Stellen Sie sich einen Supermarkt vor. Schokolade liegt vorne am Eingang. Und noch einmal an der Kasse. Das Gemüse steht hinten im Lager. Wer Brokkoli will, muss fragen. Nach einem Jahr schaut sich der Geschäftsführer die Verkaufszahlen an und sagt: Na bitte! Die Menschen wollen nur Schokolade.
Das klingt absurd. Im Internet nennt man das Personalisierung.
Die Plattformen erzählen uns seit Jahren, ihre Algorithmen zeigen das, was uns interessiert. Auch ich habe an dieser Stelle schon so argumentiert. Inzwischen sage ich: Diese Geschichte stimmt. Nur zur Hälfte.
Eine neue Studie der Medienanstalten aus Nordrhein-Westfalen und Bayern hat mehr als 1.100 Menschen Kurzvideo-Feeds mit unterschiedlich viel journalistischer Information gezeigt. Schon bei zehn Prozent empfanden sie ihren Feed als informativer und vielfältiger. Selbst bei 30 Prozent sank ihre Zufriedenheit nicht. Zugegeben, die Feeds waren nicht personalisiert. Aber die Studie kratzt an einem bequemen Argument: dass mehr Journalismus automatisch weniger attraktiv sei. Vielleicht wollen Menschen gar nicht weniger Information. Vielleicht bekommen sie nur regelmäßig Schokolade statt Gemüse vorgesetzt.
Ein Feed ist kein Spiegel
Er ist eine Auswahlmaschine. Und Menschen legen fest, wonach sie auswählt: Aufmerksamkeit. Verweildauer. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir noch ein Video schauen. Und noch eins. Und noch eins.
Für Plattformen ist das attraktiv. Für eine demokratische Öffentlichkeit reicht es nicht. Denn Aufmerksamkeit ist nicht dasselbe wie Relevanz. Ein Beitrag über Pflegenotstand, Tarifflucht oder den Haushalt der eigenen Stadt erzeugt weniger Reaktionen als zwei Möpse, die beleidigt vom Sofa rutschen. Wichtiger ist er trotzdem.
Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben wir nie gesagt: Bitte nur senden, was Quote bringt! Stattdessen drängen wir auf Vielfalt, Auftrag und Auffindbarkeit. Nur bei „Johnny Big Tech“ und seiner Plattform tun wir so, als wären seine intransparenten Entscheidungen ein Naturgesetz.
So, und jetzt das Gegenargument: Eine Informationsquote wäre Bevormundung.
Dabei wird doch längst sortiert. Halt nur nach Kriterien, über die nie jemand abgestimmt hat. Also: Welche Regeln gelten für eine Auswahl, die ohnehin stattfindet? Dass Verweildauer ein besseres Ordnungsprinzip für Öffentlichkeit sein soll als Vielfalt, ist eben kein Naturgesetz. Das ist ein Geschäftsmodell.
Welches Instrument das richtige ist, ob Quote, Auffindbarkeitsregeln oder echte Wahlmöglichkeiten im Feed, darüber muss jetzt debattiert werden. Voraussetzung für alles ist Transparenz: Wer Sichtbarkeit verteilt, muss offenlegen, nach welchen Regeln. Nur eine Ausrede sollten wir nicht mehr gelten lassen: Der Feed zeige bloß, was die Leute sehen wollen. Feeds werden gebaut. Von Menschen. Sichtbarkeit wird verteilt. Von denselben Menschen.
Vielleicht stellen wir also die falsche Frage. Nicht: Wie bringen wir Menschen dazu, sich wieder für Journalismus zu interessieren? Sondern: Wer hat eigentlich entschieden, dass sie es nicht tun?
Zurück in den Supermarkt. Die Studie hat im Grunde genommen nur eines getan: Sie hat das Gemüse aus dem Lager geholt. Ergebnis: Die Leute fanden das Angebot vielfältiger und informativer. Und die Schokolade? Hat keiner vermisst.
Niemand will die Schokolade verbieten. Aber wer an ihr verdient, sollte nicht allein die Regale einräumen.

