Die Ruhe vor dem Sturm?

Unsichere Zeiten für Tageszeitungen in Mecklenburg-Vorpommern

Beim Nordkurier in Neubrandenburg herrscht gewaltige Unruhe, bei der Ostsee-Zeitung in Rostock kündigen sich einschneidende Veränderungen an. In Schwerin bei der Schweriner Volkszeitung ist man nahezu verstummt – zu sehr hat der dort seit 2005 erfolgte Personalabbau die Angst um den eigenen Arbeitsplatz geschürt.

Die Ruhe in der Landeshauptstadt ist symptomatisch für die aktuelle Situation in den drei Verlagshäusern Mecklenburg-Vorpommerns. Es passiert nichts mit wahrnehmbarer Außenwirkung und doch empfindet man dies als Ruhe vor dem Sturm, der sich gerade zusammenbraut. Die Anhörung in Mecklenburg-Vorpommerns Landtagsinnenausschuss am 16. November 2005 über die Situation und Perspektiven der Printmedien des Landes hat eine kritische Bestandsaufnahme erbracht. Es gab Anregungen zur Änderung des Landespressegesetzes, unter anderem für Redaktionsstatute. Doch in den vergangenen knapp zwei Jahren haben die Landespolitiker das Thema wieder auf Eis gelegt, nichts hat sich seitdem getan. Es ist daher höchste Zeit, Betriebsamkeit zu entwickeln, bevor unumkehrbare Unternehmensentscheidungen die Printlandschaft in dem Bundesland nachhaltig negativ verändern.
Vom Leser nicht bemerkt, gärt es momentan in Neubrandenburg am kräftigsten. In den Redaktionsstuben des Nordkuriers wird gezittert. Das Klima zwischen Geschäftsleitung und Betriebsrat ist sehr angespannt. Für die Anzeigen- und Beilagenabteilung wurde zum 1. Januar 2006 eine neue Gesellschaft, die MV Medien-Service GmbH und Co. KG (MV MS) gegründet, ein erster Outsourcing-Schritt. Bei den Wahlen zum elfköpfigen Betriebsrat im Mai vergangenen Jahres wurde aber noch gemeinsam gewählt, auch mit der Belegschaft der gerade ausgegliederten, neu gegründeten Gesellschaft. Auch aus dieser wurden zwei Vertreterinnen das Vertrauen ausgesprochen. Anfangs ließ die Geschäftsführung, die die Wahlaufstellung und die Wahl nicht beanstandet hatte, die Arbeitnehmervertretung gemeinsam wirken. Dann erschienen ab Frühjahr 2007 die beiden MV MS-Kolleginnen nicht mehr zu Betriebsratssitzungen – wie sich herausstellte, weil Druck vom Arbeitgeber ausgeübt wurde, der sich nunmehr als eigenständiger Betrieb sieht. Jetzt wartet Fritz Krüger, Betriebsratsvorsitzender beim Nordkurier, gleich auf zwei Entscheidungen des Arbeitsgerichts. Zum einen wird über die Behinderung des Betriebsrates geurteilt, zum anderen juristisch die Frage geklärt, ob es sich bei beiden Unternehmen weiterhin um einen gemeinsamen Betrieb handelt. Doch Krüger macht sich noch über andere Dinge seine Gedanken. So hat die Kurierverlags GmbH und Co. KG, zu dem die Kieler Nachrichten, Augsburger Allgemeine und Schwäbische Zeitung gehören, beim Verband der Zeitungsverlage Norddeutschland (VZN) noch während der diesjährigen Gehaltstarifverhandlungen ihren Mitgliedsstatus geändert. Seit dem 15. Mai ist sie nur noch Verbandsanhängsel ohne Tarifbindung (OT).

Tarifbindung gefordert

Der stellvertretende VZN-Vorsitzende Manfred Christoffer, Geschäftsführer beim Neubrandenburger Verlag, hat trotzdem noch die Tarifgespräche weitergeführt, obwohl er sich ja wohl offenkundig um die Verbindlichkeit eines Abschlusses für sein Verlagshaus drücken wollte. Auf einer Betriebsversammlung im Juli wurde er aufgefordert, die Vollmitgliedschaft der Kurierverlags GmbH beim VZN wieder herzustellen. Eine Reaktion darauf blieb aus. Daher ist nun beim Nordkurier eine Unterschriftenaktion unter den 375 Beschäftigten mit eben dieser Forderung angelaufen. Es darf spekuliert werden, dass der Weg zur OT-Mitgliedschaft beim VZN bereits ein erster Schritt zur Umsetzung eines ganzen Maßnahmenkatalogs ist, der die Handschrift der Unternehmensberatung Schickler trägt, die sich in Neubrandenburg umgesehen hat. Auf der Internetseite der Hamburger Beratergruppe führt man als Referenzwerbung unumwunden „übergreifende Kostensenkungsprogramme“ als ein Leistungsangebot auf. „Der Outsourcingprozess dürfte sich fortsetzen“, befürchtet Michael Pfeifer, ver.di-Fachbereichssekretär. Nicht nur er kennt den Ruf, der Schickler vorauseilt. Nach der Gesellschafterversammlung am 30. Oktober werden alle Beteiligten schlauer sein. Diese kommt keine 48 Stunden, bevor der neue Geschäftsführer Lutz Schumacher in Neubrandenburg seinen ersten Arbeitstag hat, zusammen. Auch Schumacher eilt ein Leumund voraus, der in der Nordkurier-Redaktion die Alarmglocken schrillen lässt. Sein letzter Arbeitgeber war die Münstersche Zeitung, wo er im Auftrag von Verleger Lambert Lensing-Wolff die Geschäfte ordnete. Dazu gehörte auch, dass dort im Januar dieses Jahres in einem bundesweit bisher einmaligen Akt die gesamte Lokalredaktion ausgetauscht wurde. „In der neuen Redaktion hat niemand einen Vertrag, der länger als zwei Jahre befristet ist“, weiß Frank Biermann von der dju im Münsterland um die verlegerische Willkür und ungeschützt-befristete Anstellungsverhältnisse. „Aus Augsburg beispielsweise wissen wir, dass dort mit Leiharbeitern gearbeitet wird“, will Fritz Krüger Klarheit von den Gesellschaftern. Deshalb hat er diesen ein Schreiben zukommen lassen. „Mal sehen, ob die uns antworten“, ist der Betriebsratschef gespannt. Er erinnert sich noch an 2002, als erstmals Verschlankungen in der Nordkurier-Redaktion greifen sollten, die Kündigungen aber alle nicht wirksam wurden, weil die Verlagsleitung geschlampt hatte und bei den Entlassungen die Sozialauswahl außen vor ließ. Dadurch konnten sich die betroffenen Redakteure wieder einklagen. Auf einer Betriebsversammlung im Juli wurde in Neubrandenburg ein einprozentiges Umsatzplus im gleichen Atemzug wie die „Notwendigkeit von Einschnitten“ verkündet. Wie diese konkret aussehen sollen, auf diese Frage erwartet die Belegschaft noch diesen Monat auf einer weiteren Betriebsversammlung eine Antwort.

Schleichende Vereinheitlichung

Bei der Ostsee-Zeitung in Rostock erfolgt seit kurzem die Umstellung auf das Redaktionssystem Hermes. Dieser Schritt ist Teil einer von der Geschäftsleitung angekündigten Vereinheitlichung der technischen Systeme zwischen der Ostsee-Zeitung und den Lübecker Nachrichten, die im kommenden Jahr abgeschlossen werden soll. Beide vom Springer-Verlag dominierten Blätter kooperieren bereits in geringem Umfang und haben mit Thomas Ehlers seit Ende 2006 ein und denselben Geschäftsführer, zuvor stellvertretender Geschäftsleiter bei der fusionserprobten Zeitungsgruppe Berlin. In Medienkreisen ist die Zusammenlegung der Mantelredaktion beschlossene Sache – nur noch eine Frage der Zeit. Ungeklärt ist lediglich, aus welcher Hansestadt diese dann produziert. „Inhaltliche Abstriche sind unabhängig vom Standort zu befürchten“, so Michael Pfeifer, der sich um das Profil, die Authentizität sorgt. „Qualität wird auf der Strecke bleiben“, ist er überzeugt. Betriebsbedingte Kündigungen sind beim Fusionsprozess gar nicht einmal nötig, weil bis 2013 ohnehin 40 Redakteure aus beiden Zeitungshäusern altersteilzeitbedingt aussteigen. Es gibt ferner Gedankenspiele, bei den Lübecker Nachrichten (LN) und der Ostsee-Zeitung (OZ) die Redaktionssekretariate aufzulösen. Ehlers spricht dabei lediglich von einer Umstrukturierung; erfahrungsgemäß bedeuten solche Floskeln aber eine Arbeitsverdichtung. Warnendes Beispiel für den OZ-Betriebsrat ist die Fusion von Welt und Berliner Morgenpost. „Die Redakteure drehen sich oft wie im Hamsterrad“, beschreibt Petra Pulver vom Gesamtbetriebsrat der Konzernmutter Axel Springer deren Arbeit. Wie die schleichende Vereinheitlichung aussieht, das erfährt man in Rostock schon einmal in der Kantine, wo die Essensbezeichnung wie „Aktionsgericht“ und die Beschriftung der Speiseangebote aus der LN-Küchenzeile übernommen wurde.
Die dritte Tageszeitung des Landes, die Schweriner Volkszeitung (SVZ), leidet seit 2005 unter einem massiven Kahlschlag des neuen Eigentümers, des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags (s:hz). Das erklärte Ziel einer Reduzierung um 120 Stellen ist nahezu umgesetzt, selbst das Redaktionsarchiv fiel dem Rotstift zum Opfer. Teile des Mantels kommen mittlerweile aus Flensburg, wohin auch immer mehr Verlagstätigkeiten bis hin zur Honorarabrechnung verlagert werden. Die Drohung, die SVZ und ihre Anzeigenblätter im 2001 überdimensioniert errichteten und seitdem nie ausgelasteten s:hz-Druckzentrum Büdelsdorf zu produzieren, steht im Raum. Auf der jüngsten Betriebsversammlung im Vormonat versuchte SVZ-Geschäftsführer Bernd Bleitzhofer den Mitarbeitern ein optimistisches Bild zu vermitteln, aber seine Bilanz endete mit der Aussage, die wirtschaftliche Lage habe sich noch nicht entscheidend verbessert. Auflagenverluste und unbefriedigende Anzeigengeschäfte führte er für seine Aussage ins Feld. Bei den 270 Beschäftigten in Schwerin weiß man diese Worte zu bewerten und rechnet mit weiteren Einschnitten.

„Mediensteppe“ befürchtet

Und auch hier mahnt ver.di-Medienexperte Pfeifer: „Die in den Verlagshäusern auf Gewinnmaximierung gerichteten unternehmerischen Maßnahmen werden zu Qualitätsverlusten führen, die Akzeptanz in der Leserschaft und die Identifikation mit ‚ihrer’ eigentlichen Heimatzeitung wird schwinden. Das führt zu Auflagenrückgängen. Die Abwärtsspirale bei den Printmedien schreitet voran, so lange, bis es keine Nennenswerten mehr geben und Mecklenburg-Vorpommern zu einer ‚Mediensteppe‘ verkommen sein wird. Die in Mecklenburg-Vorpommern erzielten Gewinne werden anderweitig in neue Geschäfte gesteckt.“

Die Verlage

Ostsee-Zeitung

Gesellschafter: Axel Springer AG (50 %)
Lübecker Nachrichten (50 %)
Mitarbeiter: 410 – Auflage: 176.652 *
Anzahl Lokalausgaben: 10

Nordkurier

Gesellschafter: Kieler Nachrichten, Augsburger Allgemeine und Schwäbische Zeitung (je 1/3)
Mitarbeiter: 365 – Auflage: 103.628 *
Anzahl Lokalausgaben: 13

Schweriner Volkszeitung

Gesellschafter: Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag sh:z (100%)
Mitarbeiter: 270
Auflage: 116.194 *
Anzahl Lokalausgaben: 11 **

*    Druckauflage, Stand 2. Quartal 2007, Quelle: IVW
**    inklusive Norddeutsche Neueste Nachrichten und Der Prignitzer

Kampagne für Qualität und Vielfalt

Gemeinsam mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund und anderen Partnern setzt sich ver.di für die Sicherung von Qualität und Vielfalt in den Medien Mecklenburg-Vorpommerns ein. Mehr zur Kampagne unter www.qualität-und-vielfalt-sichern.de

Weitere Infos: www.svz.verdi-mv.de
www.nordkurier.verdi-mv.de
www.ostsee-zeitung.verdi-mv.de

nach oben

weiterlesen

Kinogeschichte(n) aus Bielefeld

Wenn es um eine „Filmstadt“ geht, denkt man an Berlin, München, Hamburg, vielleicht noch Köln. Aber Bielefeld? Jene Stadt, die Berühmtheit erlangte, weil es sie angeblich gar nicht gibt? Eine Sonderausstellung im Historischen Museum der ostwestfälischen Metropole hält nun diesbezüglich unter dem Titel „Die große Illusion“ bis zum 25. April 2021 einige Überraschungen bereit.
mehr »

Aktiengeschenk: Döpfners Steuercoup

Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass Springer-Erbin Friede Springer dem Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner einen großen Teil ihrer Aktien geschenkt hat. Steuern entrichten will dieser dafür aber wohl nicht. Das wäre mal eine Bild-Schlagzeile gewesen: »Springer-Chef prellt den Staat um eine halbe Milliarde«. Schöner Traum. Ist ja wohl auch alles legal. Dabei ragt der Steuercoup an der Spitze des Axel-Springer-Konzerns auch im skandalreichen Deutschland weit hervor.
mehr »

Bußgeld für politische Werbung

Die Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK) hat ein Bußgeld in Höhe von 65.000 Euro gegen den Regionalsender L-TV verhängt, weil dieser gegen Bezahlung Demonstrationen der Initiative „Querdenken 711“ beworben und übertragen hatte. Das Verfahren war bereits im August eingeleitet worden. Grundlage ist ein Verstoß gegen § 11 Abs. 1 des Landesmediengesetzes in Verbindung mit § 7 Abs. 9 des Rundfunkstaatsvertrags, wonach politische Werbung im Rundfunk unzulässig ist.
mehr »

Was bleibt vom Hörspiel?

Was Hörspiele einst bewirken konnten, belegt der Fall „Krieg der Welten“ von Orson Welles. Die Fiktion, ein Angriff der Außerirdischen, wurde am Abend des 30. Oktober 1938 im amerikanischen Radiosender CBS ausgestrahlt und soll von nicht wenigen Hörer*innen als authentische Live-Reportage empfunden worden sein. Was würde wohl heute passieren – und was bleibt übrig von der „Krönung des Funks“?
mehr »