Bildkritik: Hat Zuwanderung eine Hautfarbe?

Screenshot: Felix Koltermann

Bildkritik

ist die neue Kolumne von Menschen Machen Medien.
Der Journalist und Kommunikationswissenschaftler Felix Koltermann diskutiert dort in regelmäßigen Abständen den Umgang publizistischer Medien mit fotografischen Bildern.

Es gibt Rubriken und Themen, deren Bebilderung Foto-redakteur*innen zur Verzweiflung treiben. Wie dabei auch gesellschaftliche Klischees – vermutlich ungewollt – bestärkt werden können, zeigt die Visualisierung eines Kommentars in der Tageszeitung Welt.

Am 24. Oktober 2020 veröffentlichte die Welt einen Gastkommentar von Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, unter dem Titel „Gerade in Corona-Zeiten brauchen wir Zuwanderung“. Der Autor macht sich darin für eine konsequente Umsetzung des Einwanderungsgesetzes stark, um die Fortschritte der letzten Jahre in der Migrationspolitik nicht zu verspielen. Als Aufmacherbild platzierte die Redaktion eine Fotografie, die zwei Frauen in einem Labor zeigt, eine von ihnen Schwarz. Als Bildquelle ist angegeben „Getty Images/Digital Vision/Hinterhaus Productions“. In der Bildunterzeile heißt es: „Gute Arbeitsbedingungen machen ein Land für ausländische Fachkräfte auch attraktiver, schreibt Gastautor Jörg Dräger“. Aber was, so fragt man sich, hat eine Schwarze Laborangestellte mit ausländischen Fachkräften zu tun?

Für die textliche Botschaft, die durch Überschrift, Bildunterschrift und Teaser kreiert wird, sind vor allem die Begriffe „Zuwanderung“, „ausländische“, „Fachkraft“ sowie „Migrationspolitik“ entscheidend. Für die bildliche Ebene ist einerseits die Laborsituation prägend, andererseits die Hautfarbe und das Geschlecht der beiden dargestellten Personen. Der Begriff „Fachkraft“ korrespondiert mit der Laborsituation und des dafür notwendigen qualifizierten Personals. Dagegen verweisen die Begriffe „Zuwanderung“, „ausländisch“ und „Migrationspolitik“ auf die Hautfarbe der Schwarzen Protagonistin des Bildes. Zuwanderung mit Hautfarbe bzw. Aussehen zu konnotieren ist ein klassisches Klischee in – vermeintlich – homogenen Gesellschaften wie in Deutschland. Im Umkehrschluss wird negiert, dass es auch Schwarze Menschen gibt, die nicht zugewandert sind bzw. Zuwanderer die weiß sind.

Da das Problematische der Botschaft vor allem eine Folge der Kontextualisierung ist, lohnt ein differenzierterer Blick auf das Bild. Denn das lässt sich aus unterschiedlichen Perspektiven lesen. Dazu gehört theoretisch eine inklusive, auf Vielfalt ausgerichtete Perspektive, zumindest wenn man davon absieht, dass die weiße Frau im Hintergrund auch als Vorgesetzte und damit aus einem Hierarchieverhältnis gelesen werden kann. Die von der Welt ausgesuchte Fotografie gehört zu einem von der Berliner Agentur „Hinterhaus Productions“ produzierten Konvolut an Stockfotografien, in dem Gesundheits- und Medizinthemen mit weiblichen Models verschiedener Hautfarben visualisiert werden. Stockfotografie bedeutet, dass Bilder zu bestimmten Themenbereichen auf Vorrat produziert werden, die in allen möglichen Kontexten eingesetzt werden dürfen.

Die übergeordnete Debatte, in die die hier kritisierte Visualisierung der Welt eingeordnet werden muss, ist das gesellschaftliche Verständnis dessen, wer die Menschen sind, die migrieren und wie diese aussehen. Dabei ist klar, dass ganz grundsätzlich eine Herausforderung darin besteht, ein solch abstraktes Thema zu visualisieren. Aber die Gleichsetzung von Migration, Zuwanderung und ausländisch mit Schwarz ist leider ein viel zu oft benutztes gesellschaftliches Klischee. Es negiert auf der einen Seite bestehende gesellschaftliche Vielfalt, auf der anderen Seite weist es Menschen nicht-weißer Hautfarbe klare Rollen zu. So verwundert es nicht, dass eine Studie des Sachverständigenrates für Integration und Migration 2018 feststellte, dass zwischen phänotypischer Differenz (Unterschiede in Hautfarbe, …) und Diskriminierungserfahrung ein Zusammenhang besteht. Umso wichtiger ist es, Zuschreibungen, wie sie durch diese Bebilderung vorgenommen wurden, zukünftig zu vermeiden.

 

 

nach oben

weiterlesen

Absolution für Döpfner und Betteln beim Staat

Es sei „unstreitig, dass die Diskussion über angebliche Haltungen und Standpunkte des Präsidenten dem Verband nicht gut getan hätten“, ließ der BDZV im Anschluss an seine Präsidiumssitzung am 24. November verlauten. Die Formulierungen in dessen privater Textnachricht seien „selbstverständlich inakzeptabel“, heißt es lapidar. Dies alles sei aber kein Grund, „die sehr erfolgreiche Arbeit des Präsidiums in den vergangenen Jahren in Frage zu stellen“.
mehr »

Wichtiges ist ohne Lupe zu finden

Das lange Warten auf den Koalitionsvertrag der Ampel-Parteien hat sich gelohnt: Suchte man vor vier Jahren wichtige Regelungen für die Medien im Koalitionsvertrag von Union und SPD noch mit der Lupe, finden sich im Regierungsvertrag von SPD, Grünen und FDP gleich viele wichtige Passagen, von denen Medienschaffende direkt und indirekt profitieren werden.
mehr »

Anders berichten über Gewalt gegen Frauen

Wenn oranges Licht ganze Fensterreihen erhellt, hat das einen Grund: Unter dem Motto „Orange the World“ startet am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, eine Kampagne gegen die massiven Menschenrechtsverletzungen an Frauen. Auch wir Journalist*innen sollten dazu beitragen, dass sie stärker ins Scheinwerferlicht rücken – durch mehr und vor allem andere Berichterstattung!
mehr »

Das Liebesleben gehört uns, nicht Springer

Geht es den Arbeitgeber etwas an, wenn Mitarbeitende eine Beziehung miteinander haben? Sollten sie verpflichtet werden, eine Liaison offenzulegen – wenigstens dann, wenn es sich um Personen auf unterschiedlichen Hierarchiestufen handelt, was zu Interessenskonflikten führen könnte? Nein. Der Arbeitgeber hat weder ein Recht auf Mitteilung noch gibt es eine Pflicht zur Offenlegung. Allein das Ansinnen wäre immense Grenzüberschreitung.
mehr »