, vom Dreierreihe-Dorfkino bis zum urbanen Multiplex-Filmpalast.

Ungemach droht der Branche auch aus anderer Richtung. Der US-Filmgigant Warner will in diesem Jahr 17 Filme nicht nur mehr im Kino anbieten, sondern auch im eigenen, neuen Streamingdienst HBO Max. Zeitgleich. Unter den für dieses Jahr angekündigten Filmen befinden sich ganz großen Blockbuster wie „Gozilla vs. Kong“, „Matrix 4“, „Space Jam: A New Legacy“ und nicht zuletzt die „Dune“-Neuauflage.

Die Meldung sorgt für Verunsicherung in der Kinobranche, denn mit dieser bisher einmaligen Entscheidung nimmt die US-amerikanische Film- und Fernsehgesellschaft den Kinos nicht nur den Vorsprung, sondern auch den Grund, weshalb sich viele Zuschauer*innen in den letzten Jahren überhaupt noch für Kino statt Streaming zu Hause entschieden. Die bisherige Regelung zwischen Kinobetreibern und Filmstudios basierte auf der Vereinbarung, Kinofilme 70 bis 90 Tage ganz exklusiv in den Filmtheatern zu präsentieren, bevor sie in der Verwertungskette im Handel (DVD etc.), bei Pay-TV, Free-TV oder in den Streamingdiensten landeten.

Disney: Nutzer*innen sollen selbst entscheiden

Dass es sich bei dem Projekt Warner/HBO Max nicht um eine Ausnahme handelt, zeigt auch das Agieren der Mittbewerber am Markt. Disney, der größte Medienkonzern der Welt, will seine Unternehmensstruktur so ändern, dass Filme nun schneller oder gar exklusiv als Streamingangebot vertrieben werden. „Nach dem unglaublichen Erfolg von Disney+ und unseren Plänen, unser Direct-To-Consumer-Geschäft zu beschleunigen“, positioniere man sich so, „dass diese Wachstumsstrategie effektiver unterstützt werden und unser Aktienwert steigen kann“, zitiert die Movieplattform „Filmstarts“ Disney-CEO Bob Chapek. Zwar soll es bei Disney weiterhin Filme auch im Kino geben, doch ein neu gegründetes Disney-Unternehmen namens „Media and Entertainment Distribution Group“ werde nun für jeden Film und jede Serie entscheiden, wie und wo der Titel veröffentlicht wird.

Es geht um ein Modell, in dem die Blockbuster von Beginn an oder zumindest viel früher als bisher als VOD (Video-on-Demand – Video auf Abruf) verfügbar sein werden. Wie Chapek dem Sender CNBC mitteilte, sollen Zuschauer*innen künftig selbst entscheiden, wo und wie der Film zuerst gesehen wird – auf der großen Leinwand oder im gemütlichen Heimkino.

Disney reagiert damit nicht allein auf die durch Corona notwendig gewordenen Verschiebungen von Filmstarts. Auch die weltweiten Disney-Familienparks leiden heftig unter den aktuellen Schließungen. Einziger Hoffnungsschimmer ist derzeit der neue Streamingdienst Disney+. Mehr als 73,7 Millionen Abonnenten weltweit verzeichnet das Angebot laut Statista im vierten Quartal 2020. Der Unterhaltungskonzern rechnet nach eigenen Angaben bis 2024 mit einem Anstieg der Abonnent*innen seiner Streaming-Sparte von derzeit 137 auf bis zu 350 Millionen zahlende Kunden.

Nachhaltige Verschiebungen

Auch die Universal-Filmstudios haben die Vereinbarung mit den US-Kinos aufgelöst und die Exklusiv-Frist für das Kinofenster auf nur noch 17 Tage runtergehandelt. Somit kann Universal nun jeden seiner Filme schon nach reichlich zwei Wochen online präsentieren.

Expert*innen gehen von einem cleveren Schachzug der Hollywood-Studios aus, der die Kinobranche nachhaltig verändern werde. Immer mehr Studios setzen auf eigene Streamingdienste oder zumindest Verträge mit solchen.

Ende Februar vermeldete auch der Filmriese Paramout, der inzwischen zum ViacomCBS-Konzern (MTV, Comedy Central etc.) gehört, mit „Paramount+“ einen eigenen Streamingdienst starten zu wollen. Vor allem lokale Produktionen sollen hier ihre Premieren feiern. Der Start im deutschsprachigen Europa ist wohl noch in diesem Jahr zu erwarten.

Auch die europäischen Kinos werden also über kurz oder lang von der Entwicklung betroffen sein. Denn zu den bereits existierenden Angeboten von Streamingdiensten kommen bald weitere hinzu, darunter der Kinoschreck HBO Max. Seit Ende Mai 2020 in den USA verfügbar, will HBO Max nun auch in Europa vor allem Netflix Konkurrenz machen. Angaben eines hochrangigen HBO-Max-Managers zufolge solle der Dienst im zweiten Halbjahr 2021 in Europa und Lateinamerika starten. Marktpräsenz in 190 Ländern sei das Ziel, so der Chef von HBO Max Global, Andy Forssell während der Onlinekonferenz „Web Summit“. In Deutschland ist jedoch mit einem Start erst nach 2021 zu rechnen. Hier liegen die Filmrechte für die aktuellen Filme noch beim Pay-TV-Anbieter Sky.

„Das Kino wird nicht aussterben“

Die deutsche Kino-Branche richtet inzwischen mahnende Wort an die Politik, endlich einzugreifen. Das Kino werde keinesfalls aussterben, meint etwa Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des Kinoverbandes HDF KINO. „Das Kino wurde bereits mit dem Einzug des Fernsehens totgesagt und heute haben wir in Deutschland nach wie vor eine flächendeckende Kinokultur. Wir gehen davon aus, dass dies auch so bleiben wird, wenn sowohl alle Beteiligten der Branche als auch die Politik die Voraussetzungen dafür schaffen, die Diversität und den Umfang von Kino als elementares Kultur- und Freizeitangebot vollumfänglich zu erhalten“, so Berg.

Doch betont Berg die Notwendigkeit einer zeitlichen Exklusivität für die Auswertung der Filme im Kino. Dafür fordert der HDF von der Politik nach dem Vorbild Frankreichs zur Sicherstellung des Kinofensters eine Branchenvereinbarung, die für alle in Deutschland gestarteten Kinofilme bindend ist. Sie soll es auch ermöglichen, für internationale Filme ein solches Kinofenster für die Zukunft festzulegen.

„Die Gäste werden zurückkommen“

Auch Oliver Fock, Geschäftsführer der CineStar-Gruppe kann sich nicht vorstellen, dass die Nutzer*innen langfristig auf die Vorteile des Kinos verzichten würden, denn der Kern des Kinobesuchs sei neben dem Filmeindruck auf der großen Leinwand auch ein Gemeinschaftserlebnis, das man so zuhause nicht habe: „Ich gehe davon aus, dass unsere Gäste zurückkommen, denn viele Menschen sind es allmählich leid, Filme nur zuhause auf dem Sofa zu sehen.“ Auch die CineStar-Gruppe fordert ein direktes Eingreifen der Politik. „Angesichts der Entwicklungen der letzten Monate, in der einige Filme ins Netz abgewandert sind und auch die Diskussion um das Auswertungsfenster gerade wieder aktuell ist, verlangen wir, dass der Gesetzgeber das Kulturgut Kino und sein exklusives Auswertungsfenster um so stärker schützt“, so Fock.

Kinos rüsten nach

Gleichzeitig reagieren die Kinos in Deutschland auf die immer besseren Abrufzahlen der Streamingdienste und das verstärkte Abwandern von Kinofilmen ins Netz. Etwa mit einer besseren Ausstattung und erhöhter Aufmerksamkeit auf das Wohlbefinden der Kinobesucher*innen. CinemaxX berichtet von Investitionsplänen, die schon vor der Pandemie beschlossen und in den Schließzeiten umgesetzt wurden. Im Corona-Jahr 2020 wurden bereits fünf der CinemaxX-Kinos vollständig mit neuen Sitzen ausgestattet. „Jeder Platz in jeden Saal ist nun ein Recliner“, so Frank Thomsen, Geschäftsführer der Hamburger CinemaxX-Gruppe. ‚Recline‘, was soviel wie ‚zurücklehnen‘ bedeutet, gibt nun jedem Nutzer die Möglichkeit, den Sessel mit Rückenlehne und Fußteil per Knopfdruck zu bedienen. „Kinogäste können so ganz individuell die bequemste Position wählen und maximale Beinfreiheit beim optimalen Blickwinkel zur Leinwand genießen“, sagt der Cinemaxx-Chef.

Er verweist zudem auf eine GFK/FFA-Studie zum Kinomarkt, die belegen soll, dass besonders die Nuzter*innen von SVOD Angeboten (Subscription Video on Demand) wie Netflix & Co. überdurchschnittlich oft ins Kino gehen. Netflix-Fans als treue Kinofans?  „Video-on-demand“ bediene einen ganz anderen Anspruch als Kino, finden die Kinobetreiber. „Beide Geschäftsmodelle eint nur, dass sie filmaffines Publikum ansprechen. In dieser Gruppe gehen 50 Prozent ins Kino statt 38,5 Prozent in der Gesamtbevölkerung, und sie kommen nicht 4,4-mal, sondern fünf Mal im Jahr“, sagt Thomsen. Die Geschäftsmodelle befruchteten sich also gegenseitig.

Kinobesucher werden immer älter

Über besorgniserregende Entwicklungen kann das nicht hinwegtäuschen: In fast allen Altersgruppen konnten zwar Kino-Besucher*innen dazugewonnen werden – meist um die 20 Prozent, so die Kinobilanz der Filmförderungsanstalt (FFA) für 2019. Deutlich anders sieht es aber bei den Jüngeren in der Altersgruppe 20 bis 29 Jahre aus. Hier gingen acht Prozent weniger ins Kino – wegen der Streamingdienste. Damit stieg das Durchschnitts-Alter der Kinogänger erneut an und lag vor dem Corona-Jahr 2019 bei 39,5 Jahren (2018: 39,0 Jahren).

Auch der Preis spielt bei der gefragten Zielgruppe keine nebensächliche Rolle: rund 8,63 Euro kostete im Jahr 2019 das durchschnittliche Kinoticket in Deutschland. 2004 lag er laut Filmförderungsanstalt noch bei 5,70 Euro. 3D-Filme, die ein Alleinstellungsmerkmal fürs Kino und einen besonderen Grund für einen Kinobesuch darstellen könnten, waren nochmal 3 Euro teurer. Einen ganzen Monat Netflix gibt es dagegen schon ab 8, Disney+ ab 7 Euro.

Wirbel in Hollywood

Doch haben die Streamingdienste am Ende die Rechnung ohne einen entscheidende Akteure gemacht? Vor allem Regisseur*innen der Blockbuster zeigen sich über die aktuelle Kampfpolitik der Filmstudios zugunsten ihrer Streamingdienste entsetzt. Produzenten wie Denis Villeneuve oder Starregisseure wie Christopher Nolan sind empört. Deren Filme sind direkt von der Parallelausstrahlung in Kinos und HBO Max betroffen. Sie wollen nicht, dass ihren Filmen mangels Dolby Surround und auf Mini-Bildschirmen die Wirkungskraft genommen werden könnte. Offenbar, so heißt es in US-Medienberichten, seien sie über die neue Politik ihrer Auftraggeber nicht einmal informiert worden.

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