Eine Nachrichten-Ente

Peinliche Szenen aus der Redaktion

Erinnert sich noch jemand an das gefälschte Fax, das Ende Januar für kurze Zeit die Schlagzeilen beherrschte? Unter dem Absender „Bundeskanzler a.D. Dr. Helmut Kohl“ erhielten verschiedene Nachrichtenagenturen ein Schreiben, in dem es unter anderem hieß: „Um Schaden von der Christlichen Demokratischen Union abzuwehren, habe ich mich entschlossen, die Namen der Persönlichkeiten, die meine Arbeit in der CDU finanziell unterstützt haben, vor einem hochrangigen Ausschuss zu nennen.“

Der Umgang mit diesem Schreiben ist ein Lehrbeispiel dafür, wie in manchen Fällen gearbeitet wird. Es ist ein Beispiel von vielen, eines das öffentlich wurde, das Anlass zur Diskussion und zum Kommentar gab. Es ist ein Beispiel für die Verletzungen von Grundsätzen der journalistischen Arbeit.

Einer dieser Grundsätze steht in jedem Lehrbuch und lautet: „Zuverlässigkeit geht vor Schnelligkeit.“

Andere Grundsätze stammen aus dem Pressekodex: „Nachrichten und Informationen sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen. Oberstes Gebot der Presse sind Achtung vor der Wahrheit und wahrhaftige (wird dieses Wort noch benutzt?) Unterrichtung der Öffentlichkeit.“

Keiner wird nun zugeben, elementare Regeln des Nachrichten-Handwerks auf den Kopf zu stellen, und doch, sehr oft geschieht genau dies, und das Motto dabei lautet: Wer ist der Schnellste?!

Ich möchte niemanden an einem Nasenring durch die Arena ziehen, wenn ich kurz wiederhole, was passiert. ist. Ich möchte keine Kollegen-Schelte betreiben, wenn ich Namen nenne. Ich möchte Fragen stellen, schließlich bin auch ich auf diese „Ente“ hereingefallen.

Es beginnt an einem Sonntag um 16.18 Uhr mit einer Eilmeldung von reuters. In Halbsätzen mit Großbuchstaben steht da: „Kohl – Werde in einem hochrangigen Ausschuss Spendernamen nennen.“ Um 16.23 Uhr meldet ap die „Sensation“, ergänzt mit dem Satz „Das kündigte Kohl in einer Erklärung in Berlin an“. Um 16.27 Uhr kommt die Bestätigung der dpa: „Dies teilte Kohl am Sonntagnachmittag mit“.

Drei scheinbar unabhängige Quellen berichten übereinstimmend, damit wird eine solche Information amtlich, aber in Wahrheit doch nur halbamtlich. Um 16.30 Uhr habe ich eine Falschmeldung in meinen Nachrichten. Dann um 17.23 Uhr das Dementi: die Agentur afp schreibe, „alles falsch, sagte ein Kohl-Sprecher. (Übrigens: adn hatte die Geschichte erstmals um 17.26 Uhr in der „Original-Faxfassung“.) Wer kontrolliert nun den Inhalt von Informationen, bevor sie veröffentlicht werden? Und schreiben vier von fünf einfach darauf los oder sogar voneinander ab?

Ein Lob an diejenigen Kollegen, die das Selbstverständliche getan und gewartet haben, bis die Information geprüft war. Gab es etwa Zweifel? Wenn ja, hätten diese kenntlich gemacht werden müssen? Auch ich hätte diese eine (!) Stunde Geduld aufbringen können und müssen, bis zuverlässig feststeht, was wahrhaftig ist. Andere recherchierten in dieser Zeit nur Sinnloses: mehrere CDU-Landesverbände begrüßen die Kohl-Erklärung und die Sprecherin des Bundespräsidenten sagt eine Prüfung zu.

Die Erklärungen der Verantwortlichen am nächsten Tag, Entschuldigungen habe ich nicht gehört, kamen kleinlaut daher und entlarven denjenigen, der sie ausspricht. Man sei getäuscht worden, die Sicherung habe nicht funktioniert, man sei Plausibilitätsketten (?) aufgesessen und man habe versucht, jemanden zu erreichen, der die Angaben bestätigt. Das heißt, es werden Informationen veröffentlicht, die nicht bestätigt und nicht geprüft sind. Eine Kleinigkeit? Wohl nur für Kollegen, die in solchen Fällen erklären: Das versendet sich!

Denken wir eigentlich noch über unsere Arbeit nach? Ist der angebliche Druck, unter dem wir stehen tatsächlich ein Zeitdruck oder einer der Quote? Leidet etwa die Seriosität? Oder leiden einfach die Leser, Hörer und Zuschauer?

Mir sind Falschmeldungen peinlich! (Bin ich der Einzige?)


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