Werbeeinbrüche und Senderfamilien

Private und öffentlich-rechtliche Sender hoffen auf den Aufschwung

Die Bilanz hätte nicht verheerender sein können: Einbrüche der Werbeeinnahmen von durchschnittlich 12 Prozent beim Privatfernsehen beklagte Ursula Adelt, Geschäftsführerin des Verbandes Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT), kurz vorm Jahreswechsel.

Bei Spartensendern sei die Lage dramatischer als bei den großen Vollprogrammen, manchmal gar existenzbedrohend. Auch für die öffentlich-rechtlichen Sender konstatierte der Chef der ARD-Finanzkommission Norbert Seidel, „deutliche Ergebnisverschlechterungen“ bei den Werbeeinnahmen, die die zehn Rundfunkanstalten in diesem Jahr zu „verstärkten Sparanstrengungen“ zwingen würden.

Dabei sind die Gewinn-Warnungen für das deutsche Free-TV – im Gegensatz zu den Milliardendefiziten des Pay-TV – eigentlich Jammern auf hohem Niveau, denn hinter der Branche liegt ein Boomjahr, ergab die jüngste Analyse der Landesmedienanstalten. So wuchsen 2000 die Einnahmen der privaten Fernsehveranstalter um 700 Millionen Mark, zugleich stieg die Zahl der Beschäftigten um 16,4 Prozent auf 10 621. Die Erträge von ARD, ZDF und DeutschlandRadio sanken zwar von 14,8 auf 14,4 Milliarden Mark, doch knapp 80 Prozent sind Gebühren, also marktunabhängige Garantieeinnahmen. Trotzdem sank die Zahl der Beschäftigten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk um 1,5 Prozent auf 29 255.

Umso unverständlicher ist die Defacto-Zerschlagung des Tarifverbandes Privater Rundfunk (TRP), dem inzwischen keine kommerziellen TV-Sender mehr angehören. Zuletzt traten RTL Television und RTL Nord aus, nachdem bereits Sat.1 bei der Vereinigung mit Pro Sieben zu einer Senderfamilie ausgeschieden war.

Die konsequente Forsetzung der Familienbildung ist überhaupt der bestimmende Trend im deutschen Privat-TV, der auch 2002 für erhebliche Veränderungen sorgen wird. Schon jetzt stehen sich mit der ProSiebenSat.1 Media AG (Pro Sieben, Sat.1, Kabel 1, N24) und dem deutschen Ableger der RTL Group (RTL, RTL II, Super RTL, Vox) zwei Gruppierungen gegenüber, die wesentlich das TV-Angebot wie auch den Werbe- und Produzentenmarkt bestimmen. Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen beiden: Während die Achse München-Berlin der KirchGruppe eine homogenere Familie mit abgestimmtem Agieren ist, kämpfen die Kölner mit ihrer Eigentümer-Zersplitterung. So sind an RTL II der Bauer Verlag und die Tele München Gruppe (TMG) mit jeweils 31,5 Prozent beteiligt, und bei SuperRTL hat Disney zu 50 Prozent das Sagen. Auch ist der Print-Riese WAZ zusammen mit Bertelsmann bei RTL verbandelt.

Dieser gordische Knoten von Interessen wird für Bertelsmann nicht einfach aufzulösen sein. Ein erster Schritt ist die Übernahme der Mehrheit an der RTL Group durch die Gütersloher: Zu ihren 67 Prozent kauften sie als eine Art Weihnachtsgeschenk auch noch die 22 Prozent von Pearson für 1,5 Milliarden Euro, so dass der Weltkonzern nun 89 Prozent der im April 2000 entstandenen Fernseh- und Radiogruppe kontrolliert. Auch den Besitzern der restlichen 11 Prozent will Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff Übernahmeangebote von 44 Euro je RTL-Aktie machen. Selbst ein Tausch der WAZ-RTL-Anteile gegen die Financial Times Deutschland (Joint Venture mit Pearson) und die Zeitungssparte von Gruner + Jahr (u.a. Berliner Zeitung, Sächsische Zeitung) ist noch nicht vom Tisch. An der Übernahme der operativen Kontrolle beim profitablen RTL-Ableger in Deutschland ändert ebenfalls die Klage von Bauer nichts: Der Verlag prozessiert schon seit Jahren gegen die CLT / Bertelsmann, weil die den FAZ-RTL-Minianteil von 1,1 Prozent übernahmen.

Von diesem Streit unberührt geben sich Disney bei SuperRTL und die Tele München Gruppe bei RTL II. TMG-Chef Herbert Kloiber versichert, er werde „um keinen Preis“ sein Engagement bei dem Sender aufgeben, der immer noch dreistellige Millionenbeträge im Jahr an Gewinn abwirft. Im Gegenteil: RTL II sei und werde „kein Bestandteil der RTL-Senderfamilie“, man zahle sogar für den Namen. Kloiber sieht den Sender sogar durch den RTL-Werbezeitenverkäufer IP nicht ausreichend vermarktet und droht wegen der nichtgenehmigten Vox-Eingemeindung mit einem „außerordentlichen Kündigungrecht“. Eventueller Trost für Bertelsmann könnte sein, dass die bereits 2001 ausverhandelte Eingemeindung des Berliner Nachrichtenkanals n-tv in die RTL-Gruppe in diesem Jahr gelingt – falls die Gütersloher mit Haupteigentümern wie CNN/ AOL Time Warner und Siemens/ Nixdorf über den Preis einig werden.

Dagegen zeichnet sich bei der Kirch-Senderfamilie, zu der bald auch das Deutsche Sportfernsehen (DSF) gehört, eine einvernehmliche Lösung ab. Bei der Verschmelzung der ProSiebenSat.1 Media AG mit der Münchner Film-, Rechtehandels und TV-Produktionssparte zur Kirch Media AG im Frühjahr / Sommer 2002 gibt es eine Einigung mit Mitbesitzern wie dem Axel Springer Verlag. Der wird seine über elf Prozent für 767 Millionen Euro abgeben, frisches Kapital ist durch den Börsengang der Kirch Media in Aussicht. Allerdings ist die KirchGruppe in großer Finanznot angesichts der Milliardenverluste beim Pay-TV Premiere World (s. folgender Artikel). Dazu kommt noch das zähe Ringen der KirchGruppe um die Konditionen der Weiterverbreitung von Sendern mit dem möglichen neuen Kabelkönig John Malone vom US-Konzern Liberty Media, der mit Murdoch zusammen die Münchner regelrecht in die Zange nimmt. Wie angespannt die Lage in München-Unterföhring ist, zeigen der andauernde Streit um Tarife und Arbeitsbedingungen in der ProSiebenSat.1 Media AG wie auch die Gerüchte um Kirch Intermedia. Dieser neue Zusammenschluß für Digital- und Nebengeschäfte strukturiert sich gerade neu, wobei Branchenkenner mit einem Komplett- oder Teilverkauf der erst 1999 erworbenen Nachrichtengentur ddp (früher ADN) und der Tochterfirma e:max (Programme für Discos, Fitnessstudios, Kino-Foyers) rechnen.

 

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