Als Ingas geordnete Welt zusammenbricht

Novemberkind – ausgezeichnet mit dem „Debüt-Biber“ der Biberacher Filmfestspiele

Eine junge Frau, die ohne Eltern aufwächst und in die Fänge eines skrupellosen Publizisten gerät: In Christian Schwochows Debütfilm gibt es Parallelen zu der privaten Biografie seiner jungen Hauptdarstellerin Anna Maria Mühe, auf die er ganz zugeschnitten ist.

Die 23-jährige Tochter der verstorbenen Schauspieler Ulrich Mühe und Jenny Gröllmann erlebte hautnah mit, wie sensationsgierige Journalisten ihrer schwer krebskranken Mutter mit Stasi-Vorwürfen die letzte Lebenskraft raubten.
Im Film spielt sie Inga, eine selbstbewusste, unbekümmerte und auch ungewöhnliche Frau Mitte 20, die von einem besessenen, neurotischen Schriftsteller aus der Bahn geworfen wird. Diese Inga ist mit ihrer ostdeutschen Gegend sehr verbunden, arbeitet in einer Bibliothek, pest mit dem Motorrad durch die Gegend, badet im Winter mit Vorliebe im eiskalten See und lebt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung. Doch als eines Tages der exzentrische Konstanzer Literaturprofessor Robert (grandios mit bizarrer Mimik: Ulrich Matthes) vor ihr steht und ans Licht bringt, was ihre Großeltern und Freunde sorgsam vor ihr geheim gehalten haben, bricht ihre geordnete Welt zusammen: Ihre Mutter, so muss sie erfahren, kam keineswegs 1980 tragisch in der Ostsee ums Leben, sondern flüchtete mit einem Russen, den sie versteckt hatte, in den Westen, ließ sie, die damals ein halbes Jahr alte Tochter, bei den Großeltern zurück und meldete sich nie mehr wieder. Inga hat die offizielle Todesursache ihrer Mutter nie angezweifelt. Deshalb glaubt sie auch anfangs dem merkwürdigen Kauz nicht, den es so plötzlich wie aus dem Nichts vom Bodensee in das verschlafene mecklenburgische Malchow verschlagen hat. Doch dann braucht sie ihn für die Spurensuche nach ihrer Mutter, und so machen sich beide gemeinsam auf den Weg. Was Inga jedoch nicht weiß: Robert handelt vor allem aus Eigennutz, er will ihre tragische Geschichte in seinem ersten Roman ausschlachten.
Wie sich Inga unter solchen Erkenntnissen von einer aufgeweckten, unbekümmerten Frau zu einer aufgewühlten, ernsteren Persönlichkeit wandelt, trotz herber Enttäuschungen und Risse im Leben aber doch noch ihren eigenen Weg findet, das spielt Anna Maria Mühe sehr glaubwürdig und authentisch. Man merkt ihr an, dass sie eigene Schicksalsschläge verkraften musste, die sie haben reifen lassen. Kaum zu glauben, dass sie außerdem in grobkörnigen Rückblenden auch Ingas Mutter Anne verkörpert.
Überhaupt ist „Novemberkind“ in vieler Hinsicht ein innovativer ungewöhnlicher Film. Einer, der leise und unspektakulär einsetzt, mit Mühes Doppelrolle irritiert und sich trotz sparsamer Mittel zu einem packenden, komplexen Psycho-Krimi auswächst. Nicht zuletzt auch ein Film zu einem relativ unbekannten Stück der jüngeren deutschen Geschichte, über das öffentlich bislang niemand so recht zu reden traute. Höchste Zeit, das Schweigen zu brechen.

 

D 2008, 95 Min.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Filmtipp: Niemals allein, immer zusammen

Krisen, Kriege, Katastrophen: Die Welt scheint im Ausnahmezustand. Allerdings haben das noch nicht alle gemerkt; oder sie wollen es nicht wahrhaben. Die einen leugnen den Klimawandel, die anderen haben Angst vor Veränderungen. Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen für die dringend notwendigen Transformationen in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen. Kein Wunder, dass diejenigen, die morgen ausbaden müssen, was heute verpasst wird, die Geduld verlieren. „Niemals allein, immer zusammen“ gibt ihnen Gesicht und Stimme.
mehr »

Filmtipp: Der Sohn des Mullahs

Nahid Perssons Sarvestanis Dokumentation „Der Sohn des Mullahs“ zeigt, wie gefährlich – und notwendig – unabhängiger Journalismus im Iran ist. Sie begleitet Roohollah Zam, der sich  sich in Frankreich halbwegs sicher fühlt. Von hier aus betreibt er seinen Nachrichtenkanal, veröffentlicht Berichte über geheime Dokumente, die ihm aus iranischen Regierungskreisen zugespielt werden.
mehr »

Filmtipp: Die Mutigen 56

Hin und wieder ist es gar nicht verkehrt, sich bewusst zu machen, wie gut es uns in vielerlei Hinsicht geht. Jedenfalls gemessen an anderen Zeiten. Vieles von dem, was uns heute selbstverständlich erscheint, musste erst erkämpft werden, zum Beispiel die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall; davon erzählt das sehenswerte Dokudrama „Die Mutigen 56 – Deutschlands längster Streik“.
mehr »

Preis für behinderte Medienschaffende

Zum zweiten Mal schreibt in diesem Jahr die gewerkschaftsnahe Otto Brenner Stiftung zwei Preise und Stipendien für Journalist*innen mit Behinderung aus. Damit soll „ein klares Signal für die Förderung von Diversität als unverzichtbaren Wert in unserer demokratischen Gesellschaft“ gesetzt werden, sagt Jupp Legrand, Geschäftsführer der Stiftung. 
mehr »