vwd: Budapester Experiment

vwd lässt preiswerter in Ungarn übersetzen

Es ist für beide Seiten ein neues Gefühl – und will gelernt sein. Bei der Wirtschaftsnachrichtenagentur vwd änderten sich in diesem Jahr gleich mehrere Dinge. Nicht nur das Dow Jones den News-Bereich übernahm. Ein Teil der Nachrichten nimmt seit Jahresbeginn einen weiten Weg.

Als erste deutsche Agentur lässt Dow Jones – vwd einen Teil seiner Meldungen in Ungarn preiswert übersetzen. „Aufgrund unserer bisher gemachten Erfahrung ist das Projekt ein großer Erfolg“, erklärt der frühere vwd-Chefredakteur und jetztige Managing Editor bei Dow Jones News, Rolf Anders. Der outgesourcte Dienst betrifft englischsprachige News, die bislang in der Eschborner Zentrale ins Deutsche übertragen und in den Dienst gegeben wurden. Mehr als ein Zehntel des Tagesdienstes nimmt innerhalb der nächsten zwei Jahre seinen Weg über Budapest. Partner vor Ort ist die eigens dafür gegründete Agentur Alfa Press. Bei den dort übersetzten Meldungen handelt es sich um Standardmarktberichte, die „Zeit haben“. Wobei das Zeithaben relativ ist: „Wir zielen auf eine prompte Bearbeitung von Übersetzungen ab. Da wir ein Real-Time-Newsservice sind, bilden Geschwindigkeit und Präzision das Fundament unserer Tätigkeit. Alfa Press ist sich dessen bewusst.“

Anders bestreitet vehement, dass mit der externen Lösung ein Arbeitsplatzabbau im eigenen Büro zusammenhängt. Ja, auch vwd habe sich trotz „Rekordergebnis 2002“ im vergangenen Jahr stärker mit dem Sparen beschäftigen müssen. Den nötigen Mitarbeiterabbau habe die Agentur über Fluktuation erreicht, nicht durch betriebsbedingte Kündigungen. Die zeitliche Parallele zum Finden der ungarischen Lösung vor gut einem Jahr will er nicht hergestellt wissen. Die habe auch nicht zum Dow-Jones-Einstieg bestanden: „Das war weit, bevor Dow Jones die News Division von vwd übernahm. Es ging darum, Arbeitsüberschuss in Eschborn zu reduzieren und die Arbeitsabläufe flexibler zu gestalten.“

In Budapest wird das Experiment gleichfalls als geglückt angesehen: Für Alfa-Press-Chefredakteur Andreas Vogler sind „die Hauptschlachten geschlagen. Jetzt geht es ans Feintunen.“ Vogler, der mit seinen acht Mitstreitern noch in einer 80 Quadratmeter großen Vier-Zimmer-Wohnung im Stadtzentrum der ungarischen Hauptstadt agiert, zeigt zumindest nach außen Verständnis für zahlreiche Probleme der ersten Zeit. Auch in Eschborn müsse man sich eben an einen externen Anbieter gewöhnen, der Dinge liefert, die jahrelang den eigenen Berufsalltag mitbestimmten. Mittlerweile habe man sich auf die Standards verständigt. „Auf einen externen Partner wird stärker geschaut“, sagt der frühere dpa-AFX-Mann, der immerhin den „goldenen Käfig“ einer Redaktionsstelle verlassen hatte, um eine „investitionsnahe Berichterstattung aus Osteuropa aufzuziehen“.

Entscheidende Unterschiede

Alfa Press sei sehr flexibel aufgebaut, sagt der 32-Jährige und überrascht mit der Behauptung, das hätte man auch in Deutschland durchziehen können, wenn es nicht ein paar, zum Teil nur kleine, aber entscheidende Unterschiede zu Ungarn gäbe: Die Alfa-Press-Mitarbeiter verdienten im Schnitt 20 Prozent weniger als die Kollegen in Eschborn. Für ungarische Verhältnisse ist das „sehr gutes Geld“, sagt Vogler. Zum Zweiten erschwerten die Rahmenbedingungen einen solchen Aufbau in Deutschland. Als dritten Grund führt der deutsche Journalist die mentale Situation ins Feld. Das Verhältnis von Leistung und Gegenleistung sei in Budapest ein anderes und damit auch das Engagement der Leute. Am Anfang waren noch Ungarn dabei, mittlerweile sind im Team nur noch Deutsche. Gerade wurde es neu zusammengestellt, weil beispielsweise die Ungarin Rita Nemeth ein reizvolleres Angebot erhalten hatte. Neue Leute findet der Chefredakteur unter anderem an der nahe gelegenen deutschsprachigen Andrassy-Universität. Das Betriebsklima sei prima, betont Vogler – und ärgert sich über Vergleiche wie Turbokapitalismus, nur weil die Wand eine Tabelle mit den Durchlaufzeiten der einzelnen Meldungen ziere. Die sei auch ein Wunsch der eigenen Leute gewesen, um ihren Entwicklungsstand im Blick zu behalten, verteidigt sich Vogler. Die kolportierte hohe Fehlerquote von 60 bis sogar 90 Prozent hält er schlicht für lachhaft. Auch die Zahl von zehn Prozent zurückgesandter, weil unbrauchbarer Übersetzungen winkt er als Quatsch durch. Gleiches gelte für Horrormeldungen über den Zeitaufwand. Mittlerweile verlassen Alfa Press rund 120 News am Tag, davon etwa 80 Market Talks – also kurze Kommentare zur Börse, etwa der alte vwd-Schnitt.

„Strategisch soll Dow Jones – vwd keineswegs die einzige Option bleiben“, ist Vogler zuversichtlich. Obgleich Geschäftsführer Gabor Tallai Alfa Press extra für diese Kooperation gegründet hat. Die Kontakte knüpfte er noch über die ungarische Nachrichtenagentur MTI, wo er für internationale Kooperation zuständig war.

 

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