Öffentlich-Rechtliche: Auftrag und Erwartung

Podiumsdebatte mit Prof. Henrik Müller, Dr. Norman Schumann, Marcus Niehaves, Ulrike Herrmann und Moderatorin Teresa Sickert (v.l.n.r.) Foto: Christian von Polentz

Gerade in Pandemiezeiten hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk Vertrauen und Wertschätzung beim Publikum gewonnen. Dennoch muss er weiterhin mit den Attacken seiner Gegner leben. „Das ist unser Programm!“ Unter diesem Titel diskutierten auf einer medienpolitischen Tagung von ver.di und DGB in Berlin Medienwissenschaftler und Journalist*innen über den „öffentlich-rechtlichen Rundfunk zwischen Auftrag und gesellschaftlichen Erwartungen“.

„Die Rechten wollen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk austrocknen oder zerstückeln“, warnte DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann zum Auftakt am 14. Oktober. Dies gelte nicht nur für die AfD, sondern auch für Teile der FDP und der Unionsparteien. Die Gewerkschaften stünden vor der Aufgabe, mit der „Gleichzeitigkeit von Gegenwind und Reformnotwendigkeit“ konstruktiv umzugehen. Dazu gehörten „faire Anforderungen“ an das Führungspersonal der Sender.

Reiner Hoffmann fordert „soziale Vielfalt“. Foto: Christian von Polentz

Wenn sich die Sender Selbstverpflichtungen auferlegten, sollten sie „beim Thema Diversität nicht zu kurz springen“. Diversität meine nicht nur ethnische oder geschlechtliche Vielfalt, sondern auch soziale Vielfalt. „Die Wahrnehmung der sozialen Wirklichkeit an den Newsdesks dieser Republik wäre eine andere, wenn soziale Vielfalt in den Anstalten eine größere Rolle spielen würde“, sagte Hoffmann.

Wichtige Wirtschaftsthemen unterbelichtet

Diese soziale Wirklichkeit spiegelt sich nur unzureichend in einer angemessenen Wirtschaftsberichterstattung. Meint zumindest Henrik Müller vom Institut für Journalistik an der TU Dortmund. Seine zugespitzte These: „Wirtschaft ist wichtig – findet aber kaum statt.“ Und wenn, dann „eher am Rande“ oder in der Nische „einiger spezialisierter Medienmarken und Eliteblätter“. Vorgänge in großen Konzernen, Branchen und Institutionen verharrten häufig im Dunkeln, die Lage der Beschäftigten und Arbeitslosen sei „weithin unterbelichtet“.

Müller vermisst eine „systematische und kontinuierliche Befassung mit Wirtschaftspolitik“ im Massenmedium Fernsehen. Was dort gezeigt werde, sei häufig auf Verbraucher bzw. Geldanleger fokussiert. Dies gelte auch für Sendungen wie „Börse vor Acht“ und für Magazine wie „Plusminus“ und „WISO“. Gelegentlich gebe es zwar hervorragende Beiträge in großen Reportageformaten wie ZDF „Zoom“ oder der „Die Story im Ersten“. Diese böten aber nur „Schlaglichter auf einzelne Themen“. Demgegenüber wünscht sich Müller „wöchentliche Wirtschaftsmagazine“, die sich mit allen relevanten wirtschaftspolitischen und volkwirtschaftlichen Themen befassen sollten: von Steuern über Handelspolitik und Arbeitsmarkt bis hin zum Klimaschutz.

„Wöchentlche Wirtschaftsmagazine“ will Henrik Müller.
Foto: Christian von Polentz

Mehr als andere publizistische Spielarten benötige der Wirtschaftsjournalismus „Kontext, Einordnung und Analyse durch spezialisierte Profis“, konstatierte Müller. Bei den Nachrichtenwerten sollten vier zentrale Zielkategorien im Fokus stehen: „Effizienz, Stabilität, Nachhaltigkeit und Fairness“. Die verbreitete Kritik an einer angeblichen Quotenfixierung der Programmmacher teilt er nicht. Journalismus, der seine öffentliche Aufgabe ernstnehme, müsse eine nennenswerte Öffentlichkeit erreichen, „andernfalls ist er wirkungslos“. Allerdings müsse dabei auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen „Aufmerksamkeit und Aufklärung“ geachtet werden.

Besser Klima statt Börse?

Marcus Niehaves, Leiter des ZDF-Wirtschaftsmagazins „WISO“, das seit 36 Jahren erfolgreich in der Prime Time läuft, plädiert für Wirtschaftsberichterstattung als Querschnittsthema. Wirtschaft sei das „Brot- und Butter-Geschäft“ auch der gut ausgebildeten Journalist*innen in den Landesstudios, bei „Frontal 21“, im Hauptstadtstudio und in den Auslandsstudios.

Norman Schumann fordert im Namen der Initiative „Klima vor Acht“ ein neues öffentlich-rechtliches Format speziell zur Klimakrise, „wissenschaftlich fundiert, allgemein verständlich, zur besten Sendezeit“. Es gebe zwar schon sehr viele Angebote zum Thema: in Form von Podcasts, Blogs, YouTube-Kanälen, Instagram-Accounts. Dagegen werde das lineare TV-Programm zu dieser Frage „noch sehr schwach bespielt“. Schumann sieht das Format „Klima vor Acht“ nicht unbedingt als Ersatz, vielmehr komplementär zu „Börse vor Acht“.

Kritischer äußerte sich dagegen Ulrike Hermann, Wirtschaftsredakteurin bei der alternativen „tageszeitung“ taz. „Indem man als ARD jeden Tag diese Sendung macht, transportiert man einen ganzen Schwung von Ideologie“, wetterte sie gegen „Börse vor Acht“. Aufgrund des herausragenden Sendeplatzes werde dem Publikum suggeriert, das Wichtigste an der Wirtschaft sei der Aktienkurs. Tatsächlich seien Phänomene wie zum Beispiel Staatsverschuldung relevanter. Es werde auf diese Weise der falsche Eindruck erweckt, alle Deutschen könnten durch Aktienkauf private Altersvorsorge betreiben. So werde eher eine inflationsfördernde „Vermögensblase“ kreiert. Herrmann über das ARD-Börsenformat: „Das Ding muss zwingend abgeschafft werden.“

Sachlichkeit, Transparenz und Eigenleistung

Mark Eisenegger, Medienforscher an der Uni Zürich, skizzierte in seinem Impulsvortrag die Bedingungen für „Qualität in den öffentlich-rechtlichen Medien“. Zu den wichtigsten professionellen Standards zählt er Sachlichkeit anstelle von Polemik, ein möglichst hohes Maß an redaktioneller Eigenleistung, zu Lasten von Agenturmaterial und PR, sowie Quellentransparenz. Wichtig seien zudem Vielfalt in Bezug auf Themen, geografische Räume, Akteure und Meinungen – bezogen auf das Gesamtangebot eines Senders.

Prof. Dr. Mark Eisenegger sieht eine Brückenbauerfunktion.
Foto: Christian von Polentz

Für entscheidend hält Eisenegger auch die Ressourcenfrage: Qualität hänge nicht zuletzt davon ab, wie viel Geld, Personal und Zeit den Redaktionen zur Verfügung stünden. Die Akzeptanz und Integrationskraft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland sei hoch. Mit ihrem Nachrichtenangebot erreichten die Sender ein vielfältiges Publikum. Dadurch hätten sie eine „Brückenbauerfunktion zwischen den verschiedenen politischen Lagern“, eine Funktion, die in der viel stärker polarisierten Medienlandschaft in den USA „komplett fehlt“.

Ein extrem erfolgreiches öffentlich-rechtliches Format ist der NDR-Podcast „Das Coroanavirus-Update“ (ca. 116 Millionen Abrufe) mit dem Charité-Virologen Christian Drosten. Wissenschaftsredakteurin und Co-Moderatorin Korinna Hennig erklärt sich diesen Erfolg mit der Wichtigkeit des Themas Pandemie und der Identifikationsfigur Drosten. Auch das ungleich poppiger gemachte, aber ebenfalls „hochseriöse“ Format „maiLab“ der Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen Kim auf dem YouTube Kanal des öffentlich-rechtlichen „funk“ laufe sehr gut, gerade bei jungen Leuten.

Die richtigen Köpfe

„Viele wissen aber gar nicht, dass das ein öffentlich-rechtliches Produkt ist“, bedauerte Christoph Schmitz vom ver.di-Bundesvorstand. Er forderte die Sender auf, häufiger „mit mehr Mut aus dem bewährten Programmschema auszubrechen. Qualität ist auch für ihn eine Frage von Ressourcen – für Personal, für aufwendige Recherchen. Genau darum sei die jüngste Gebührenentscheidung des Bundesverfassungsgerichts so wichtig gewesen. „Das Geld folgt dem Programmauftrag“, sagte Schmitz. Man müsse aufpassen, dass dieser Auftrag nicht verwässert werde und Qualität, Vertrauen, demokratische Stabilisierungs- sowie Diskursfähigkeit des Rundfunks erhalten blieben. Die inhaltliche Qualität sei immer noch hoch, werde aber gefährdet – unter anderem durch die Verknappung der Mittel, durch Arbeitsverdichtung und Mehrarbeit. Personell werde in den Anstalten immer mehr auf Allrounder statt auf Spezialisten zurückgegriffen. Auch die Erfordernisse der crossmedialen Produktion gingen vielfach zulasten von Qualität.

Die Moderatorin mit Christoph Schmitz, Korinna Hennig und Mark Eisenegger (v.l.) auf dem Podium Foto: Christian von Polentz

Mit Sorge nehme die Gewerkschaft wahr, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten beim journalistischen Nachwuchs als Arbeitgeber an Attraktivität verlieren. „Um Qualitätsstandards zu sichern, braucht es aber auch die richtigen Köpfe“, so Schmitz. Nötig seien daher gute Arbeits- und Entlohnungskonditionen, über alle Beschäftigungsformen und Ausspielwege hinweg. „Qualität im Digitalen ist auch in tariflicher Hinsicht genauso anspruchsvoll wie das, was bisher im linearen Programm gemacht worden ist.“

Zur Tagung auch diese ver.di-Pressemitteilung

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