Bauer nach Gutsherrenart

Welle der Solidarität nach Kündigung der Konzernbetriebsrätin

Der Hamburger Bauer-Verlag blickt auf ein erfolgreiches Geschäftsjahr 2009 zurück: „Das gegen den allgemeinen Branchentrend erzielte Wachstum der Bauer Media Group ist in erster Linie auf Auslandsakquisitionen zurückzuführen: Gegenüber dem Vorjahr wird der Konzernumsatz 2009 damit um rund 275 Millionen Euro auf voraussichtlich 2,06 Milliarden Euro steigen.“

Bauer als Global Winner: 308 Zeitschriften in 14 Ländern auf drei Kontinenten, davon 46 Zeitschriften mit nahezu 31 Millionen Leser allein in Deutschland; rund 9.000 Mitarbeiter weltweit. Doch mit denen tut sich der Hamburger Familienbetrieb des Öfteren sehr schwer. Das jüngste Beispiel: Der Kündigungsversuch gegen die Konzerbetriebsratsvorsitzende Kersten Artus.

Seit 28 Jahren arbeitet die heute 46-Jährige bei Bauer. Erst absolvierte sie eine Ausbildung zur Verlagskauffrau, danach war sie als Pressedokumentarin tätig. Vor zwölf Jahren dann ein Volontariat. Heute ist sie als Redakteurin bei der Zeitschrift Fernsehwoche beschäftigt. Und: Seit 1983 ist Kersten Artus mit einer Unterbrechung von vier Jahren im Betriebsrat. Zurzeit als Vorsitzende des Konzerbetriebsrates der Yvonne Bauer Redaktions KG.
Der Betriebsrätin wird das Leben als Interessenvertreterin schwer gemacht, aber von Mobbing will und möchte niemand sprechen. Fakt ist aber: Kersten Artus, die außerdem noch Mitglied im Hamburger ver.di-Landesvorstand ist und zudem für die Linke in der Hamburger Bürgerschaft sitzt, ist keine freigestellte Betriebsrätin, sondern arbeitet immer noch in ihrer Redaktion. Und hier liegt das Problem, der Hebel, die Möglichkeit oder „die Methode“, so Hamburgs ver.di-Landesbezirksleiter Wolfgang Rose, „mit der Bauer sich einer unliebsamen und aktiven Betriebsrätin entledigen“ will. Für ihre diversen Aktivitäten als Betriebsrätin, Gewerkschaftlerin oder Politikerin, die in die Arbeitszeit fallen, muss sich Artus in der Redaktion und beim Arbeitgeber ab- und danach wieder anmelden. Akribisch führte der Bauer-Verlag Buch, fixierte über Jahre auf knapp 150 Seiten betriebliches In und Out, Anlass und Uhrzeit und bewertete nach eigenem Ermessen eine „beharrliche Arbeitsverweigerung“. So auch im letzten, dem Begehren zur fristlosen Kündigung zugrunde liegenden Fall: Kersten Artus habe ungenehmigt an einer ver.di-Vorstandssitzung teilgenommen.

Kein Respekt vor Mitbestimmung

Das nennt ver.di-Sekretär Wolfgang Rose knapp und klar „Gutsherrenart“. Und Rose weiter: „Das Vorgehen des Arbeitgebers zeigt, wie wenig er Interessenvertretung und Mitbestimmung im Betrieb respektiert.“ Inhaltlich liegen da Rose und der Verleger Heinz Bauer nicht weit auseinander. Bauer beantwortete in einem Spiegel-Interview im vergangenen Jahr die Frage, ob es stimme, dass er seine „Betriebsratschefin, die seit etwa 25 Jahren im Haus ist, noch nie persönlich empfangen“ habe: „Das kann sein. Ich wüsste auch nicht, worüber ich ein konstruktives Gespräch mit ihr führen sollte.“
Es ist ein weites Feld, das der Gutsherr Bauer wirtschaftlich und redaktionell zu beackern hat: 308 Zeitschriften in 14 Ländern auf drei Kontinenten, davon 46 Zeitschriften in Deutschland. Geschäftsbericht der Bauer Media Group: „Jeder zweite Deutsche liest eine Zeitschrift aus dem Hause Bauer.“ Es sind die Segmente Frauen-, Jugend- und Programmzeitschriften. Aufgrund niedriger Copypreise können hohe Auflagezahlen erzielt werden. Die auflagenstärksten Titel sind tv14 mit über zwei Millionen und TV Movie mit ca. 1,6 Millionen verkauften Exemplaren. Nur eine Tageszeitung, die Volksstimme aus Magdeburg, gehört zum Bauer-Imperium. An RTL II ist der Konzern mit 31,5 Prozent und an Radio Hamburg mit 25 Prozent beteiligt. Auch der Pabel-Moewig-Verlag (u.a. Perry Rhodan, Der Landser, Bussy Bär und Militär und Geschichte) und die Vertriebsgesellschaft VU Verlagsunion KG gehören zu 100 Prozent dem Hamburger Verleger.
Etwa seit 1980 engagiert sich Bauer weltweit im Ausland. Die beiden Schwerpunkte sind heute England und Polen. Das polnische Radiounternehmen Broker FM, das mit dem Radio RMF zum meistgehörten Sender in Polen gehört, ist im Besitz der Bauer Media Group. In Großbritannien ist Bauer mit 38 Sendern zweitgrößter kommerzieller Radiobetreiber und mit Blättern wie Yours, FHM, Grazzia oder Closer größter Zeitschriftenverlag des Landes.
Der Bauer-Geschäftsbericht 2009: „Zum Anteilsbesitz der Bauer Verlagsgruppe gehörten im Jahr 2008 insgesamt 238 Unternehmen (Vorjahr: 168 Unternehmen). In den Konzernabschluss zum 31. Dezember 2008 wurden neben der Heinrich Bauer Verlag KG (Mutterunternehmen) insgesamt 183 in- und ausländische Gesellschaften (unmittelbare und mittelbare Beteiligungen) sowie 17 assoziierte Unternehmen einbezogen.“
Die Rechtsform dieser weltweiten Bauer Media Group ist eine KG mit Hauptsitz in der Hamburger Burchardstraße. Hier hält der inzwischen 71-Jährige Heinz Bauer immer noch die Zügel fest in der Hand, kümmert sich vor allem um die Bereiche Druck, Vertrieb und das wachsende Auslandsgeschäft. Aber er bereitet auch seine Nachfolge vor. Als „kühle Kronprinzessin“ (Die Welt) wird seine zweitjüngste Tochter Yvonne seit dem vergangenen Jahr gehandelt und aufgebaut – und das deutsche Bauer Unternehmen umgebaut. War der Konzern in der Vergangenheit schon berüchtigt für seine „Verbauersierung“, für die Zersplitterung größerer Einheiten in kleinere, eigenständige KGs mit untergegliederten GmbHs, so ging es jetzt munter weiter mit Ausgliederung, Outsourcing und Neugründungen. Als „Dienstleister“ für die Bauer Media Group wurden gegründet: die Yvonne Bauer Redaktions KG, zuständig für die Redaktionen, und die Yvonne Bauer Service KG, zu der zwei Call-Center in Magdeburg gehören.

In kleine GmbHs zersplittert

Aus den ehemaligen Edelstein-KGs wie der Achat-KG, Carat-KG oder Smaragd KG wurden die Redaktionen herausgelöst und in 14 neue GmbHs überführt. Die Folge: Waren früher etwa in der Achat KG neun Redaktionen mit circa 300 Mitarbeitern beschäftigt, was einen neunköpfigen Betriebsrat mit dem Anspruch auf eine Freistellung bedeutete, so sind in den neuen und kleineren GmbHs teilweise nur noch vier Betriebsräte möglich und eine Freistellung fällt weg. So wurde die ehemalige Achat KG in folgende vier GmbHs gesplittet: Bauer Premium GmbH, zuständig für die Yellow-Titel wie Neue Post, Das Neue, Adel exklusiv, Das neue Blatt; Bauer Copy Desk GmbH, in der die knapp zehn Schlussredakteure zusammengefasst sind; Bauer Woman GmbH für die Frauenzeitschriften Tina, Bella, Laura; Bauer Service Compact GmbH, in der Service-Seiten zu den Themen Gesundheit, Ratgeber und Reise erstellt werden. Manche der 14 GmbHs sind so klein, dass bei betriebsbedingten Kündigungen kein Sozialplan mehr zum Tragen kommt.
Der Druck auf die Bauer-Angestellten hat sich in den vergangenen Jahren enorm verstärkt. Der Verlag ist nicht tarifgebunden, Tarifgehälter sind für Neueinsteiger ein Traum. Hinzu kommt ein wahnsinniger Leistungsdruck in den Redaktionen. In einem Gespräch mit dem DJV-Organ Der Journalist sagte die Konzernbetriebsratsvorsitzende der Yvonne Bauer Redaktions KG Kersten Artus: „Ich möchte nicht wissen, was hier alles an Tabletten, auch an Aufpuschmitteln geschluckt wird.“ Ein Satz, gegen den der Bauer-Verlag mit einer Einstweiligen Verfügung erfolgreich vorging. In der Hauptsache hat das Landgericht Hamburg die Verfügung nun im Oktober aufgehoben. Beide Parteien einigten sich auf Vorschlag des Gerichts auf einen Vergleich: Kersten Artus wird den inkriminierten Satz nicht wiederholen. Und das Gericht entschied: Die Verfahrenskosten trägt Bauer.
Doch der Kampf gegen die unbequeme Betriebsrätin ging weiter und hat ihren vorläufigen Schlusspunkt in dem Kündigungsbegehren erreicht. Dem Verlegeranliegen hat der Betriebsrat nicht zugestimmt, so dass der Verlag jetzt versucht, die Zustimmung beim Hamburger Arbeitsgericht einzuholen. Erster Termin ist (nach Redaktionsschluss) der 12. November.
Eins aber steht jetzt schon fest: Bauer wird es nicht leicht haben. Denn die Solidarität auf betrieblicher, gewerkschaftlicher und politischer Ebene ist riesengroß. Wolfgang Rose von ver.di Hamburg spricht nicht nur von der verlegerischen „Gutsherrenart“, sondern bekräftigt: „Ehrenamtliches Engagement ist ein demokratisches Grundrecht.“ Und: „Die Kündigungsgründe sind vorgeschoben. Bauer will sich mit dieser Methode einer unliebsamen und aktiven Betriebsrätin entledigen.“ Rose, der ebenso wie Artus in der Hamburger Bürgerschaft sitzt, bekam in Form einer Unterlassungserklärung eine prompte Antwort von Bauer: Darin beschweren sich die Bauer-Vertreter über eine „tendenziöse, einseitige und vom Tonfall her völlig inakzeptable Gesamtdarstellung“ des Kündigungsvorganges, „eklatante Unwahrheiten“ sowie „Rufschädigung“ und „Verunglimpfung“ des Verlages. Rose kontert: „Ich bleibe, als Volksvertreter wie als Gewerkschafter, bei meiner Meinung, dass der Bauer-Verlag die Kündigung von Kersten Artus wegen ihrer betriebsrätlichen, gewerkschaftlichen und politischen Interessenvertretung betreibt.“
So wie Wolfgang Rose (SPD) sehen es auch weitere Mitglieder des Hamburger Parlaments. Abgeordnete aller vier Fraktionen (CDU, SPD, GAL, DIE LINKE) unterzeichneten einen Aufruf: „Als Abgeordnete der Hamburger Bürgerschaft erwarten wir, dass der Bauer-Verlag die Wahrnehmung demokratischer Rechte durch Kersten Artus respektiert und die fristlose Kündigung gegen sie zurücknimmt:“
Die Liste der Solidaritätserklärungen ist lang: dju, Fachgruppe Medien, der DJV, die Bauerkonzernbetriebsräte, die Betriebsräte von etlichen Hamburger Verlagen (Spiegel, Gruner+Jahr, Springer, Jahreszeitenverlag, Zeit und Zeitonline, Hamburger Morgenpost, DVV Media Group, TV Spielfilm, Fit for fun, Cinema, Milchstraße). Auf der Seite „ver.di bei Bauer“ (http://bauerverlag.verdi.de/) sind alle Solidaritätsschreiben dokumentiert. Und Kersten Artus selbst? Auf ihrer Homepage (www.kerstenartus.de) schreibt sie: „Ich bin überwältigt von der großen Solidarität, die ich erlebe und bin mir einmal mehr sicher, dass diese Kündigung nicht haltbar sein wird.“

 

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