Hinterland

Schon entdeckt? Engagierte Medien abseits des Mainstreams sind hochinteressant, aber wenig bekannt. Deshalb stellt M mit dieser neuen Rubrik in jedem Heft eines davon vor.

Im Juni 2006 hat der Bayerische Flüchtlingsrat mit „Hinterland“ die Flucht nach vorn angetreten. Auf drastische Etatkürzungen – so wurden Mittel aus dem EU Fonds zur Förderung der Flüchtlingsarbeit gestrichen – reagierte er antizyklisch mit dem neuen Projekt einer Quartalsschrift, die als „Debattenblatt mit flüchtlings- und migrationspolischem Hintergrund tiefer blicken und breiter informieren“ will. „Das anzugehen, war ein magischer Moment für uns und wirkte wie ein Befreiungsschlag“, berichtet Friedrich Burschel, freier Journalist bei Hinterland, über den Kampf gegen Resignation und gesellschaftliches Desinteresse. „Das leicht altbackene Verbandsmitteilungsblatt wird abgelöst durch ein kampflustiges Heft jenseits der moralischen Endlosschleifen professionell Betroffener in Politik und NGOs.“ Themen rund um Flucht und Migration seien „gerade definitiv out“, doch bei vielen Menschen mit kritischem Verstand wachse die Unzufriedenheit. „Weit entfernt, die haarsträubende Situation von Flüchtlingen, Migranten und Illegalisierten zu verniedlichen oder unterhaltsam zu verpacken, wollen wir den Focus öffnen und den kritischen gesellschaftlichen Zusammenhang herstellen. Wir brauchen nicht nur im ausländerpolitisch ver(beck)steinerten Bayern die Gegenöffentlichkeit.“
Bereits das erste 64seitige in essayistischer schwarz-weißer Bildsprache großzügig layoutete Heft bietet mit dem Schwerpunktthema Wohnen hintergründigen Lesestoff: vom Leben in Sammelunterkünften über die Existenz im Niemandsland zwischen Deutschland und Rumänien oder auf dem Flughafen bis zum Sich-Einrichten-Müssen im Knast. Die Luxus-Variante freiwilliger Abschottung wird mit Privilegierten-Ghettos in Brasilien erzählt. Literaturangebote wie unveröffentlichte Auszüge aus Mike Davis‘ neuem Buch „Planet of Slums“, Filmkritiken und Nachrichten gehören mit ins Magazin, auf dessen Erscheinen es „viel Zuspruch und großartige Reaktionen“ aus der gesamten Bundesrepublik gab. „Wir sind für jede Kritik empfänglich“, versichert Burschel. „Jetzt gehen wir Kinderkrankheiten an. Humor und Auseinandersetzung kommen noch zu kurz. Wir wollen auf den Putz hauen und uns genauso mal selbstironisch zurücklehnen.“
Mit dem Anspruch auf Qualitätsjournalismus hat sich das zum Nulltarif arbeitende Redaktionsteam aus drei journalistischen Profis und mehreren engagierten Laien selbst die Trauben hoch gehängt. Zwar konnte über die Beiträge der unterdessen knapp 500 Fördermitglieder des Bayerischen Flüchtlingsrats, über den Zusammenschluss der selbstverwalteten Kollektive „Münchner Netzwerk e.V. und andere Gruppen die Finanzierung des ersten Heftes im Juni und des zweiten im September gesichert werden – aber Gehälter oder Honorare sind nicht drin. Gleichwohl stellen namhafte Autoren Manuskripte zur Verfügung, für Heft 2 schrieb beispielsweise Satiriker Wiglaf Droste eine Kolumne. Jede Ausgabe ist neu zu finanzieren. „Das Heft muss über den Stamm der Fördermitglieder und à priori Interessierten hinaus bekannt werden“, beschreibt Burschel den mühsamen Weg zur Stabilisierung, „Wir müssen das Anzeigengeschäft ausweiten, ‚fundraising‘ betreiben, die Abonnentenzahl erhöhen, in mehr Buchläden und Bahnhofskiosken ausliegen. Erst dann ist an eine Erweiterung der Auflage über die derzeit 1.500 hinaus zu denken, an ein festes Redaktionsteam und Honorare.“

www.hinterland-magazin.de

nach oben

weiterlesen

Auch intern unbequem

„Panorama“ ist nicht das erste, aber das älteste Politikmagazin im deutschen Fernsehen. Und es hatte eine schwere Geburt. Was da am 4. Juni 1961 auf dem Bildschirm in Schwarz-Weiß Premiere feierte, war ein ziemlich unverdaulicher Kessel Buntes aus aktueller Politik, Auslandsreportage und Unterhaltung. Doch schon bald hatte „Panorama“ seine erste Sternstunde.
mehr »

Zwischen Utopie und Realität

Vor 75 Jahren, am 17. Mai 1946, schickte der Münchner Kabarettist Werner Finck ein launiges Telegramm nach Babelsberg: „Ein ferner Wink von Werner Finck, damit das Ding Euch wohl geling.“ Gemeint war die Deutsche Film-A.G., kurz DEFA genannt, die erste deutsche Filmfirma nach dem Zweiten Weltkrieg, die an jenem Tag eine Lizenz zur „Herstellung von Filmen aller Art“ erhielt. Neben deutschen, darunter auch einigen aus dem Exil zurückgekehrten Filmschaffenden waren Kulturoffiziere der Sowjetischen Besatzungszone maßgeblich an der Gründung beteiligt. Und doch verstand sich die DEFA zunächst als gesamtdeutsches Unternehmen. Viele der frühen, hochfliegenden Träume endeten…
mehr »

Polizeigewalt in Kolumbien

Kolumbiens Polizeieinheiten zur Aufstandsbekämpfung (ESMAD) werden für Dutzende von Toten und Schwerverletzten seit dem Beginn der sozialen Proteste im Frühjahr verantwortlich gemacht. Dabei wurden auch Journalisten gezielt bei ihrer Arbeit angegriffen, kritisiert die Stiftung für Pressefreiheit (FLIP). Videos, Fotos und Zeugenaussagen aus Städten wie Sibaté, Cali und Popayán belegen das. Doch die Regierung in Bogotá geht auch verbal gegen kritische Berichte vor allem in den sozialen Medien vor: von Cyber-Terrorismus ist die Rede. Für Jonathan Bock, FLIP-Direktor, ein Angriff auf die freie Meinungsäußerung.
mehr »

Trauer um Karl Königbauer

Bei einem tragischen Unfall während einer Bergwanderung am Heuberg bei Brannenburg ist vor wenigen Tagen Karl Königbauer (65) ums Leben gekommen. Der erfahrende Bergsteiger, der auch schon einige Sechstausender bezwungen hat, ist offensichtlich abgestürzt und zog sich dabei tödliche Verletzungen zu.
mehr »