Unsere Stärken auf allen Wegen ausspielen

Momentan beim BR wieder auf Sendung und seit 2015 "on the Road" durch Bayern: die "Woidboyz". Per Anhalter, geleitet von Zufall und Spontanität sind die drei Moderatoren für jede Folge einen Tag lang im Land unterwegs. Foto: BR/Carolin Lorenz

BR-Intendantin Katja Wildermuth will den Wandel in der Medienwelt konstruktiv führen

Seit dem 1. Februar steht mit Katja Wildermuth erstmals eine Frau an der Spitze des Bayerischen Rundfunks (BR). Die neue Intendantin war zuvor Programmdirektorin beim Mitteldeutschen Rundfunk und blickt auf eine langjährige Fernsehkarriere beim MDR und NDR zurück. Die nun vierte amtierende Intendantin einer ARD-Anstalt beantwortete M Online kurz nach ihrem Amtsantritt Fragen zu Positionen, eigenen Vorhaben und aktuellen Debatten im öffentlich-rechlichen Rundfunk.

M: Der Beginn Ihrer Amtszeit fällt in eine Zeit der Unsicherheit über die Höhe des Rundfunkbeitrags. Welche Maßnahmen ergreifen Sie? Einige Sender – zum Beispiel der NDR – haben Tarifverträge gekündigt. Kommt so etwas auch für Sie infrage?

Wildermuth: Auch unsere Tarifeinigung enthielt einen Passus, wonach die letzte Stufe der Tariferhöhung an die Beitragsanpassung gekoppelt ist. Angesichts der hervorragenden journalistischen Leistungen und des hohen Einsatzes unserer Kolleginnen und Kollegen unter den schwierigen Pandemiebedingungen der letzten Monate haben wir uns entschieden, die geplante Erhöhung dennoch ab 1. April umzusetzen.

Wird es Einschnitte im Programm geben?

Bliebe es bei 17,50 Euro, was ich natürlich nicht hoffe, so würden dem BR im Jahr 2021 rund 31,5 Millionen Euro an Einnahmen fehlen. Das ist ein sehr stattlicher Betrag. Momentan machen wir das, was uns das Bundesverfassungsgericht in seiner Entscheidung über den Eilantrag nahegelegt hat: Wir gehen in Vorleistung und überbrücken die Zeit bis zur Hauptsache-Entscheidung. Aber das ist natürlich nur möglich, wenn diese Entscheidung nicht allzu lange dauert. Das können wir nicht ewig machen.

BR-Intendantin Dr. Katja Wildermuth
Foto: BR/ Markus Konvalin

In ersten Stellungnahmen nach der Intendantenwahl haben Sie „Veränderungen ohne Verletzungen“ und eine „konstruktive Priorisierungsdiskussion“ angekündigt. Was meinen Sie damit?

Die Medienwelt befindet sich in einem stetigen Wandel. Wir leben in einem sehr dynamischen Marktumfeld, mit ständig neuen Ausspielwegen, neuer Technik etc. Wir wollen diesen Wandel und die Frage, wie wir uns künftig positionieren, konstruktiv führen, und zwar aus einer Position der Stärke heraus. Wir wollen uns fragen: Was ist für uns in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren wichtig? Es geht natürlich vor allem um unsere Inhalte, um das Programm, aber auch um technisch-strategische Fragen sowie Fragen der Unternehmenskultur. Diese Diskussion sollten wir nicht angstgetrieben führen, auch nicht im Sinne einer reflexartigen Verteidigung des eigenen Areals, sondern gemeinsam als Team. Nicht in Hinterzimmern, sondern transparent und selbstbewusst. Dabei stützen wir uns auf die hohe Wertschätzung, die unser Qualitätsjournalismus derzeit erfährt. Diese Stärken wollen wir auf allen relevanten Ausspielwegen sichtbar machen.

Sie gelten als sehr erfahren im Bereich Crossmedialität und Digitalisierung. Wo sehen Sie beim BR in dieser Hinsicht noch Luft nach oben? Demnächst wird das neue BR-Redaktionszentrum in München-Freimann eingeweiht…

Freimann wird 2024 eingeweiht und ist ein Meilenstein eines crossmedialen Umbaus, der die gesamte innere Struktur und die Workflows im BR umfasst. Unsere Arbeit wird nicht mehr an den unterschiedlichen Ausspielwegen – Radio, Fernsehen, Online – ausgerichtet, sondern an Inhalten. Eine der wichtigsten Aufgaben sollte es sein, unsere großartigen Inhalte möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Das kann ein Featureplatz auf Bayern 2 sein, es kann aber auch ein Online-Format von Puls sein. Genau darin liegt für mich der Sinn von Crossmedialität. Das neue Redaktionszentrum ist die Basis, um die Herausforderungen der Digitalisierung und den damit verbundenen steten Wandel zu meistern. Wir haben inzwischen Ausspielwege von Instagram über Snapchat – aktuell reden alle über Clubhouse – das war vor drei Jahren noch gar nicht absehbar. Gleichzeitig gibt es das große Revival von Audio-Formaten im Podcast-Bereich, die ARD-Audiothek, die ARD- und BR-Mediathek, die alle ständig wachsen. Die Digitalisierung wird uns weiter begleiten. Wir werden da nie an einem Endpunkt ankommen.

Der BR ist die viertgrößte Anstalt in der ARD. Welche Rolle sollte er im Senderverbund künftig spielen? Wo könnte er Akzente setzen?

Wir haben in der ARD die Federführung in der Koordination von Kultur, Wissen, Musik und Religion. Wir sind auch Verhandlungsführer bei den Sportrechten für die ARD. Wir betreiben den einzigen bundesweiten 24-Stunden-Bildungskanal ARD-alpha. Wir sind maßgeblich für die Programmierung der ständig wachsenden ARD-Audiothek verantwortlich. Und wir liefern auch immer wieder tolle fiktionale, serielle Angebote für Das Erste und die ARD-Mediathek. Diese Stärken wird der BR weiterhin in die ARD einbringen. Im Digitalen werden wir im Verbund mit den anderen ARD-Anstalten versuchen, unsere Inhalte bestmöglich zu bündeln und zu distribuieren, um gegen die anderen globalen Player wie Netflix oder Google zu bestehen. In der ARD gilt jetzt eine „Big five Strategie“, das heißt, wir konzentrieren unsere Kräfte im Digitalen und stärken vor allem die Angebote ARD-Audiothek, ARD-Mediathek, KiKA, Tagesschau und Sportschau.

Im Kontext der Beitragsdebatte wurde von einigen ostdeutschen Rundfunkpolitikern eine Verstärkung der ARD-Präsenz in den Neuen Ländern gefordert. Halten Sie als ehemalige MDR-Programmdirektorin die Kritik für berechtigt? Was ließe sich tun?

Hier geht es nach meinem Eindruck nicht so sehr um die Frage nach institutionellen Verankerungen als darum, wie die ostdeutsche Lebenswirklichkeit in bundesweiten Programmen wahrgenommen wird. Das ist etwas, was die Menschen im Osten sehr umtreibt. Und nicht nur dort: Auch Menschen aus anderen Regionen Deutschlands wollen adäquat wahrgenommen werden und nicht über veraltete Klischees. Das ist ein berechtigtes Anliegen. Die ARD hat darauf reagiert, indem sie zum Beispiel die „Mittendrin“-Rubrik in den „Tagesthemen“ ins Leben gerufen hat. Ein Moment, innezuhalten und in die Regionen zu schauen. Was passiert dort speziell, wie denken die Menschen dort über das, was gerade in Deutschland geschieht? Hier können wir unsere ganze Stärke als föderaler Verbund ARD ausspielen.

Der politische Druck auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wächst. Gefordert wird vielfach eine Neudefinition des Programmauftrags. Mehr Info, weniger Entertainment heißt die Devise. Wie positionieren Sie sich in dieser Frage?

Eine Neudefinition des Programmauftrags kann nur durch die Politik erfolgen. Wir sehen gerade in den letzten Monaten, dass es immer wieder Diskussionen über die Aufgabe und den Wert des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gibt. Wir erleben den Zerfall der Öffentlichkeit in immer mehr Teilöffentlichkeiten. In den sozialen Medien findet öffentliche Kommunikation in einem Zustand permanenter Erregung statt, geprägt von Unwahrheiten und Falschbehauptungen. In dieser Situation versuchen wir, unseren Auftrag zu erfüllen. Den Auftrag, mit qualitätsvollen Angeboten, mit unabhängigem, gut recherchiertem Qualitätsjournalismus zur demokratischen Meinungsbildung in der Gesellschaft beizutragen. Das können wir nur, wenn wir auch ein breites Programm anbieten. Also nicht ein Nischenprogramm, sondern neben Bildung, Information und Kultur natürlich auch Unterhaltung und Sport. Wir informieren und unterhalten diskriminierungsfrei, versuchen nicht, Daten abzuschöpfen, spiegeln auch regionale Vielfalt. Wir erfüllen eine Brückenfunktion, die es Menschen ermöglicht, miteinander zu reden. Menschen, die möglicherweise anderer Meinung sind, aber noch eine gemeinsame Basis haben, und die finden sie bei uns.

Ihr Vorgänger Ulrich Wilhelm engagierte sich stark für das Projekt einer Europäischen Plattform für digitale Öffentlichkeit. Was halten Sie davon? Werden Sie dieses Engagement fortsetzen?

Gerade junge Leute beziehen ihre Informationen – auch politische – zunehmend aus sozialen Medien, der digitale öffentliche Raum wird immer mehr Treffpunkt und damit Teil des öffentlichen Lebens. Hierin stecken natürlich auch Gefahren, auf die Ulrich Wilhelm zurecht hingewiesen hat, weil eben nicht reflektiert wird, wie die Informationen in diesen kommerziell getriebenen Netzwerken zustande kommen, auf welcher Quellenbasis sie beruhen. Wie entsteht mein Newsfeed? Wann wurde mir was von wem warum zugespielt? Bin ich schon in der Echokammer oder nicht? Was passiert mit den Daten, die ich preisgebe, unbewusst oder bewusst? In dieser Situation wäre es gut, einen vertrauenswürdigen digitalen Raum zu haben, der nicht von kommerziellen Interessen geprägt ist. Ein Raum, in dem nicht künstlich Erregungspotentiale per Algorithmus nach oben gespült werden, in dem keine Echokammern entstehen, wo man das Immergleiche zur Selbstbestätigung der eigenen Position zugespielt bekommt.

Welche Rolle könnte der öffentlich-rechtliche Rundfunk dabei spielen?

Unabhängig von der Entwicklung der Plattformen stellt sich mir die Frage, wie wir unter diesen Bedingungen die Medienkompetenz in der Bevölkerung fördern können. Wie können die Öffentlich-Rechtlichen dafür sorgen, dass die Menschen ihr Smartphone nicht nur bedienen, sondern die Inhalte, die sie da finden, auch beurteilen können? Diese Aufgabe ist essentiell für das Funktionieren unserer Demokratie. Wir müssen auch zeigen, wie wir selber arbeiten, interessierten Bürgerinnen und Bürgern erklären, wie wir Themen setzen, was Recherche bedeutet, was ein Korrespondentennetz ist. Wir können da viel beitragen. Aber es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Nahezu zeitgleich mit Ihrer Berufung zur BR-Intendantin kam auch die Meldung, dass Sir Simon Rattle ab der Spielzeit 2023/24 die Leitung des BR-Sinfonieorchesters übernimmt. Haben Sie noch mehr solche Spitzentransfers zu verkünden?

(lacht): Wir sind hier zwar nicht beim FC Bayern, sondern beim BR. Aber es stimmt: Das ist ein Spitzentransfer. Und ein ganz großartiges Signal. Wir haben hier ein hochklassiges Symphonieorchester. Sir Simon Rattle ist der richtige Mann für das richtige Ensemble in der richtigen Stadt bei der richtigen Landesrundfunkanstalt. Eine Win-win-win-Situation!

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