Die Mitglieder entscheiden

Kundgebung von Journalisten an Tageszeitungen auf dem Stuttgarter Schlossplatz am 12. März 2018 für die Steigerung der Reallöhne und der Honorare.
Foto: Martin Storz

Umfrage zum Tarifergebnis für Redaktionen von Tageszeitungen

Die Forderung nach einer echten Real­­lohnsteigerung für Journalistinnen und Journalisten an Tageszeitungen wurde auch in der siebenten Verhandlungsrunde am 2. Juli nicht erfüllt. Die Tarifkommission der dju in ver.di hat das letzte Angebot der Verleger deshalb nicht angenommen – jedoch der DJV. Derzeit entscheiden die ver.di-Mitglieder in den Streikbetrieben, ob sie dieses Ergebnis akzeptieren oder weiter für mehr streiten wollen. M sprach mit dem ver.di-Verhandlungsführer Mat­thias von Fintel.

M | Warum gab es bei der dju keine schnelle Zustimmung?

Matthias von Fintel | Dieser Verhandlungsstand ist als Ergebnis einer kämpferischen Tarifbewegung nicht akzeptabel. Er wird aus unserer Sicht dem Engagement und dem Einsatz vieler Kolleginnen und Kollegen, die sich an den Arbeitskämpfen, Aktionen und Demonstrationen beteiligt und ein Signal für den Wert journalistischer Arbeit gesetzt haben, nicht gerecht. Auch nach Streiks mit über 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern waren die Verleger im BDZV nicht bereit, ein Lohnplus anzubieten, das über der Inflationsrate liegt. Das zwischen DJV und BDZV erzielte Ergebnis bringt für die meisten Kolleginnen und Kollegen einen Reallohnverlust. Unterm Strich wurde nicht einmal ein Inflationsausgleich erreicht.

„Offenbar haben die Verleger den Schuss der streikenden Kolleginnen und Kollegen noch nicht gehört“, kommentierte der Verhandlungsführer der Deutschen Journa­listinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di, Matthias von Fintel, die Ergebnisse der dritten Verhandlung in Stuttgart.
Foto: Martin Storz

Was konkret passt der dju am Ergebnis nicht?

Da ist zunächst die lange Laufzeit von 31 Monaten bis in den Juli 2020. Nach unseren Erfahrungen mit dem BDZV wird es dann nicht plötzlich ganz schnell gehen mit einem neuen Gehaltstarifvertrag, zumal auch der Manteltarifvertrag zum Jahresende kündbar ist. Es ist also davon auszugehen, dass es erst 2021 wieder ein Tarifergebnis gibt. Damit droht ein ausgefallenes Tarifjahr für Zeitungsredaktionen und das, nachdem auch ab Mai 2018 und Mai 2019 mit 1,9 und 2,4 Prozent nur im günstigsten Fall ein Inflationsausgleich für diese beiden Jahre erreicht wird, allerdings keine Steigerung. Für 2020 sieht das Ergebnis im März nur eine Einmalzahlung vor, die ja bekanntermaßen nur zu dem Moment wirkt und die Tarifgehälter nicht nachhaltig erhöht. Genau solche dauerhaften Abkopplungen von den Tarif- und Preisentwicklungen wollten die dju und bis zur Paraphierung eines anderen Tarifergebnisses auch der DJV in dieser Tarifrunde gerade nicht mehr hinnehmen. Für das Ziel der Reallohnsteigerung haben die Kolleginnen und Kollegen schließlich gestreikt und sich engagiert.

Und was springt für die Freien raus? Hier hatte ver.di doch auch weitere Forderungen?

Wir wollten im selben Geltungsbereich, in dem der Gehaltstarifvertrag gilt, auch die Tarife für Freie durch­setzen. Doch die von uns geforderte Erweiterung auf Verlage in Mecklenburg-Vorpommern und Hessen wurde vom BDZV abgelehnt. In allen anderen Verlagen im bisherigen Geltungsbereich sollen nun für Freie die Text- und Foto-Honorare sowie die Pauschalen für Redaktionsdienste um 1,9 und 2,4 Prozent ab Mai 2018 und im Mai 2019 steigen, und als Einmalzahlung ein Viertel der monatlichen Pauschalen oder ein Viertel eines monatlichen Durchschnitts-Honorars gezahlt werden.

Ganz gut sieht es bei den Berufseinsteiger_innen aus. Jedoch wurde für sie ursprünglich eine höhere Einmalzahlung gefordert?

Für sie sieht das bisherige Ergebnis tatsächlich besser aus, aber nach einem ersten Blick ist auch dies angesichts einer so langen Laufzeit nicht überzeugend. Wir haben noch am 1. Juli zu Beginn der Verhandlung diesen Teil zuerst verhandelt und uns dafür stark gemacht, die „Jungen“ besser zu stellen. Die Erhöhung der Gehälter für ausgebildete junge Redakteur_innen in der Tarifstufe 2b (1. bis 4. Berufsjahr) um 135 Euro und 100 Euro für Volos ab 2018 ist stark. Denn es macht für die Jungredakteur_innen etwa 4,2 Prozent aus. Doch zusammen mit der zweiten Steigerung von 2,4 Prozent um dann insgesamt 6,6 Prozent wirkt sich das Ergebnis über 31 Monaten dann jedoch auch nur wie eine normale Tarifsteigerung um 2,5 Prozent pro Jahr aus. Der Schub und das Aufschließen zu Berufseinsteigern anderer Branchen gelingt damit nicht. Für Volos werden die Gehälter sogar nach der ersten Erhöhung in 2018 eingefroren, es findet weiter keine Tarifsteigerung statt. Sie werden sozusagen innerhalb des Tarifabschlusses abgekoppelt.

Nachdem es zu wenig Bewegung von Seiten der Verleger in Richtung der dju-Forderungen ge­geben hatte, riefen die Gewerkschaften wenige Tage vor der siebenten Verhandlungsrunde zur Urabstimmung auf. Mit welchem Ergebnis?

Das Ergebnis war überzeugend. 90 Prozent der dju-Mitglieder in den Streikbetrieben stimmten für zweimal 2,8 Prozent mehr Geld bei einer zweijährigen ­Tarifvertragslaufzeit und 150 Mindesterhöhung für Berufseinsteiger. Das war für dju-Verhandlungskommission richtungsweisend für die siebente Runde. Deshalb hat sie auch nicht dem skizzierten Ver­hand­lungs­stand zustimmen wollen, weil das allermeiste aus dem Tarifergebnis nicht dem entspricht, was sich unsere dju-Mitglieder von dieser Tarifrunde gemeinsam mit allen Streikenden in den Redaktionen versprochen haben.

Zurzeit läuft die Mitgliederbefragung zum Tarifergebnis der Verleger und des DJV. Wie geht es weiter, je nachdem wie die Umfrage ausgeht?

Bis Mitte September soll in Mitgliederversammlungen oder auch in einer Umfrage während der Arbeitszeit im Verlag abgestimmt werden. Zur Entscheidung steht, ob wir an unserem Ziel in dieser Tarifauseinandersetzung – nämlich echten Reallohnsteigerungen – festhalten. Das hätte zur Folge: das Tarifergebnis zwischen DJV und BDZV nicht nachträglich mit ab­zuschließen. Damit halten wir uns die Möglichkeit offen, in einzelnen Verlagen oder Regionen unseren Forderungen mit Streikaktionen jederzeit Nachdruck zu verleihen. Denn wir sind dann nicht in der Friedenspflicht und in der Lage, alle Redakteur_innen und ­Freien eines Verlages, auch Unorganisierte und DJV-Mitglieder, zum Streik für höhere Tarifsteigerungen aufzurufen. Mit Sicherheit wird es Anlässe dafür geben und wir werden unsere Strategie dahingehend ausrichten. Die Alternative wäre, das Tarifergebnis nachträglich zu unterzeichnen und es damit auch als dju in ver.di zu akzeptieren, inklusive der dann bis Ende Juli 2020 geltenden Friedenspflicht.

Entschieden wird mit der Mehrheit, die erreicht ist, wenn die Hälfte der Abstimmungsteilnehmer_innen sich dafür oder dagegen ausspricht mit persönlich abgegebenen Voten. Eine schriftliche Abstimmung ist nicht vorgesehen. Die Ergebnisse werden bundesweit zusammengefasst und veröffentlicht. Das Resultat wird die dju-Tarifkommission zur verbindlichen Grundlage ihrer Beschlussfassung über die Fortführung oder Beendigung der Tarifrunde nehmen.

Gespräch: Karin Wenk


Hinweis der M-Redaktion

Über das Ergebnis der Abstimmung und die Entscheidung der Tarifkommission im September wird M Online aktuell berichten http://mmm.verdi.de

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