Wikipedia: Wenig Raum für Angriffe

Foto: Pixabay

Angesichts von Fake-News und Wählermanipulation, die große kommerzielle Plattformen wie Facebook kaum in den Griff bekommen, zeigen große Community-gestützte, nicht-gewinnorientierte Projekte wie Wikipedia, dass es auch anders geht.  Die Online-Enzyklopädie ist nicht nur nahezu resistent gegen Online-Überwachung und -Zensur, sie muss sich auch mit auffallend wenigen Rechtsersuchen befassen, die auf die Preisgabe von Nutzerdaten oder das Ändern und Löschen von Inhalten abzielen.

Jeder kann bei der Wikipedia mitmachen, die Inhalte sind nicht exklusiv und wandeln sich kontinuierlich. „Wikipedia ist das komplexeste und zugleich erfolgreichste Beispiel für eine großflächige Selbstregulierung im Netz“, stellt der Internetforscher Yochai Benkler fest, der seit Jahren an der Harvard Law School über freie und offene Inhalte-Netzwerke forscht.

Wie erfolgreich die Selbstregulierung funktioniert, lässt sich unter anderem an den Zahlen erahnen, welche die Wikimedia Foundation, die Betreiberin des Wikipedia-Projekts, seit 2013 halbjährlich veröffentlicht. In ihren Transparenzberichten berichtet sie darüber, wie oft sie rechtlichem Druck nachgeben musste, Inhalte zu ändern und zu löschen oder Nutzerdaten preiszugeben. Demnach wurde sie im letzten Halbjahr gerade einmal 15 Mal über Rechtsersuchen dazu aufgefordert, die Identität bestimmter Nutzer_innen offenzulegen. Betroffen waren davon letztlich nur zwei Nutzerkonten. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum erhielt Twitter 6.448, Google 48.947 und Facebook 78.890 derartige Ersuchen.

Bei diesen Anfragen ging es im Grunde um die IP-Adressen der Nutzer_innen, auf deren Speicherung die Wikimedia Foundation nicht verzichten will. Das Qualitätsmanagement bei Wikipedia basiert nämlich darauf, dass die IP-Adresse desjenigen, der einen Text ändert, sowie die genaue Uhrzeit erfasst werden. Die Zahl der regelmäßigen Nutzer_innen, die pro Monat mehr als fünf Textänderungen in der Wikipedia vornehmen, bewegt sich seit einem Jahrzehnt zwischen 75.000 und 85.000 Tausend. Die IP-Adressen dieser Nutzer_innen werden verwendet, um Überarbeitungsvorgänge nachzuvollziehen und unerwünschte Manipulationen etwa durch missbräuchliche Nutzerkonten zu verhindern. Bei angemeldeten Nutzer_innen wird der Nutzername statt der IP-Adresse angezeigt. Doch auch deren IP-Adresse wird erfasst und auf unbestimmte Zeit gespeichert.

Auch die Zahl der Rechtsersuchen, die auf eine Änderung oder Löschung von Inhalten abstellen, ist überschaubar. „Die große Mehrheit der inhaltlichen Konflikte wird von den Nutzern selbst gelöst“, schreibt die Wikimedia Foundation in ihrem aktuellen Transparenzbericht für den Zeitraum Juli bis Dezember 2017. Sämtliche Rechtsersuchen gehen dabei direkt an die Rechtsabteilung der Wikimedia Foundation in den USA. Jan Apel, Sprecher der Wikimedia Deutschland, erklärt: „Auch wenn die Anfragen bei Wikimedia Deutschland eingehen, leiten wir diese dennoch direkt weiter. Im letzten Halbjahr gingen gerade einmal 343 Rechtsersuchen ein, die von der Rechtsabteilung in den USA geprüft wurden. Diese gab keinem einzigen dieser Ersuchen statt. 33 Ersuchen kamen aus Deutschland, womit dieses an zweiter Stelle hinter dem Spitzenreiter USA mit 78 Ersuchen rangiert. Die deutsche Wikipedia erhielt 24 Rechtsersuchen, die englische Wikipedia 146. Auf Wikimedia Commons bezogen sich 40 Ersuchen.

Die Nutzer_innen sind angehalten, sich an die Wikipedia-Regeln zu halten, die unter anderem Rechtskonformität einfordern. Nur in extremen Fällen erhält daher die Wikimedia Foundation rechtliche Ersuchen, Inhalte zu ändern oder zu löschen. Als beispielhaft nennt sie den Fall einer Filmproduktionsfirma aus Nahost, die sich gegen die Veröffentlichung des Inhalts einer noch nicht ausgestrahlten Fernsehsendung verwehrte. In diesem Fall reagierten die freiwilligen Mitarbeiter_innen von Wikipedia schneller als die Wikimedia Foundation und löschten die betreffenden Informationen.

Dass die Zahl der Rechtsersuchen bei Wikimedia vergleichsweise sehr niedrig ist, zeige, „wie gut Communities tatsächlich funktionieren“, meint John Weitzmann, Leiter Politik & Recht bei Wikimedia Deutschland. Er weist darauf hin, dass viele Rechtsverletzungen bereinigt werden, noch bevor eine Beschwerde eingeht. Zum anderen würden schlecht fundierte Änderungsaufforderungen von den Communities „aufgrund jahrelanger Erfahrung auch sehr gut begründet zurückgewiesen, womit die Angelegenheiten dann meist vom Tisch sind und nicht mehr bei der Wikimedia Foundation landen.“

Was die Zensur betrifft, so habe die Entscheidung von Wikimedia für eine verschlüsselte Internetverbindung (HTTPS) dazu geführt, dass sich der Zugang zu Wikipedia verbessert hat, stellte die Forschungsgruppe „Internet Monitor“ an der Harvard University in ihrem Bericht zum Stand der „globalen Internet-Zensur“ fest. Seitdem der Zugriff auf die Wikipedia nur noch über HTTPS möglich ist, kann lediglich der Zugriff auf die komplette Website verhindert werden. Zwar habe sich etwa die Türkei 2017 dafür entschieden, den Zugriff auf Wikipedia komplett zu sperren, weil sie einzelne Seiten nicht mehr blockieren konnte, andere Länder würden den Zugang zu einzelnen Wikipedia-Artikeln aber nun nicht mehr blockieren, weshalb sich die Zugriffsmöglichkeiten insgesamt verbessert hätten, resümierten die Forscher_innen um Jonathan Zittrain.

In der Internetforschung wird bereits länger darum gerungen, wie die Selbstregulierung durch die Community bei Wikipedia aus demokratischer Sicht zu bewerten ist. Bereits vor fast einem Jahrzehnt wiesen Forscher auf die Kehrseite der „gut funktionierenden“ Community hin. So stellte Vasilis Kostakis fest, dass es bei einer ständigen thematischen Erweiterung für die wenigen Administrator_innen „immer schwieriger und komplexer“ werde, über Randthemen zu entscheiden. Dabei warnte er angesichts der wachsenden Machtfülle einiger weniger Top-Entscheider_innen vor einer Regulierungskrise. Nicholas Carr sah die Wikipedia sogar von „guten Editoren“ polizei-ähnlich gemaßregelt. Und erst kürzlich wurde kritisiert, dass zu viele weiße, männliche Editoren in der Wikipedia aktiv seien.

In den letzten Jahren konzentrierten sich Forscher darauf, konkrete Ereignisse und Edit Wars zu untersuchen. Piotr Konieczny beispielsweise kam am Beispiel der von Wikipedia mitgetragenen SOPA-Proteste zu dem Schluss, dass die Entscheidungsstrukturen inzwischen oligarchischer Natur seien, auch wenn sich etliche der Administrator_innen dessen nicht unbedingt bewusst seien. Johanna Niesyto hingegen betont in ihrer Dissertation, dass die Wikipedia Räume für öffentliche Diskussion schaffe, die „auch von Macht und Agonismus durchzogen“ seien. Die Wikipedia sei aber derart öffentlich, dass sie jedem nicht nur die Änderung der Inhalte, sondern auch ihrer Infrastruktur erlaube, womit politische Kreativität entstehe. Und damit unterscheidet sich die Wikipedia auch am deutlichsten von Plattformen wie Twitter und Facebook.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Der HR will sich sein Radio sparen

Die erst gestern in Frankfurt vom Hessischen Rundfunk (HR) vorgestellte „Radiostrategie“ entpuppe sich als Sparprogramm auf Kosten der Beschäftigten und des Programms, kritisierte die zuständige ver.di Gewerkschaftssekretärin Anja Willmann die Pläne des Senders. Der HR will künftig weniger Geld in seine linearen Radioprogramme investieren. Die frei werdenden Mittel sollen vor allem in digitale Produkte und Dialogangebote fließen.
mehr »

Fußball-EM: Zu Gast bei Freunden?

Vier Wochen vor EM-Start überraschte der Deutsche Fussballbund (DFB) mit einer originellen Kaderpräsentation. Anstelle einer drögen Pressekonferenz setzte man auf eine teils witzige Salami-Taktik: Mal durfte ein TV-Sender einen Namen verkünden, dann wieder druckte eine Bäckerei den Namen Chris Führich auf ihre Tüten. Das Bespielen sozialer Netzwerke wie X oder Instagram dagegen funktionierte nicht optimal – da hat der Verband noch Nachholbedarf.
mehr »

Buchtipp: Internet als Energiefresser

Jörg Schieb, Autor und Fachjournalist für Digitalthemen, nimmt in seinem jüngsten Buch die größten Energiefesser im Netz unter die Lupe. Neben Kryptowährungen und Künstlicher Intelligenz  gehört dazu auch das Video- und Audiostreaming, das lineare Medienprogramme zunehmend verdrängt. Anhand zahlreicher Beispiele erläutert Schieb Energieverbrauch und CO-2-Fußabdruck von Smartphone bis Netzinfrastruktur und zeigt auf, wie Digitalisierung mit Umwelt- und Klimaschutz Hand in Hand gehen kann.
mehr »

Mit Zeitschriften gegen Spaltung

Die deutschen Zeitschriftenverleger sehen die freie Presse und die Demokratie durch die zunehmende Marktmacht der Tech-Giganten Google, TikTok & Co. tendenziell in Gefahr. Auf dem Kongress des Medienverbandes der freien Presse in Berlin appellierte MVFP-Vorstandsvorsitzender Philipp Welte an die Politik, Maßnahmen für den Erhalt einer vielfältigen und unabhängigen Verlags- und Medienlandschaft in Deutschland zu treffen.
mehr »