Bislang größter Streik bei der ARD

Auch die Azubis beteiligten sich am Streik im SWR
Foto: Andreas Rosar

Wetterberichte mit Flipchart und Post-its, Sendungen aus der Konserve und Ausfälle ganzer Hörfunkwellen – der von ver.di ausgerufene Streik- und Aktionstag hatte am 18. September massive Auswirkungen auf Radio- und Fernsehprogramm der Landesrundfunksender der ARD. Am bislang größten bundesweiten Streik im öffentlich-rechtlichen Rundfunk beteiligten sich mehr als 3000 Beschäftigte von BR, WDR, SWR, MDR und NDR. In den anderen Sendern gab es Solidaritätsaktionen.

„Zur Durchsetzung unserer Tarifforderungen ruft die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) zum Warnstreik auf“, hieß es Dienstagmittag aus dem BR, dem WDR, dem NDR und dem SWR, am Morgen danach folgte dann der MDR. Radio Bremen hatte zu einer Aktiven Mittagspause aufgerufen und auch in den restlichen ARD-Sendern sowie dem ZDF und dem Deutschlandradio wurden Solidaritätsaktionen organisiert. Aus der Deutschen Welle in Bonn und Berlin gab es eine Solidaritätsbotschaft an die streikenden Kolleginnen und Kollegen.

Grund für den historischen bundesweiten Ausstand sind die festgefahrenen Tarifverhandlungen. Die ARD-Sender sind mit ihren Angeboten bisher deutlich unter den Abschlüssen im Öffentlichen Dienst (ÖD) geblieben, wo Anfang dieses Jahres Gehaltserhöhungen von 3,2 Prozent pro Jahr erstritten  werden konnten.

NDR-Beschäftigte im Ausstand
Foto: Mathias Thurm

Der ÖD-Abschluss galt in den vergangenen Jahren als Maßstab auch für die Tarifsteigerungen im öffentlichen-rechtlichen Rundfunk. Das soll nun offenbar nicht mehr so sein. Die Beschäftigten befürchten eine Abkoppelung von der Lohnentwicklung im ÖD. „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinen Beschäftigten darf, wenn er seiner besonderen Aufgabe in unserer Demokratie gerecht werden soll, auch materiell nicht weiter geschwächt werden“, forderte der stellvertretende ver.di-Vorsitzende Frank Werneke. Er kritisierte, dass sich allzu viele Verantwortliche in den Anstalten sowie in Landesregierungen und Landesparlamenten dem populistischen Druck von verschiedenen Seiten beugten, statt klar und deutlich für die Sender und die sichere Finanzierung von Programm und Beschäftigten zu kämpfen.

Streik im WDR unterstützt vom Rundfunkorchester
Foto: ver.di

Alles andere als kämpferisch hörten sich denn auch die Erklärungen des Verwaltungsdirektors des Bayerischen Rundfunks und Vorsitzenden der ARD-Finanzkommission Albrecht Frenzel an, der auf einer heutigen Pressekonferenz in Stuttgart von der SZ mit den Worten zitiert wird: „Wir würden unsere Mitarbeiter gerne angemessen bezahlen, wenn wir es denn könnten.“ Weil die Einnahmen des BR im Vergleich zu denen der Länder im vergangenen Jahr nur um 4,7 Prozent gestiegen seien, sehe man sich nicht in der Lage, mehr als den Inflationsausgleich zu bezahlen. Ein „ein klares Bekenntnis für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und seine besondere Rolle in unserer Demokratie“, wie es ver.di-Vize Werneke fordert, hört sich anders an.

ver.di-Streikversammlung vor dem Stuttgarter Funkhaus des SWR
Foto: Joe E. Roettgers

Immerhin, dass der Streik Wirkung gezeigt habe, zumindest auf das Programm, das hatte Frenzel zugegeben. So war bereits seit Mitternacht das Hörfunkprogramm Bayern 2 auf Bayern 3 geschaltet und sendete kein eigenes Programm mehr. Auch die Frequenzen von B5 aktuell und BR Klassik wurden seit dem frühen Morgen mit dem Unterhaltungsprogramm von Bayern 3 gefüllt. Die digitalen Wellen BR Heimat, Bayern plus und PULS sendeten zwar ein eigenes, jedoch reduziertes Programm.

„Wir sind Bayern“-Fernsehhund Henry mit rotem ver.di-Basecap teilte den Zuschauer*innen auf der Website mit, dass die Live-Sendung leider entfallen muss
Bild: Screenshot

Am Abend musste dann auch die geplante Championsleague-Übertragung auf B5 aktuell ausfallen. Im BR-Fernsehprogramm wurde die „Münchner Runde“ abgesagt. Das Polit-Magazin „Kontrovers“ musste vorab aufgezeichnet werden. Ebenfalls abgesagt werden mussten die „Abendschau“ sowie die Live-Sendungen „Wir in Bayern“ und „Kabarett aus Franken“. Die „Rundschau“ war inhaltlich teilweise ausgedünnt, da mangels Personal auf Beiträge verzichtet werden musste, die „Frankenschau aktuell“ wurde nicht gesendet. Im Regionalstudio Main-Franken hat kein einziges Produktionsteam seinen Dienst angetreten. Auf ARD-alpha musste das „Tagesgespräch“ ausfallen. Auch die digitalen Plattformen im Web, die Apps und die sozialen Medien konnten nur eingeschränkt bedient werden.

Streikversammlung in München
Foto: Werner Przemeck

Erstmals in der Geschichte des Bayerischen Rundfunks ist es damit durch einen Streik zu Störungen im Programm gekommen. Insgesamt haben sich an allen Standorten 1000 Beschäftigten am Streik beteiligt, davon allein 700 an der zentralen Veranstaltung in München und 130 an der Streikveranstaltung in Nürnberg.

Abenteuerliche Auswirkungen hatte der Streik im NDR, wo sich insgesamt etwa 550 Menschen am Ausstand beteiligt haben. Mangels Kolleginnen und Kollegen der Studiotechnik musste das Schleswig-Holstein Magazin dort am frühen Abend aus dem Großraumbüro gesendet werden. Statt auf einem hochmodernen Touch Screen war der Wettermoderator zudem gezwungen, seine Vorhersagen auf einem Flipchart zu präsentieren. Die Temperaturen wurden vorsintflutlich mithilfe von Post-its in die selbst gemalten Schleswig-Holstein-Karten geklebt.

Streikversammlung der Beschäftigten des WDR in Köln
Foto: Philipp Bösel

Einschneidende Änderungen im Programmablauf gab es wie schon bei Streiks im Juli und im August erneut beim WDR. Zwar hatte der Sender dort diesmal vorgesorgt und bereits vor dem eigentlichen Sendebeginn um 5:30 Uhr eine Stunde Morgenmagazin (MoMa) aufzeichnen lassen, die dann während des Streiks gesendet werden konnte, die Zuschauer*innen über den Grund des Sendens einer Aufzeichnung zu informieren, kamen die Verantwortlichen jedoch nicht umhin. Ebenfalls ausfallen mussten später etwa noch „Live nach 9“, das aus der Konserve gesendet wurde, sowie das Verbrauchermagazin „Servicezeit“. Zudem gab es erhebliche Probleme in den Studios. Insgesamt haben sich beim WDR 530 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Ausstand beteiligt.

Streikversammlung vor dem Stuttgarter Funkhaus des SWR
Foto: Joe E. Roettgers

Beim SWR haben ähnlich viele Streikende für Beeinträchtigungen im Hörfunk- und Fernsehprogramm gesorgt. So mussten die Fernsehnachrichten in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ausfallen. Stattdessen wurden die Nachrichten aus dem Saarländischen Rundfunk gesendet. Um 16:30 Uhr ist die „Landesschau“ in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ausgefallen. Die Live-Sendung vor den Landesnachrichten „Landesschau“ fiel auch in Stuttgart aus. In Baden-Baden haben indes Streikende die Live-Sendung „Kaffee oder Tee“ mit ver.di-Fahnen und Trillerpfeifen geentert.

Weil ver.di gemeinsam mit der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) zum Streik aufgerufen hatte, wurden die Ausstände vielerorts, so wie etwa hier beim MDR, auch durch die Rundfunkchöre und -orchester unterstützt.

Die nicht streikenden öffentlich-rechtlichen Sender beteiligten sich mit Solidaritätsaktionen. So fand etwa beim RBB, der Ende Oktober in die Tarifverhandlungen startet, ein Info- und Protesttag mit mehreren Flashmobs statt, beim Saarländischen Rundfunk beglückte man etwa 100 Beschäftigte mit einem Eiswagen und informierte über die laufenden Tarifverhandlungen. Ebenso beim Deutschlandradio, wo statt Eis allerdings Bio-Kaffee serviert wurde. Und die Mainzelmänner und –frauen aus dem ZDF schickten solidarische Grüße vom Lerchenberg.


Weitere Informationen zu den Streiks und Aktionen am 18. September auf rundfunk.verdi.de

 

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