Die Zahl der Toten hat sich beinahe verdoppelt

Reporter ohne Grenzen zieht Bilanz für 1999 – Weltweit 653 Angriffe auf Journalisten, 446 Verhaftungen und 36 Tote

1999 wurden nach Ermittlungen von Reporter ohne Grenzen weltweit beinahe doppelt so viele Journalistinnen und Journalisten bei der Ausübung ihres Berufes oder wegen ihrer Veröffentlichungen ermordet wie 1998. Die Zahl der Angriffe und Drohungen betrug 653, und 446 Journalisten wurden verhaftet bzw. zu Gefängnisstrafen verurteilt.


Im vergangenen Jahr wurden 36 Journalisten ermordet. Der Hauptgrund für diesen dramatischen Anstieg liegt in kriegerischen Konflikten – und in der Tatsache, dass die Kombattanten überall auf der Welt die Freiheit der Berichterstattung nicht schützen, sondern Journalisten im Gegenteil oft gezielt angreifen.

  • In Sierra Leone, wo insgesamt zehn Berichterstatter den Tod fanden, war dies ebenso der Fall wie in Tschetschenien, wo – bis jetzt – drei Tote zu beklagen sind oder in Jugoslawien, wo sechs Journalisten getötet wurden: einer von unbekannten Attentätern in Belgrad, zwei (die beiden Stern-Reporter Gabriel Grüner und Volker Krämer) wahrscheinlich von proserbischen Milizen im Kosovo und drei bei der Bombardierung der chinesischen Botschaft durch NATO-Flugzeuge. Dem Angriff der Allianz auf das Belgrader Rundfunk-Gebäude fielen keine Journalisten zum Opfer, weil diese das Haus zuvor geräumt hatten, doch 16 Techniker und andere Mitarbeiter fanden den Tod. 
  • In Ost-Timor war wahrscheinlich die reguläre indonesische Armee für den Tod von zwei Journalisten verantwortlich, in vielen anderen Länderen attackierten paramilitärische Gruppierungen oder Guerilleros die Medien – von telefonischen Drohungen über tätliche Angriffe bis hin zu Entführung und Mord reichen die Mittel. In Sri Lanka fielen solchen Auseinandersetzungen drei, in Indien und der Türkei je ein Journalist zum Opfer. Besonders bedrohlich wird die Situation auch dort, wo zu politisch motivierter Gewalt die skrupellosen Methoden organisierter Krimineller hinzukommen. Kolumbien ist wiederum trauriges Exempel für eine solche Situation: Im Jahr 1998 starben hier vier Journalisten, 1999 waren es sechs.

    Nur scheinbar ein Rückgang der Inhaftierungen

    Die Zahl der inhaftierten Journalisten hat sich im Dezember 1999 mit 83 gegenüber 93 im gleichen Monat des Vorjahres leicht verringert. Doch leider spiegelt diese Zahl nicht die tatsächliche Entwicklung wieder: In der Demokratischen Republik Kongo zum Beispiel sitzen derzeit drei Journalisten im Gefängnis, doch die Zahl der Verhaftungen im Laufe des Jahrees war mit insgesamt 40 ungleich höher. In Kuba sitzen vier Journalisten hinter Gittern, doch gab es 46 Fälle von Inhaftierungen, wobei viele Betroffene gleich mehrfach festgenommen wurden.

    Die Länder mit der höchsten Zahl von Inhaftierten bleiben Birma (13), China und Syrien (jeweils 10) sowie Äthiopien (9). Die Haftbedingungen sind in all diesen Ländern schlecht – besonders lebensbedrohend aber in Birma und Syrien. Die birmesische Journalistin San San Nweh, Trägerin des Menschenrechtspreises 1999 von Reporter ohne Grenzen, ist seit 1994 inhaftiert und in der Haft schwer erkrankt (Vergleiche M 1/98 Aktion für…). Freunde und Angehörige, die ihr Nahrungsmittel und Medikamente zukommen lassen wollten, wurden von Agenten des Geheimdienstes bedroht. Der Syrer Nissar Nayouf ist nach schweren Folterungen teilweise gelähmt und leidet außerdem an einem Tumor, dessen Behandlung die Behörden verweigern. Reporter ohne Grenzen versucht in diesen und zahlreichen anderen Fällen zumindest die Verbesserung der Haftbedingungen zu erreichen.

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