Schon entdeckt? informationsstelle lateinamerika

Zum Thema Landraub in Chile und Argentinien: Mitglied der Mapuche-Gemeinschaft vor dem Río Chubut. Foto: ila / Roxana Sposaro-Luan Colectiva de Acción Fotográfica, ANRed

Von 1973 bis 1975 beschäftigte sich das „Zweite Internationale Russell-Tribunal“ in Brüssel und Rom mit der Verletzung der Menschenrechte in Lateinamerika. Schnell wurde die Mitverantwortung deutscher Unternehmen und der Bundesregierung, etwa durch Waffenlieferungen an die Diktaturen, für die Zustände in Lateinamerika zum Thema. Aus der deutschen Unterstützergruppe des Tribunals gründete sich im Frühjahr 1975 die ila.

Das Kürzel ila steht für informationsstelle lateinamerika – zu Beginn war es allerdings eher ein Organisationsbüro als eine Redaktion. „Wir haben graue Literatur zu Lateinamerika gesammelt und zur Verfügung gestellt, wir hatten Materiallisten mit bis zu über 100 Titeln, weil es das nirgendwo in Deutschland und Österreich gab“, erinnert sich Werner Rätz, der von Anfang an dabei ist: „Ein ganzer Raum war nur voll mit Broschüren, Heften, Flugschriften“. Kein Wunder, Politische Analyse und Informationsbeschaffung war damals ebenso wie journalistische Recherche neben Gesprächen auf archivierte Texte angewiesen. Es war die Zeit der analogue natives.

Die erste Ausgabe erschien 1976. Bereits früh wurden auch Kontroversen und Widersprüche offen thematisiert: „Wir sind immer wieder in solidarischen Streit gegangen, wie man zum Beispiel an den Heften 47 ‚Nicaragua: Wessen Revolution?‘ und 87 ‚No Future in El Salvador? sehen kann‘“, so Rätz.

Generationsübergreifendes Projekt

Mittlerweile erscheint die gedruckte Zeitschrift ila seit nunmehr 48 Jahren mit zehn Ausgaben pro Jahr, jeweils mit einem Schwerpunktthema. Seit 2001 gibt es zudem die Website www.ila-web.de, die täglich aktualisiert wird und eine ausgezeichnete Presseschau zu Lateinamerika beinhaltet.

Herausgegeben wird die ila vom Verein Informationsstelle Lateinamerika ila e.V., in dem alle in der Redaktion ehrenamtlich Mitarbeitenden Mitglieder sind. Wer bei der ila aktiv mitmacht, hat das Privileg, dem Verein kostenfrei beizutreten. Die ila ist ein generationenübergreifendes Projekt, die jüngsten Redaktionsmitglieder sind Anfang 20, die ältesten über 80. So sind die Erfahrungen aus der Anfangszeit noch präsent.

Zwei Redakteurinnen werden für die Koordination und Geschäftsführung in Teilzeit entlohnt: „Bezahlt werde ich letztlich dafür, den Laden zusammen mit Mirjana am Laufen zu halten“, bemerkt Britt Weyde: „Die inhaltliche Arbeit, also die eigentliche Redaktionsarbeit: Recherchieren, Schreiben und Übersetzen, erledige ich häufig, wie die anderen Ehrenamtlichen auch, am Abend und am Wochenende“.  So behauptet sich die ila zum Großteil durch das Engagement Vieler, die von anderen Berufen leben.

Hintergründig und unabhängig

„Finanzieren heißt aktuell – uns mehr schlecht als recht über Wasser halten“, analysiert Mirjana Jandik: „Der Alltagsbetrieb trägt sich ausschließlich über Spenden und Abos. Das ist zwar hart, aber war uns immer wichtig: Abhängig sind wir nur von den Leser*innen!“ So entscheiden die in der Redaktion Aktiven gemeinsam und ohne Einmischung von Vorgesetzten oder Herausgebenden darüber, was wie geschrieben und veröffentlicht wird.

Ein fester Kern von zehn bis 15 ehrenamtlichen Redaktionsmitgliedern konzipiert Schwerpunktthemen und übernimmt Anfragen bei Autor*innen sowie das Schreiben, Übersetzen und Layouten von Artikeln. „Außerdem haben wir ein weltweites Netzwerk an Korrespondent*innen“, betont Britt Weyde: „Das ist unsere Stärke: Wir können fast jede Anfrage zu Lateinamerika beantworten und Aktivist*innen, Journalist*innen und Wissenschaftler*innen aus Deutschland mit den passenden Leuten in Lateinamerika zusammenbringen und umgekehrt“.

Durch die Diskussionen in der Redaktion gibt es auch mal ein auf den ersten Blick überraschendes Schwerpunktthema: „Abgesehen von den aktuellen Artikeln ist es vor allem die Vielfalt unserer thematischen Dossiers, die ein so umfangreiches Bild eines Kontinents ergeben, wie man es sonst nirgendwo findet“, sagt Henry Schmahlfeldt: „Es gibt kaum ein Thema, das wir in den letzten 50 Jahren nicht behandelt hätten. Bei manchen Themen sind wir unserer Zeit voraus und es gibt dazu bislang kaum Informationen auf Deutsch“.

Dabei hat sich die ila im Laufe der Jahrzehnte gewandelt: „Es geht nicht mehr darum, überhaupt Informationen aus Lateinamerika in Deutschland zu verbreiten, sondern aus der Flut an Infos präzise auszuwählen, sauber zu recherchieren und Hintergründe zu den ganzen schnellen News zu erklären“, meint Mirjana Jandik: „Nicht verändert hat sich unsere Haltung: Wir berichten immer objektiv, aber nicht unbedingt neutral. Neutralität heißt angesichts der Zustände Komplizenschaft. Wir stehen seit 50 Jahren konsequent für soziale und ökologische Gerechtigkeit ein und verstärken die Stimmen von sozialen Bewegungen“.

Viel Information für wenig Geld

Die ila strebt an, im Digitalen stärker präsent zu sein, auf Instagram und auf der demnächst neugestalteten Website. „Die wird außerdem mindestens zweisprachig Deutsch und Spanisch“, so Britt Weyde, „denn wir kriegen oft die Rückmeldung von Autor*innen aus Lateinamerika oder Latinxs in der Diaspora in Deutschland, dass sie unsere Arbeit toll finden – uns aber auf Spanisch lesen wollen“. Demnächst sollen alle Artikel frei online verfügbar sein, statt wie bislang nur einige wenige. Um dies alles zu finanzieren, ruft die ila dazu auf, sie mit Spenden zu unterstützen – oder, am liebsten: Zu abonnieren. Durch das selbstbestimmte ehrenamtliche Engagement kann mit wenig Finanzen viel bewegt werden.

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