Briefe an «M», 10/2010

Widerspruch und Ergänzung

„Wohin steuert das Kino?“ in M 8–9 / 2010

„Das Leben der anderen“, „Maria ihm schmeckt’s nicht“, „Friendship“, „Vincent will Meer“ oder „Männerherzen“ – diese Nachwuchsfilme lockten Millionen in die Kinos. Insofern ist der Einschätzung von Peter Sundarp in dem Beitrag „Wohin steuert das Kino?“ zu widersprechen, der Nachwuchs sei nicht an publikumsaffinen Filmen interessiert. Im Gegenteil, die junge Regiegeneration will intelligent unterhalten und hat Genres wie Spatter- oder Piratenfilme wieder belebt.
In der Hitliste des deutschen Kinos spiegelt sich wieder, was international gilt: Ein bis zwei Filme von zehn machen Kasse, ein bis zwei weitere spielen ihre Kosten ein und der Rest läuft unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wobei die Statistik nicht alleine weiter hilft. Für einen Dokumentarfilm – und rund ein Drittel der 2009 gestarteten deutschen Filme gehörten zu diesem Genre – sind schon 50.000 Zuschauer ein riesiger Erfolg.
Dass der Markt 216 Starts deutscher Filme nicht verkraftet, wissen alle. Der Boom war dem Produktionsschub durch die Einführung des Deutschen Filmförderfonds (DFFF) 2007 sowie der Euphorie über das Interesse der Zuschauer an Dokumentarfilmen in den Jahren 2005–07 geschuldet. Beides ist vorbei. Die Produzenten haben keine Drehbücher mehr in der Schublade, Hollywood war auf Grund des dortigen Streiks und der Finanzkrise 2009 kaum in Deutschland zu Gast, Dokumentarfilme finden seltener den Weg ins Kino.
Der DFFF hat aber den gewünschten Effekt, die Eigenkapitalbasis deutscher Produzenten zu stärken, nicht erreicht. Das Geld wandert in die Drehs, die Produzenten konnten keine Rücklagen bilden, um neue Projekte zu entwickeln. … Verschärft wird die Situation, weil RTL als Koproduzent von Spielfilmen ausgestiegen ist und ARD und ZDF auf Grund der Einnahmeverluste die Zahl der Aufträge runter gefahren haben.
Um dem deutschen Film alle Abspielstätten zu erhalten, war es richtig, dass Filmwirtschaft und Politik gemeinsam ein flächendeckendes Modell zur Digitalisierung der Kinos entwickelt haben. Das von Kulturstaatsminister Bernd Neumann im Mai vorgestellte 2-Säulen-Modell sieht vor, dass der Bund, die Länder, die FFA, die Verleiher und die Kinos selbst je 20% der Digitalisierungskosten bei den 1.600 so genannten Kriterien-Kinos übernehmen, die zwischen 40.000 und 260.000 Euro Umsatz je Leinwand machen. Wer über dieser Grenze liegt, bei dem sollten 80% der Kosten von den Verleihern übernommen werden. Dieses Modell kann das Kartellamt nicht untersagen, wie im Beitrag behauptet, weil es für Beihilfen nicht zuständig ist.
Was es beanstandet hat, war der angedachte, aber niemals beschlossene Weg, bei dem die Verleiher je eingesparter 35mm-Kopie eine bestimmte Summe in einen Topf zahlen, aus dem die Kinos die Kosten für Kauf der Technik und deren Installation erhalten. Dieses Geschäftsmodell bieten drei private Firmen, die so genannten Drittanbieter an. Sie haben aber keine Chance auf dem Markt, wenn ihre Leasing-Raten die Kosten für das Technik-Paket um bis zu 30% nach oben treiben, der Staat aber keinen Profit machen will.
Bernd Neumann hat dem Kartellamts-Beschluss Rechnung getragen und gewährt auch den Kinos staatliche Zuschüsse, die über die Drittanbieterdie Digitalisierung finanzieren wollen. Für die Kriterien-Kinos sucht er nun nach einem alternativen Weg. … Ein weiterer Weg sie zu entlasten, ist der Abschied von der von den Verleihern geforderten, teuren DCI-Norm. Das Frauenhofer-Institut prüft seit Juni, ob alternative Projektoren den gleichen technischen Schutz vor Raubkopierern bieten. Die FFA und die Filmförderung Hamburg-Schleswig/Holstein haben ihre Richtlinien schon im August für andere technische Standards geöffnet.

    Katharina Dockhorn, freie Journalistin Berlin

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