Investigativer Gatekeeper

Politmagazin Monitor sorgt seit 50 Jahren für den notwendigen Durchblick

„Monitor“, letzte Sendung vor dem Jubiläum: Das Magazin recherchiert einen skandalösen Vorgang. Das Jugendamt Gelsenkirchen schickt Heimkinder ohne weitere Prüfung in ein Heim nach Ungarn, das der Jugendamtsleiter und sein Stellvertreter selbst gegründet haben. Die Herren kassieren die Zuschüsse der Stadt. Der Skandal zieht Kreise, die Beamten werden suspendiert. Eine typische „Monitor“-Geschichte. Solide durchrecherchiert, mit direkten Folgen jedenfalls für Täter, ein Skandal, ins Licht der Öffentlichkeit gehoben.

So gut gelingt das freilich nicht immer. Das Geschäft der politischen Magazine ist insgesamt schwerer geworden. Sie prägen nicht mehr den politischen Diskurs. Seit Politiker die Polit-Talks zur Selbstdarstellung haben, meiden sie nach Möglichkeit die Magazinjournalisten. Auch in den Sendern selbst sind die Magazine nicht so beliebt, wie es in den Fensterreden immer heißt. „Monitor“ wurde wie andere ARD-Magazine 2006 auf eine halbe Stunde verkürzt. Das hat sie nicht umgebracht, aber doch nachhaltig geschädigt. Ihr Themenfeld wurde eingeengt und Gestaltungsmöglichkeiten wurden eingeschränkt. Und mit der Zersplitterung der Fernsehlandschaft und dem Auftritt der Privatsender haben die politischen Magazine Zuschauer verloren: 1985 noch acht Millionen Zuschauer, heute zwei bis drei Millionen.
Zur Haltung von „Monitor“ gehörte es stets, im Zuschauer den Bürger anzusprechen, nicht den Konsumenten. Und man verstand sich anwaltschaftlich. Man wolle denen eine Stimme geben, die sich sonst kein Verhör verschaffen können, sagte Klaus Bednarz. Er war von allen „Monitor“-Moderatoren wahrscheinlich der wirkmächtigste. Von 1983– 2001 leitete er das Magazin, wurde mit seinem Pullover und seinen oft polarisierenden Anmoderationen bekannt. Für die Beiträge galt: Keine Mätzchen, sondern „klassischer, handwerklich sauberer Journalismus“.
Nicht nur Klaus Bednarz leitete die Redaktion lange. Das Magazin hat sich als haltbar erwiesen und hat bis heute nur fünf Chefs gesehen: Claus-Hinrich Castorff (1965–1982), Gerd Ruge (1982–83), auf Klaus Bednarz folgte Sonia Seymour Mikich (2002–2012) und seit 2012 steht Georg Restle als Redaktionsleiter und als Moderator auf dem Bildschirm für die Arbeit der Redaktion grade.
Rückblick: Als vor 50 Jahren das Magazin beim WDR ins Leben gerufen wurde, da geschah das nicht, um den kritischen Journalismus zu fördern, sondern um in der ARD ein Gegengewicht zu „Panorama“ aufzulegen. „Panorama“ wurde von Gert von Paczensky geleitet, der seine Sendungen gern mit dem Satz einleitete, „nun wollen wir uns ein wenig mit der Regierung anlegen“. Das neugegründete WDR-Magazin sollte sich mit der Bonner Politik eher vertrauensvoll auseinandersetzen, „nicht um jeden Preis kritisch“, wie Frank Wördemann, damals Leiter der Hauptabteilung Zeitgeschehen, betonte. „Monitor“ wurde dann doch der investigative Gatekeeper im deutschen Fernsehen.
Dass sich mit den Jahren Themen und Gewichte verschoben haben, versteht sich von selbst. Das Magazin hatte den Höhepunkt seines Ansehens sicher in den achtziger Jahren. Damals lenkten die Macher ihr Augenmerk stärker auch auf Umwelt und auf Themen der Zivilgesellschaft. Aber aus den fünfzig Fernsehjahren sind vor allem Themen und Szenen aus der Politik in Erinnerung geblieben. Dazu gehört das „Monitor“-Kreuzverhör, das Claus-Hinrich Castorff und Rudolph Rohlinger mit Franz-Josef Strauß führten – eine Sternstunde des Fernsehens. Auch Attacken gegen Journalisten ziehen sich durch die Geschichte von „Monitor“– für ein kritisch-investigatives Magazin ein Ritterschlag. In jüngster Zeit etwa der legendäre Auftritt der bayrischen Landtagspräsidentin Barbara Stamm, die den unangenehm hartnäckigen Stephan Stuchlik wie einen Schulbuben abzukanzeln versuchte („Sie sollten als Journalist lernen, wie man sich benimmt“). Danach hätte Seehofer „Monitor“ am liebsten aus Bayern verbannt.
Und natürlich die Skandale. Noch heute wirken die Bilder der über Wurmlarven im Hering – ziemlich eklig. Der Bericht (1987) trieb die deutsche Fischindustrie beinahe in den Ruin. Auch die Aufdeckung der sogenannten „Brutkastenlüge“ war wichtig: damals drehte das PR-Unternehmen Hill und Knowlton mit dem inszenierten Auftritt einer kuwaitischen Botschaftertochter die Stimmung in den USA erfolgreich in Richtung Krieg. Oder der Nachweis, dass die deutsche Regierung im Kosovokrieg log, oder Dioxinfunde bei Boehringer – langweilig war der Redaktion wohl nie.
50 Jahre „Monitor“, das ist ein Zeichen für Kontinuität, die freilich auch einen Nachteil hat. Einen „Monitor“-Beitrag erkennt man von Weitem. Rhetorische Fragen, die dem Zuschauer entgegen geschleudert werden: Werden wir über den Tisch gezogen? Was ist passiert? Wir wollen wissen, warum? Zuverlässig werden wir Zuschauer am Journalistentext entlang durch den Beitrag gezogen, an vielen Experten vorbei. Unverzichtbar ein Dokument, am besten ein „Geheimpapier“, das der Redaktion vorliegt. Da wird dann aus dem Schriftsatz dramatisch ein bedeutungsschwerer Satz auf den Bildschirm gesaugt und eine Grafik nachgeschoben.
So entsteht dann eben nicht selten der Eindruck des Erwartbaren. Form macht eben auch Inhalt. Viele Beiträge zeigen Konflikte nicht in Bewegung, sondern angehalten, gleichsam festgefroren als einen beklagenswerten Zustand. „Monitor“ liebt die Opfer als Opfer und braucht die Ungerechtigkeit der Welt als Nährboden für moralische Auslassungen – wenig offene Fragen und viele quadratische Antworten. Es funktioniert nach einem vertrauten Modell, das freilich viele Anhänger hat. Hinter und vor dem Bildschirm sitzen die Gerechten; die Ungerechten und ihre Opfer dagegen draußen auf den Weltmeeren, in der Politik und in den Archiven. „Monitor“ gegen den Rest der Welt.
Aber manchmal ist das auch anders und dann ist „Monitor“ richtig gut. Wieder die Sendung vor dem Jubiläum, Thema Flüchtlinge. Während die Kollegen in den TV-Nachrichten so sprachen, als hätten sie zum ersten Mal vom Flüchtlingsdrama erfahren, setzte das Magazin seine Sicht der Dinge. Zeigte, dass in Westafrika die EU-Fischfangflotten der einheimischen Fischerei im wahrsten Sinne des Wortes den Fisch entziehen. Dass die Exporthühnchenteile aus der EU den einheimischen Bauern ihre Kleinproduktion und die Existenz ruinieren. Dass wir Europäer mit unserem Konsumverhalten auch Mitverursacher sind. Das alles war zwar nicht ganz neu, kein journalistischer Scoop – aber beste Aufklärung durch Einordnen. Und der notwendige Durchblick durch die immer größer werdenden, sensationell scharfen Bildoberflächen, die Sinn und Bedeutung unserer Nachrichten verschlucken.

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