Schon entdeckt: Wurzener Extrablatt

Wurzener Extrablatt. Foto: Netzwerk für Demokratische Kultur

Eigentlich sollte es nur eine einmalige Jubiläumsausgabe werden: Als Martina Glass, Geschäftsführerin vom Netzwerk für demokratische Kultur (NDK) in Wurzen, anlässlich des 20-jährigen Bestehens ihres Vereins im Jahr 2020 vorschlug, ein „Wurzener Extrablatt“ zu produzieren, wusste sie zwar, dass es eine Zeitung mit diesem Namen schon einmal gegeben hatte. Es war 2003 nach zweieinhalb Jahren eingestellt worden. Dass es im Jahr 2023 ein Vorzeigeprojekt für Bürger*innenjournalismus mit demselben Titel in der sächsischen Kleinstadt geben würde, konnte die NDK-Mitarbeiterin jedenfalls nicht ahnen.

„Das erste Extrablatt Anfang der 2000er Jahre hatte vor allem das Ziel, Informationen darüber zu liefern, was für eine massive Bedrohung durch organisierte Neonazi-Netzwerke sich gerade in den

Wurzener Extrablatt. Foto: NDK

örtlichen Jugendclubs entwickelt hatte“, sagt Glass, die seit 2010 beim NDK und schon lange in der Demokratiearbeit tätig ist. Niemand habe davon hören oder darüber schreiben wollen, in welchem Ausmaß gewaltbereite Rechtsextreme in der Stadt und den umliegenden Dörfern aktiv waren, Menschen und Orte attackierten. „Das Extrablatt war damals das einzige lokale Medium, was dazu berichtet hat“, so die NDK-Geschäftsführerin. Die Hoffnung, darüber hinaus eine Art „Kreuzer für Wurzen“ – in Anlehnung an das bekannte Leipziger Stadtmagazin – zu werden, erfüllte sich allerdings nicht: Nach zwei Jahren war Schluss – obwohl sich am Grad rechter Organisierung bis heute wenig geändert hat.

Ein regelmäßiges Extrablatt

So hätte anlässlich von 20 Jahren NDK im Jahr 2020 das „Extrablatt“ einfach ein einmaliges, richtiges Extrablatt sein können. Es kam allerdings anders – und im Herbst 2023 liegt nun schon die sechste Ausgabe in vielen Wurzener Briefkästen. Das 32 Seiten umfassende Magazin mit unterschiedlichen Schwerpunkten wird mit einer Auflage von 2500 Exemplaren von Freiwilligen umsonst in der etwas mehr als 16.000 Einwohner*innen zählenden Stadt verteilt.

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Warum es dann plötzlich weiterging? Anhand von Gesprächen, so Glass, sei ihr und ihren Kolleg*innen klar geworden, dass nach wie vor ein Ort fehle, an dem über lokale Geschichten und Ereignisse zu lesen sei. Gerade von und über Menschen, denen in der Öffentlichkeit auch sonst nicht viel Raum zugestanden wurde, habe man viel zu wenig gehört. Das betrifft sowohl alteingesessene Wurzener*innen als auch neu Zugezogene. Viele Sorgen sind ähnlich: Verwaltungsbürokratie, politische Entscheidungen ohne Beteiligungsrahmen, existenzielle Fragen.

Migration und Ehrenamt

In Wurzen und Umgebung hätten nach 2015 etliche Geflüchtete der Kriege im Nahen und Mittleren Osten Fuß fassen wollen und müssen, erinnert sich die studierte Soziologin. „Wir haben nicht nur viele Menschen, die sich hier zurechtfinden mussten, komplett auf uns allein gestellt im NDK beraten, wir wollten sie auch bestärken, von ihren Erfahrungen zu berichten.“ Aber auch dafür fand sich kein regionales Medium. Zugleich gäbe es für Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement zu wenig öffentliche Wertschätzung, sagt die NDK-Geschäftsführerin. Dabei müsse es doch genau darum gehen in Zeiten von wachsender Demokratiefeindlichkeit und Beteiligungsmangel.

Migrationserfahrungen und Ehrenamt: beide Themen fanden dann als Schwerpunkte ihren Weg ins Extrablatt, aus vielfältigen Perspektiven betrachtet. „Wir wollten einfach ins Handeln kommen, Themen setzen, Kontroversen anregen, wir hatten den Eindruck, viele haben Angst, Position zu beziehen, überhaupt eine Meinung zu haben.“ Dabei könne man auch mit negativen Reaktionen umgehen: „Hauptsache, es entsteht überhaupt ein Gespräch.“ Das NDK richtete also einen Medienkompetenz-Workshop aus, anschließend gründete sich die Redaktion mit Martina Glass und vier Freiwilligen aus ihrem Zentrum. Sie fragte Leute in der Stadt an, von denen angenommen wurde, dass sie Lust hätten, zu bestimmten Dingen Beiträge zu verfassen oder interviewt zu werden. Bei den monatlichen Treffen in der Kneipe im Untergeschoss des alten Gebäudes am Domplatz 5 wird seitdem ausführlich diskutiert und geplant. Selbst schreiben die Redaktionsmitglieder inzwischen etwas weniger als am Anfang, aber sie fotografieren nach wie vor selbst, vor allem natürlich vor Ort in Wurzen.

„Wir merkten schnell: Es macht etwas mit Menschen, wenn sie schreiben, und es macht etwas mit Menschen, die diejenigen kennen, deren Beiträge sie lesen“, sagt Martina Glass.

Die Anknüpfungspunkte seien zahlreicher, das Extrablatt nehme im Grunde das Prinzip vom „Gespräch über den Gartenzaun“ auf. „Wenn die Leute eine Beziehung zu Themen und Medien haben, sich auf lokaler Ebene informieren können, dann kann man auch mal über größere Zusammenhänge reden“, beschreibt Glass ihre Erfahrungen mit der Resonanz auf das „Extrablatt“. Dabei könne es sich auch um Gegenerzählungen handeln – Narrative, die in den großen Medien nicht auftauchen, die Leute aber trotzdem sehr bewegen.

Bürger*innenjournalismus mit Erfolg

Inzwischen haben mehr als 20 Menschen für das „WXB“ geschrieben, wie es auch genannt wird. Für Glass ist das Wurzener Extrablatt vor allem ein Empowerment-Projekt, dass Menschen ermutigen soll, ihre Stärken zu entdecken. Zunächst einmal richtet es sich an Erwachsene, die vielleicht nicht unmittelbar zur Zielgruppe der Angebote vom NDK gehören. Jüngere könnte man zukünftig über eine Kooperation mit den Schulen vor Ort einbinden, überlegt die Demokratiearbeiterin.

Bleibt zu hoffen, dass der Bürger*innenjournalismus in Wurzen dem politischen Rechtsruck und den damit verbundenen Haushaltsentscheidungen, durch die zivilgesellschaftliches Engagement für Demokratie und Beteiligung immer mehr unter Druck gerät, trotzen kann. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie man Menschen aktiviert und dazu einlädt, etwas gemeinsam zu gestalten – und überdies für professionelle Medienarbeit.

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